Am meisten machte ihm zu schaffen, dass der Vater ein solches Buch besaß. Ob er es gekauft oder geschenkt bekommen hatte? Wusste die Mutter, dass in ihrem Haus so etwas aufbewahrt wurde? Er grübelte darüber nach, wer dieses Buch geschrieben haben könnte. Was für ein Mensch war das? Weshalb setzte er einen solchen Text in die Welt? Zudem ärgerte er sich über die Hinterlist des Autors, die Verbrechen an der Missionarstochter, die er selber erfunden hatte, den Wilden in Afrika anzuhängen.
Seine Haltung gegenüber Rosanna hatte damit nichts zu tun. Dessen war er sich sicher. Dass sich zwei Menschen beim Liebesspiel grob anfassten, war etwas Anderes. Weder seine Gedanken noch seine Taten zielten auf Rosannas Demütigung ab. Wenn er sich vorstellte, sie wäre die Missionarstochter und dem allem ausgesetzt, wurde ihm auf der Stelle übel. Wie hatte er glauben können, mit Brunos Nachhilfestunden sei er auf alles Sexuelle vorbereitet? Von ihm hatte er erfahren, dass es Straftatbestände gab wie Unzucht an Minderjährigen und Nötigung zu unzüchtigen Handlungen. Er wusste, dass es Irre und Verbrecher gab. Er fand es auch richtig, wenn man sie in Anstalten und Gefängnissen einsperrte. Aber The Leopard Girl war etwas ganz Anderes, denn es zerstörte die Unschuld seiner Welt. Es war offenbar ein wertvolles Buch, von einem gebildeten Menschen geschrieben, von einem genialen Künstler illustriert und von einem Meister in Leder gebunden. Und diese unheilige Schrift hatte ihr Versteck im Aktenschrank des Vaters.
Das Leopardenmädchen erschütterte ihn in solchem Maße, dass er nicht wusste, an wen er sich wenden sollte. Selbst Rosanna musste alle Register ziehen, bis sie ihn dazu brachte, ihr sein Herz auszuschütten. Sie gab ihm Recht.
„Ich denke ähnlich wie du. Wenn ich einen Brutalofilm sehe, dann denke ich, dass solche Szenen nur von Menschen ausgedacht werden können. Weil nur die Menschen dazu fähig sind. Ich denke aber auch, dass die Menschen nur das tun, was sie gesehen haben. Die Gewalt kommt von den Bildern. Aber die Bilder kommen ebenso von der Gewalt.“
Rosanna versuchte aber auch, ihn zu beruhigen: „Vielen Menschen genügt die Einbildung. Der Mann, der das Buch geschrieben hat, wird wohl nie im Leben ein Mädchen misshandeln. Vielleicht ist es sogar gut, dass er es aufgeschrieben und sich so davon befreit hat. Vielleicht hätte er sonst etwas Schlimmes getan.“
Ein anderes Mal sagte sie. „Auch mir macht Pornographie Angst. Aber stell dir doch einfach mal vor, wir hätten uns zusammen das Leopardenmädchen ausgedacht. Wir hätten bloß rumgemacht und so getan. Verstehst du, was ich meine? Ein erfundenes Spiel. Etwa so, wie wenn du sagst, dass du mir die Brüste abbeißt. Das denkst du auch nicht wirklich. Wenn du zum Beispiel zu mir sagen würdest: ‚Jetzt brenne ich dir am ganzen Körper ein Leopardenfell ein’, dann würde ich doch total erregt davon. Es kann ja sein, dass ein Mann und eine Frau sich gemeinsam die Geschichte ausgedacht haben. Vielleicht stellten sie sich all das beim Vögeln vor.“
Als Rosanna ihn schließlich bat, ihr das Buch auszuleihen, zögerte er zuerst. Aber da er es selber gelesen hatte, konnte er ihr den Wunsch nicht ausschlagen. Sie schien auch nicht so empfindlich zu sein wie er selber. Am anderen Tag packte er es in seine Schultasche. Nach der letzten Stunde ging er zur Direktionssekretärin und bat um einen Kopierschlüssel. Er müsse für den Biologielehrer ein Skript für die Klasse vervielfältigen. Dabei streckte er der Dame ein Handout mit den menschlichen Geschlechtsorganen unter die Nase.
Sie sagte nur: „Na, so was...“, und händigte ihm schnell den Schlüssel aus. Serenus stand eine halbe Stunde lang an dem Xerox-Gerät und lichtete das Leopardenmädchen Seite um Seite ab. Er brachte den Schlüssel zurück, ging nach Hause und verstaute das Buch dort, wo es hingehörte. Die Kopien legte er zwischen seine Schulsachen.
