„Sie hat Proben von ihren früheren Lovern.“, flüsterte sie. Eine Weile starrte er sie ungläubig an, dann fing er an zu begreifen. Dann fing er an zu lachen. Und hörte lange nicht wieder auf. Die Ameise ergriff die Flucht. Ein paar Minuten später wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und fragte, nach Atem ringend:
„Du willst sagen, du hast eine Spermaprobe eines der Lover deiner Mutter …?“
„Ja.“ Da die Ameise weg war, wurde ein Brötchenkrümel interessant. Er gab einen eigenartigen Laut von sich.
„Ich sag doch, dass ihr irre seid.“ Statt erneut ein Messer zu ergreifen und es ihm in den Leib zu rammen, fiel Holly erleichtert in sein Lachen ein.
„Wie ist er so?“, fragte Stefania, als Holly sie über ihre Rückkehr mit ihm in Kenntnis setzte.
Sie war überrascht gewesen, als er am Ende ihrer Vorstellung ihrer Familie verkündete, dass er sie begleiten wollte. Sehr überrascht, denn ihren Anschlag hatte sie, im Gegensatz zu ihm, noch immer nicht vergessen, und da war ja noch die Theorie von Dick. Überrascht, geschmeichelt war sie gewesen, aber sie hatte sich insgeheim gefreut, hoffte, dass sie sich näher kommen könnten, sie und dieser geheimnisvolle Mann.
Er ist ein wenig wie du, dachte Holly, sagte aber: „Er ist nett; vielleicht ein wenig steif, aber nett. Er hat viel gelesen, das wird dich freuen, du liest doch auch so viel.“ Und verdammt schnell für eine Fünfjährige, dachte sie.
„Ist er lustig?“ Holly überlegte.
„Er kann ernst, aber auch lustig sein.“, antwortete Holly unsicher und dachte an sein Amusement von heute Morgen.
„Ich glaube, er hat ein Geheimnis.“, flötete die Kleine. Wie kam sie darauf? Fängst du auch schon an wie Dick, dachte ihre Mutter.
„Du kennst ihn doch gar nicht.“, wies ihre Mutter sie zurecht.
„Ich werde ihn kennenlernen.“, hielt ihre Tochter dagegen.
„Ja, das wirst du.“, gab ihre Mutter zu.
Holly lächelte stolz, als sie das Gespräch beendete. Jedes andere Kind in diesem Alter hätte danach gefragt, ob der in Aussicht gestellte Gast ein Geschenk mitbringt, ob er reich sei. Nicht so ihre Tochter; für Stefania waren andere Dinge wichtig, wie zum Beispiel die Persönlichkeit und der Charakter, nicht die Körpergröße oder die Marke seines Autos.
Über Madeira fragte er Holly, wie beiläufig: „Wisst ihr eigentlich, wie es Tom und Sarah ergangen ist?“ Er sah sie gebannt an. Seit Stunden schon hatte sie das Gefühl, dass ihn etwas umtrieb, und nun glaubte sie, dass es diese Frage gewesen sein könnte. Wieso er so ein großes Interesse an den Personen hatte, die am Anfang ihrer Familiengeschichte standen, konnte sie jedoch nicht ermessen.
„Sie sind mit diesen Franzosen, bei denen sie lebten, nach Kanada gegangen und dort wohl auch gestorben; ihre Kinder gingen dann wieder zurück in die Staaten.“, informierte sie sachlich.
„Wisst ihr, wo sie begraben sind?“ Holly zuckte die Schultern. Warum fragte er danach? Was hatte er mit Menschen zu tun, die seit hundert Jahren tot waren? Holly kam nicht auf den Gedanken, auf den ihr Großonkel Dick vielleicht gekommen wäre, dass nämlich Magnus‘ Interesse einen ganz einfachen Grund hatte.
„Du musst Dick fragen.“ Das würde er tun.
„Kyonna, zieh dir doch endlich etwas Vernünftiges an, sie kommen gleich.“, maulte Will.
„Erstens dauert es noch ein paar Stunden und zweitens habe ich keine Lust, mich blicken zu lassen.“, antwortete seine Tochter schnippisch.
„Was hast du nur? Er kommt extra aus diesem Europa angereist, um uns kennenzulernen.“
„ Ich habe ihn nicht eingeladen.“, entgegnete Wills Tochter trotzig.
Kyonna trug eine gewagte Kurzhaarfrisur, die die Kopfseiten nahezu unbehaart ließ, riesige Ohrringe und ein weites, buntes Gewand, das an traditionelle Kleider afrikanischer Frauen erinnerte. Ihre sehnigen Unterarme waren mit bunten Armreifen bestückt. Ihr durchaus hübsches, ovales Gesicht mit der kleinen, fast schmalen Nase und den vollen Lippen, das erstaunlich jung wirkte und an dem besonders ihre großen Augen auffielen, drückte vor allem eins aus: Unwillen.
