Solche Dialoge führten sie täglich. Bruno ließ sich ohne Hemmungen über Sex aus. Er zeigte auch keine Überheblichkeit, wenn er merkte, wie ahnungslos Serenus war. Im Gegenteil, er gab seine Kenntnisse gerne preis. Serenus wiederum wagte nicht danach zu fragen, wo sich sein Freund dieses Wissen angeeignet und was er schon am eigenen Leib erfahren hatte. Ihre Pausengespräche brachten eine wesentliche Entspannung in den Schulhof. Solange Serenus Bruno zu diesen Dingen befragte, verprügelte dieser keine Kinder. Schließlich hieß es sogar, dass Serenus einen guten Einfluss auf Bruno habe.
Es war erstaunlich, wie viel die Gynäkologie und die Urologie zu reden gaben. Bruno ging bereitwillig ins Detail und Serenus ließ sich alles mehrmals erklären, bis er es sich vorstellen konnte. Das männliche Organ war nicht nur leicht zu verstehen, sondern es bot auch die Möglichkeit, die Theorie am konkreten Beispiel zu veranschaulichen. Serenus borgte sich des Vaters Rasierspiegel aus, dessen eine Seite ein Hohlspiegel war und sein Geschlechtsteil formatfüllend anschwellen ließ. Während der Untersuchung führte er Selbstgespräche.
„Ihr zwei seid also meine Eier. Es wird Zeit, dass ihr Spermien macht. Nehmt euch ein Vorbild an den beiden Schwellkörpern, die schon wissen, was Sache ist.“
Er zog seine Vorhaut zurück.
„Und du bist meine Eichel. Möchtest du in ein glitschiges Mädchenloch gesteckt werden?“
Nun versuchte er, sich die Reise der Spermien vorzustellen. Es gab eine Leitung von den Hoden zu einer Drüse im Beckenboden. Er steckte sich sogar den Finger in den Darmausgang, konnte jedoch das Gesuchte nicht finden. Von dort führte die Direttissima durch das Glied bis zur Spitze der Eichel. Dann ließ Serenus seine Organe verschwinden, indem er sie sich zwischen die gekreuzten Beine klemmte, und stellte sich vor, er wäre ein Mädchen. Er betrachtete seine Bauchdecke.
„Und wo soll hier drinnen ein solches Rohr Platz finden?“
Mit einem Kugelschreiber zeichnete er die Umrisse seines eigenen Phallus auf die Haut. Links und rechts davon malte er zwei Walnüsse und um den Bauchnabel herum einen Tennisball: Scheide, Eierstöcke und Gebärmutter. So mochte es in etwa hingehen.
Sexualkunde beinhaltete nebenbei auch Sprachunterricht, denn Bruno vermittelte Serenus ein gewisses Vokabular. Gleichzeitig warnte er ihn davor, diese Ausdrücke in Anwesenheit von Erwachsenen zu gebrauchen. Er würde damit nur Ärger bekommen. Zuhause schrieb Serenus die Wörter in ein kleines Notizbuch, das er gut versteckt hielt. Titten, Möpse, Möse, Fotze, ficken, bumsen, aufs Kreuz legen, knutschen, fummeln, Hure, Nutte, Schwuler, Wichser und so weiter.
Inzwischen waren sie bei den Praktiken angelangt. Serenus hatte längst begriffen, dass Mann und Frau sich beim Geschlechtsverkehr paarten. Das ergab ja noch Sinn. Aber nun erklärte ihm Bruno, dass es schwule Männer und lesbische Frauen gab, die es miteinander trieben. Serenus konnte kaum glauben, dass sie das Hindernis der Gleichgeschlechtlichkeit umgingen, indem sie sich die Geschlechtsteile stimulierten und sich sogar in den Hintern fickten. Noch mehr erstaunte ihn, dass auch gewöhnliche Paare solche Dinge taten. Bruno erklärte ihm, dass es Männer gab, die Frauen vergewaltigten oder Kinder dazu zwangen. Andere taten es mit Frauen, die es mit jedem machten, jedoch Geld dafür verlangten. Es gab sogar Männer, die Sex mit Tieren hatten. Serenus befremdete das alles sehr, aber Bruno fand nichts Besonderes dabei. Die alten Griechen seien alle schwul und pädophil gewesen, behauptete er, und im alten Rom habe es mehr Huren gegeben als verheiratete Frauen.