Serenus war von der Gewalttätigkeit so benommen, dass er beim Sex mit Rosanna nicht bei der Sache war. Er brachte es nicht über sich, ihre Brüste und ihre Vulva anzufassen. Sie fühlte, dass er geschont werden wollte. So lagen sie oft einfach nackt auf seinem Bett und hielten sich umschlungen. Sie unterhielten sich und Rosanna streichelte ihn dabei. Pure Zärtlichkeit war für beide etwas Neues und einige Male schliefen sie auf diese Weise miteinander. Sie taten es wie in Zeitlupe, sahen sich dabei in die Augen und flüsterten sich verliebte Worte ins Ohr. Letztlich verdankten sie es brutaler Pornografie, dass sie diese sublime Form der Intimität entdeckten.
Das Außergewöhnliche an ihrer Liebe waren die Intensität und die Dauer sowie ihre Jugend. Serenus war erst dreizehn und Rosanna vierzehn Jahre alt, als sie ihre Kindheit hinter sich ließen. Sie liebten und begehrten sich vier Jahre lang. Sie hätten sich weiter geliebt und weiter begehrt, wenn Rosanna nicht eines Tages verschwunden wäre. Noch außergewöhnlicher an ihrer Liebe war, dass ihnen außer ihrer Hingabe keine Ausdrucksform zur Verfügung stand. Sie trafen sich eigentlich nur im Bett und unbekleidet.
Rosanna wurde von ihrem Vater und ihren Brüdern so sehr kontrolliert, dass sie gar keinen Freund hätte haben können. Da er aufs Gymnasium ging, schien es für sie naheliegend, dass sich die Kleine von Serenus bei den Hausaufgaben helfen ließ. Da Rosanna nicht mit Jungen ausgehen durfte, überlegte das heimliche Paar gar nicht erst, was sie gerne gemeinsam unternommen hätten. Es erschien gottgewollt, dass sie einfach zu ihm kam, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Ihre Sehnsucht war stärker als die Angst vor den Männern ihrer italienischen Familie.
Während der ersten zwei bis drei Jahre kamen sie ungefähr einmal pro Woche zusammen, dann verringerte sich die Häufigkeit ihrer Treffen auf ein bis zwei Mal pro Monat. Aber zu jener Zeit veränderte sich vieles. Einschneidend war vor allem, dass sein Vater in Rente ging und von einem Tag auf den anderen zu Hause blieb. Er saß in seinem Arbeitszimmer und beschäftigte sich mit seinen Studien. Viele seiner Reisen hatten ihn in Entwicklungsländer geführt und er hatte dort Zeugnisse von Magie und Aberglaube gesammelt. Die primitiven Mythen und Weltanschauungen waren nun sein neuer Zeitvertreib. Der Vater begegnete zwar Rosanna mit Wohlwollen, aber es war doch anders als vorher, als sie sich in ihrer nahezu sturmfreien Bude austoben konnten.
Serenus wiederum ging neuen Verpflichtungen nach. Er besuchte die Tanzstunde und am Wochenende die Partys seiner Schulfreunde. Oft konnte er gar nicht anders, als ein Mädchen auszuführen, wenn er mit seiner Clique in die Disco oder zu einem Popkonzert ging. Serenus verehrte das andere Geschlecht und es gab immer ein weibliches Wesen, das ihn zeitweilig entzückte. Er ließ sich gelegentlich zu Knutschereien hinreißen, aber sobald es ernster wurde, nahm er Abstand.
Auch Rosanna veränderte sich. Sie besuchte die Berufsschule und machte gleichzeitig ein Praktikum als Bankkauffrau. Sie musste alles geben, um den Anforderungen zu genügen. Zudem war sie oft in sich gekehrt oder launisch. Manchmal brütete sie vor sich hin oder sie sagte verletzende Dinge, über die sie selber erschrak. Es kam immer öfter vor, dass sie seine Nähe nicht ertrug und sich hundert Mal dafür entschuldigte, dass sie so abgespannt sei. Sie stritten sich oft, aber jede Auseinandersetzung gipfelte darin, dass sie sich die Kleider vom Leibe rissen und über einander herfielen. In dieser Zeit verfestigten sich ihre Rollen. Rosanna unterwarf sich ganz seiner sexuellen Dominanz, während er sich von ihr nichts mehr gefallen ließ.
Einmal, als er Analverkehr mit ihr hatte, sagte er: „Ich könnte dich auch noch ins Gesicht schlagen und du würdest mich dafür anbeten.“
Es war nur dirty talking , wie sie es nannten, ihr Spiel, mit dem sie sich gegenseitig aufheizten. Aber als sie sich nach dem Orgasmus küssten, sagte sie: „Ich möchte wirklich wissen, wie es ist, wenn du mich dabei schlägst.“
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