„Seine Vorfahren bedeuten dieser Familie sehr viel.“, erklärte ihr Vater Bekanntes.
Eben, dachte sie. Vor allem einer, aber das weiß glücklicherweise ja niemand außer mir.
„Mir aber nicht.“, umschiffte sie die Wahrheit wie eine gefährliche Klippe. Sie rauschte, begleitet von einem missbilligendem Kopfschütteln ihres Vaters und dem Klimpern der Armreifen, davon.
Sie schloss die Tür ihres Zimmers hinter sich ab und warf sich auf ihr Bett, um an die Decke zu starren. Fünf Jahre. Seit Stefanias Geburt schleppte sie dieses schlechte Gewissen mit sich herum, das sie fast erdrückte. Sie konnte dem Kind nicht in die Augen sehen, denn dort sah sie immer nur ihn. Seine Mimik, seine Gesten, sein Blick, sein Lachen, alles fand sich bei der Kleinen wieder. Sie waren damals zwar nur einige Stunden zusammen gewesen, aber er hatte eine dermaßen starke Ausstrahlung gehabt, dass sie diese Stunden immer wieder in voller Länge abrufen konnte. Bei keinem ihrer anderen Lover passierte dies, nur bei ihm. Manchmal dachte sie, wenn er keinen Gummi getragen hätte, wäre sicher etwas passiert mit ihr, als er kam. Etwas Unheimliches. Sie würde seinem Sohn nicht unter die Augen treten, egal, wie lange er bliebe. Sie könnte es nicht ertragen. Er sah seinem Vater zu ähnlich. Ihr reichte als ewige Anklage schon die Kleine. War der tägliche Anblick Stefanias nicht schon Strafe genug? Mussten sie auch noch seinen Sohn hierher schleppen?
Sie bestiegen den Leihwagen und fuhren los. Nach einer Weile fragte Magnus: „Wieso war deine Mutter dagegen, dass du zu mir fuhrst?“
„Ich glaube, sie hatte gar keinen wirklichen Grund. Sie interessiert sich nicht für die Familiengeschichte, sie hält das für Zeitverschwendung, unnötiges Zeug. Sie meint, wir würden dir eine Dankbarkeit erweisen, die dir nicht zusteht, denn schließlich waren es deine Vorfahren, die geholfen hatten.“ Ein klein wenig Unsicherheit schwang schon mit in ihrer Rede, was ihm durchaus nicht entgehen konnte.
„Sie hat recht.“, konstatierte er irreführend.
„Ja, vielleicht. Doch es geht nicht in erster Linie um Dankbarkeit, jedenfalls nicht mir. Deine Vorfahren haben nichts mehr davon, wenn wir ihnen oder dir dankbar sind. Ich finde es einfach schön, dich kennengelernt zu haben, auch unabhängig von den alten Geschichten.“ Holly lächelte ihn süß von der Seite an und eine Glocke in seinem Innern fing an, sich bemerkbar zu machen. Gleichwohl war da noch etwas anderes, Profaneres, was er aber mitdenken musste und das ihm nun in den Sinn kam.
„Wovon lebt ihr eigentlich?“ Holly starrte nach vorne und war rot geworden. Schön, dass ihre Haut nicht so dunkel ist, dass man diese Röte noch sehen kann, dachte er, sie steht ihr gut. Für die Antwort brauchte sie eine Zeit.
Holly hatte einen zaghaften Versuch gemacht, ihm ein wenig ihre Gefühle für ihn zu offenbaren, und nun das. Ein romantischer Typ schien er nicht zu sein. Insoweit war sie traurig, sie schämte sich allerdings auch, und das hatte nichts mit Romantik, umso mehr aber mit Realität zu tun.
„Grandpa bekommt eine Rente.“, informierte sie mit ein wenig Trotz im Timbre. Er schwieg und wartete.
„Ich kümmere mich um Stefania.“ Das klang nach Rechtfertigung. Er schwieg und fuhr.
„Mom hilft manchmal in einem Kosmetiksalon aus und verkauft Trödel.“ Da schwang Missbilligung mit.
Magnus schwieg und konzentrierte sich auf den Verkehr. Sollten sie sich finanzielle Unterstützung erhoffen? Hatten sie deshalb Holly losgeschickt? Er mochte diesen Gedanken nicht und wünschte, dass es anders sei. An Schlimmeres, wie zum Beispiel Erpressung, wagte er gar nicht zu denken. Holly wäre wohl kaum mit dem Messer auf ihn losgegangen, wenn sie Materielles von ihm erwarteten, nicht wahr? Obwohl – etwas schräg schienen die ja zu sein. Nicht wie Sarah. Die schmale, ernste Sarah, die einfach nur froh gewesen war, frei zu sein.
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