Serenus hatte von Bruno gelernt, dass die treibende Kraft der Sexualität und aller ihrer ungezählten Spielarten, beides sein konnte, das Gute wie das Böse. Er wusste indessen auch, dass es keine Gerichtsbarkeit gab, die ihr Tun verurteilen würde. Sie bewegten sich in einem gesetzlosen Raum und waren frei, ihre Gier zu befriedigen, wie immer sie wollten. Als er Rosanna fragte, ob sie richtig fände, was sie machten, war sie verwirrt und dachte, Serenus wünschte sich etwas Anderes von ihr. Als er die Frage präzisierte, antwortete sie, sie sei gewiss nicht zimperlich und sie habe gewusst, dass er ein Grobian sei, denn sie habe schon einiges von ihm eingesteckt. Jedenfalls sei nichts kaputtgegangen, fügte sie hinzu und betrachtete die Schrammen an ihren Körpern.
Am nächsten Tag kam sie nochmals auf seine Frage zurück.
„Ich finde es richtig, wie wir uns lieben. Aber dass ich zu dir komme, ist verboten. Ich bin katholisch und Italienerin. Ich darf nicht daran denken, was sie mir antun, wenn sie es herausfinden. Mein Vater trinkt und ist zu allem fähig. Auch meine Brüder sind Italiener und dürfen nichts davon erfahren.“
Serenus hatte von seiner Familie nichts zu befürchten. Die Mutter würde es genauso hinnehmen, dass er Sex hatte, wie sie sich damit abgefunden hatte, dass der Bruder womöglich schwul war, und der Vater würde ihn zu seiner Eroberung beglückwünschen. Obwohl er selber völlig unbeschwert war, nahm er wahr, dass Rosanna von einer tiefen Angst zerrissen wurde, so dass er um sie fürchten musste. Gleichzeitig war diese Bedrohung wie ein Hochofen, in dem sie zusammengeschmolzen und in eine einzige Form gegossen wurden. Die Angst stiftete sie dazu an, aus ihrer glühenden Liebe einen Schutzschild zu schmieden.
Nachdem sie zwei oder dreimal miteinander geschlafen hatten, fand Serenus ein Päckchen mit einer Notiz auf seinem Schreibtisch.
Liebe Rosanna. Es sind drei Schachteln. Das reicht fürs Erste. Nimm jeden Tag eine. Immer zur gleichen Zeit. Ich wünsche Euch beiden Glück. Eure Mutter
Rosanna war außer sich vor Freude.
„Es ist echt gut, wie sie sich kümmert. Ich hätte nicht gewusst, wie ich an die Pille kommen sollte. Meine Mutter würde ein Jahr lang heulen und mein Vater würde mich totschlagen.“
Sie organisierte ein sicheres Versteck, das nicht einmal Serenus kannte, und tatsächlich wurde es all die Jahre über nicht entdeckt. Die Mutter lieferte alle drei Monate Nachschub. Erwähnt wurde die Angelegenheit mit keinem Wort. Eine Nebenwirkung des Hormons bestand darin, dass sich die Gefäße in Rosannas Brüsten ausdehnten und das Geäder durch die Haut zu sehen war. Jetzt wirkten ihre Brüste noch durchsichtiger als vorher.
Eines Tages wollte Serenus bloß den Fotoapparat zurücklegen, den sein Vater im ausgeliehen hatte. Zuunterst und zuhinterst in dem Aktenschrank des Vaters stieß er auf das Buch. Es sah wertvoll aus. Das Auffallende daran war, dass es außen nicht beschriftet war. Innen enthielt es vor allem Text, aber auch Illustrationen, die fast wie Fotografien aussahen. Ihm schwanden beinahe die Sinne, als sein Blick auf eine Szene fiel, in der ein Mädchen bedrängt wurde. Es wurde von fünf oder sechs Männern an den Gliedmaßen festgehalten, so dass es sich nicht mehr bewegen konnte. Das Mädchen war blond und blasshäutig, die Männer dagegen schwarze Eingeborene. Serenus verstaute das Buch wieder dort, wo er es gefunden hatte. Aber als der Vater seine nächste Reise antrat, entwendete er es.
Die Erzählung hieß ganz harmlos „The Leopard Girl“ und spielte in einer afrikanischen Kolonie des British Empire zur Zeit von Königin Victoria. Ein anglikanischer Missionar lebte verwitwet irgendwo in der Wildnis mit seiner Tochter und einem Dutzend einheimischer Gehilfen und Dienstmädchen.