Serenus versuchte diese Informationen auf die Menschen zu übertragen, die er kannte. Er saß in der Küche und beobachtete die Mutter, die Weihnachtsplätzchen backte. Ihre Brüste hatte er wohl zwei oder drei Mal gesehen, aber von ihrem Unterleib hatte er keine Ahnung. Wie der Vater nackt aussah, das wiederum wusste er. Dass sie zusammen geschlafen hatten, war nicht zu leugnen, denn sonst säße er nicht hier. Aber das war vor zwölf Jahren gewesen. Hatten sie nach seiner Geburt weitergebumst? Nein, das war ausgeschlossen. Onkel Goldfinger war immer noch mit dem Minirock zusammen. Das war ein klarer Fall. Bestimmt hatte das Hippie-Mädchen Spaß an solchen Dingen. Dann fiel ihm sein merkwürdiger Bruder ein. Er würde zu den Feiertagen nach Hause kommen und fromme Sprüche von sich geben. Es war zwecklos, ihn nach seiner Freundin zu fragen. Stattdessen könnte Serenus sich vergewissern, ob er wirklich und wahrhaftig Priester werden wollte. Nicht einmal der Vater, der manchmal sehr direkt werden konnte, fragte den Bruder nach seinem Privatleben. Serenus beobachtete die Mutter, wie sie Zimtsterne auf das Backblech legte und mit Zuckerguss bepinselte. Etwa so müsste Sperma aussehen, dachte er, jedenfalls hatte Bruno das Zeug so ähnlich beschrieben. Die Mutter blickte auf und lächelte ihm zu.
„Woran rätselst du herum, mein Schatz?“, fragte sie ihn.
„Mein Bruder ist anders herum“, antwortete er ohne nachzudenken. Danach hätte er sich am liebsten die Zunge abgebissen. Die Mutter rührte langsam mit dem Backpinsel in der kleinen Schale, die den Zuckerguss enthielt.
„Du meinst...?“
Sie sprach es nicht aus. Serenus nickte.
„Er interessiert sich nicht für Frauen.“
Die Mutter bestrich die restlichen Plätzchen und schob das Blech in den Ofen. Nach einer Weile sah sie ihn wieder an.
„Es ist das Abwegigste, Serenus“, sagte sie ganz ruhig, „aber es ist doch nicht abwegig. Besser, du behältst das für dich. Ehrenwort?“
Sie setzte sich hin und dachte nach.
„Du bist noch ein Kind. Wie kamst du darauf?“
Bruno hatte ihn vor den Erwachsenen gewarnt. Er musste vorsichtig sein.
„Ich bin wohl erst elf. Und es ist nichts dabei, wenn ich mit den Mädchen von nebenan spiele. Aber ich weiß, dass die kleine Jacqueline ein süßes Gesicht mit hübschen Locken und dass Erika schöne Beine und dass Rosanna eine besondere Ausstrahlung hat. Das sagst du ja selber auch.“
„Du willst damit sagen, dass du Mädchen beachtest, dein Bruder jedoch nicht...“
„Sie sind so sehr zum Anschauen, dass man Freude bekommt, auch wenn man erst elf ist. Aber er ist einundzwanzig.“
Sie sah ihn merkwürdig an und sagte mit halblauter Stimme: „Man muss sich wohl damit abfinden. Der Ältere ist anders herum und der Kleine ist bereits ein halber Mann.“
Es klang endgültig und Serenus wusste, dass das Gespräch beendet war.
Was Bruno ihm erzählte, war immer schwer einzuordnen. Doch einen wahrhaftigen Schrecken jagte er ihm ein, als er auf die Exhibitionisten und Voyeure zu sprechen kam. Es war wieder Frühling geworden und die Polizei hatte abends im Stadtpark einen Mann festgenommen, der nur mit einem Regenmantel und Pantoffeln bekleidet gewesen war. Er hatte sich zwischen den Bäumen versteckt und auf junge Mädchen gewartet, denen er seine Erektion zeigte. Bruno wusste auch von einem Sportlehrer an ihrer Grundschule, der immer in die Garderobe kam, wenn sich die Schülerinnen duschten und umzogen. Es gab perverse Lustmolche, fasste Bruno zusammen, die sich heimlich an kleinen Mädchen aufgeilten.
Am darauffolgenden Wochenende bekam Serenus eine schwere Grippe und musste eine Woche lang das Bett hüten. Als er wieder gesund war, hatten die Osterferien begonnen, so dass er Bruno während insgesamt drei Wochen nicht mehr begegnete. Das beruhigte ihn über alle Maßen, denn er hoffte, dass der Exhibitionist bis zum Schulanfang in Vergessenheit geraten sein würde.
In der Tat, Bruno wandte sich neuen Themen zu. Er beschäftigte sich zurzeit damit, dass es in anderen Ländern andere Sitten gab. In Israel schnitt man den Knaben die Vorhaut ab. In Asien und in Afrika konnte ein Mann so viele Frauen heiraten, wie er wollte, musste sie aber ihren Eltern abkaufen. In Italien hängte man das blutige Laken der Hochzeitsnacht vor das Haus, um zu beweisen, dass die Braut noch unberührt gewesen war. Die Bayern wiederum heirateten erst, wenn die Frau schwanger war, damit ihre Fruchtbarkeit feststand. In Japan gab es Geishas zu mieten, die den Mann mit Musik und Tanz unterhielten, bevor sie mit ihm ins Bett gingen. In Arabien hielten die Könige ihre Frauen in Gefängnissen und ließen sie von Männern bewachen, denen die Eier entfernt worden waren. In Brasilien gab es Männer, die sich Brüste wachsen ließen und Damenwäsche trugen.
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