Der erste Teil handelte vom Alltag in der Missionsstation und von den Erziehungsmethoden, denen die dreizehnjährige Halbweise ausgeliefert war. Je mehr sie bestraft wurde, desto ungeschickter und unberechenbarer wurde ihr Verhalten und desto öfter lieferte sie selber den Anlass für noch schärfere Misshandlungen.
Der Vater verbrachte Tage und Wochen außer Haus, wenn er als Seelsorger die in der Savanne verstreuten Siedlungen besuchte. In seiner Abwesenheit bemächtigten sich die Dienstboten der Tochter, um sie allen erdenklichen Erniedrigungen zu unterziehen. Sobald der Missionar abgereist war, nahmen sie ihr die Kleider weg und zwangen sie, ihnen ohne einen Fetzen am Leib zu dienen. Sie wurde zur Schau gestellt, indem man sie bäuchlings über einen Schemel legte und sie daran festschnallte, so dass sie die Beine nicht schließen konnte und ihr Geschlecht den Blicken ausgesetzt war. Wenn sie sich auflehnte, ließ man sie es mit der Gerte zwischen ihren Beinen spüren.
Als sich ihre Brüste entwickelten und ihr die ersten Schamhaare wuchsen, wurde sie nachts im Freien angekettet. Sie lag mit ausgestreckten Armen und Beinen im Mondlicht, mit Händen und Füssen an vier Pflöcken fixiert. Sie hatte die Augen verbunden und konnte kaum die nackten Füße hören, wenn jemand kam und sich an ihren Brüsten und an ihrem Schoss zu schaffen machte.
Mit der Zeit luden die Schwarzen alle Stammesverwandten dazu ein, sich an dem Exzess zu beteiligen. Bei den Versammlungen, die mehrere Tage dauerten, wurde sie wie eine Puppe herumgereicht, und die Gäste spornten sich zu immer grausameren Tätlichkeiten an. Die Keuschheit des englischen Fräuleins blieb jedoch unversehrt, denn für die Defloration wurde eigens ein großes Fest vorbereitet. Doch im letzten Augenblick wurde die Missionsstation von einem anderen Clan überfallen und das gesamte Personal niedergemetzelt. Die Missionarstochter wurde gerettet, aber verschleppt.
Im zweiten Teil erfuhr man den Grund der Entführung. Für den Kriegerstamm galt es als Versündigung gegen die Ahnen, wenn eine Frau vor dem Einsetzen ihrer Menstruation penetriert wurde. Zudem wurde die Missionarstochter von den Wilden als Weibchen des Leoparden verehrt, dem Totemtier ihrer Gemeinschaft. Der Legende nach wurde der Leopard aus Schnee und Eis geschaffen und seine Haut war weiß. Er stieg von den Berggipfeln herunter, ließ sich in der Wüste nieder und zog sich ein einfaches gelbes Fell über. Als der große Zauberer ihn zum König der Savanne ernannte, schmückte er ihn mit den dunklen Blüten.
Die Krieger bereiteten daher das Mädchen auf seine Bestimmung vor, indem sie ihm über Tage mit glühenden Eisen Rosetten in die weiße Haut brannten. Ihre Schamlippen und ihre Klitoris wurden weggeschnitten und Ringe in ihre Brustwarzen gepflanzt. Am Tag ihrer ersten Blutung wurde sie schließlich in das Haus des Medizinmannes gebracht. Sie musste zusehen, wie eine Pfahl in die Erde gehämmert wurde, bis er ihr nur noch bis zum Bauchnabel reichte. Dann wurde sie hochgehoben und mit der Stange zwischen den Beinen wieder abgesetzt. So stand sie da, mit gepfählter Scheide, während ihr ein Leopardengesicht ins Antlitz tätowiert wurde. Zwei Wochen später wurde sie auf ein Gestell gefesselt und von einem brünstigen Leoparden besprungen und besamt.
Im dritten Teil wurde das Mädchen schließlich, traumatisiert und geistig umnachtet, von einem Handelsreisenden entdeckt. Man brachte sie nach Schottland in das Schloss des Kaufmanns, wo sie mit ihrem neuen Herrn das Bett teilen musste. Aber bald verschenkte er sie einem Freund, mit dem er in Afrika war, einem anglikanischen Missionar, der sie nicht mehr erkannte. Das Buch endete damit, dass der eigene Vater das Leopardenmädchen schwängerte.
Serenus, der sonst in einer Nacht mehrere hundert Seiten verschlang, würgte vierzehn Tage lang an diesem Brocken. Die Lektüre von The Leopard Girl machte ihm zu schaffen. Die Schulstunden und die Pausen verbrachte er in Gedanken versunken und auch zu Hause redete er kaum ein Wort. Die Mutter nahm wie immer Rücksicht auf seine Verstimmungen und ließ ihn in Ruhe.
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