„Wohl weniger seine Finger…“, gackerte die erste.
An dieser Stelle hätte sich Anna beinahe wutentbrannt in das Gespräch der drei Frauen eingemischt. Es war nicht das erste Mal, dass sie miterleben musste, wie Judiths Mutter aufgrund ihres Aussehens und ihrer Aufmachung eine sarazenische Abstammung angedichtet wurde. Seit vielen Jahrzehnten überschwemmten maurische Krieger, Handwerker und Händler das Heilige Reich und waren vom Südwesten her bis weit in den Norden vorgedrungen. In ihrem Gefolge befanden sich auch zahlreiche Frauen, von denen ein guter Teil als Dienstmägde auf irgendwelchen Burgen arbeitete. Eine legitime Verbindung zwischen einer maurischen Frau und einem christlichen Adelsmann war allerdings etwas Undenkbares, wenn gleich natürlich unzählige Gerüchte über illegitime Verhältnisse von Lehnsherrn zu ihren sarazenischen Mägden kursierten, in denen gar von gemeinsamen Kindern die Rede war. Eine Verbindung zwischen einem Sarazenen und einer Adelsdame, ob legitim oder illegitim, bedeutete allerdings ein Todesurteil für beide. Isabel aber war weder selbst eine Sarazenin, noch war sie von irgendeiner maurischen Abstammung.
Bevor Anna allerdings den Mund öffnen konnte, fühlte sie Marias warme Hand auf ihrem Arm und die Dienerin, der die Erregung des Mädchens nicht entgangen war, zog sie sanft beiseite. „Nicht“, sprach sie leise. „Das ist es nicht wert. Es sind doch lediglich ein paar zänkische Weiber.“
Anna schüttelte den Kopf. „Ich möchte wissen, was ihnen Isabel getan hat, dass sie immerzu auf ihr herumhacken“, antwortete sie. Ihr selbst fiel die ungewöhnliche Art und Weise, auf die sich Judiths Mutter zurecht machte, schon gar nicht mehr auf, weil sie Isabel kannte, seit sie denken konnte.
Maria zuckte lediglich mit den Schultern. „Isabel hat ihnen überhaupt nichts getan. Das ist es ja eben. Es ist der Neid, der diese Damen quält, weil bei ihren Ehemännern der Geifer zu fließen beginnt, kaum dass sie Isabel nur sehen, wohingegen der Anblick der eigenen Gattin jenen Männern kaum noch mehr als ein müdes Gähnen entlocken kann.“ Maria sprach immerzu unumwunden aus, was sie sich dachte.
„Und das Gerede über Isabels angeblich sarazenische Herkunft?“, fragte Anna.
„Zeigt lediglich die Dummheit der Leute“, vollendete die Dienerin. „Sie brauchen immer einen Grund, um sich zu erregen. Und wenn es keinen gibt, nun, dann erfinden sie eben einen.“
Das Mädchen seufzte. „Du hast ja Recht“, gab sie niedergeschlagen zu.
Dennoch war Anna nur schwer in der Lage, die Angelegenheit so einfach abzutun, wie Maria es vermochte. Die Sarazenen mit ihrer dunklen Haut und ihren schwarzen Augen waren für das Mädchen nämlich unheimliche, beinahe angsteinflößende Menschen, wenn gleich sich auch unter Richards Soldaten einige Mauren aus verschiedenen Herkunftsländern befanden. Der Fürst schätzte sie sehr, denn sie waren treue Söldner und verstanden sich hervorragend auf den Umgang mit den unterschiedlichsten Waffen. Ihre Treffsicherheit war weit gerühmt und die Durchschlagkraft ihrer Reflexbögen machte auch noch auf achthundert Schritte eine jede Panzerung nutzlos. Doch auch wenn sich sarazenische Krieger in den Dienst irgendeines Lehnsherrn begeben hatten, blieben sie weitgehend unter sich. Sie sprachen miteinander Arabisch, selbst dann wenn sie nicht alleine waren, und sie praktizierten in aller Öffentlichkeit ihre eigene, fremde Religion, die Anna nicht verstand und über die sie eigentlich auch nichts wissen wollte. So war das beklemmende Gefühl, das das Mädchen den Mauren gegenüber empfand, auch der Grund, weshalb sie Isabel in keiner Weise mit diesen Männern in Verbindung gebracht haben wollte.
„Weißt du“, sprach sie dann leise zu Maria, die, über die lange Tafel gebeugt, die Wasserkaraffen auffüllte, „oftmals sorge ich mich um Judith. Weil Judith doch auch … Was ist, wenn über Judith irgendwann einmal genauso geredet wird wie über ihre Mutter?“
Ihre Dienerin wandte sich um und während sie über das ganze Gesicht grinste, flüsterte sie zurück: „Seid gewiss, diese Sorge ist ganz und gar unbegründet. In Gegenwart Eures Bruders hat noch niemand ungestraft über Isabel herziehen dürfen und bei seiner zukünftigen Frau versteht er diesbezüglich mit Sicherheit überhaupt keinen Spaß.“
Und dann erinnerte Maria ihre Herrin an einen Vorfall vor einigen Jahren, bei dem Markus einem jungen Burschen, der schamlos Isabels Abstammung aus einem andalusischen Adelshaus angezweifelt hatte, ohne Vorwarnung die Vorderzähne ausgeschlagen hatte.
„Komm raus, du Schlafmütze!“ Markus hämmerte mit der Faust von außen gegen die Zimmertür seiner Schwester. „Es gibt einen neuen Jungen auf der Burg. Ich glaube, es ist Elias’ Sohn.“
Wenig später standen Anna, Markus und all die anderen Kinder und Heranwachsenden um den unbekannten Knaben herum. Sie bestaunten und musterten ihn und wollten einfach alles von ihm wissen: „Wie ist dein Name?“, „Wie alt bist du?“, „Und wie viele Geschwister hast du?“, „Kannst du reiten?“, „Oder einen Bogen spannen?“, „Wie viele Pfeile triffst du nacheinander ins Schwarze?“, „Und wie hoch war der höchste Baum, auf den du je geklettert bist?“ So redeten und fragten alle durcheinander und der fremde Junge blickte stumm von einem zum anderen, verunsichert von den vielen unbekannten Kinderaugen.
Weil bereits alle Fragen gestellt worden waren, schwieg Anna und musterte den Knaben lediglich verhalten. Er trug eine einfache, eng anliegende Hose und darüber ein loses Hemd. Beides war offensichtlich frisch gewaschen und ohne einen einzigen Fleck oder Riss, vermutlich damit der Junge an seinem ersten Tag auf der Burg des Herrn einen guten Eindruck hinterließ. Sein Haar hatte die Farbe reifer Kastanien und zwischen den halblangen Strähnen leuchteten ein paar wache Augen hervor, so blau wie der dunkle Himmel an einem heißen Sommertag. Anna schätzte den Jungen zwei oder drei Jahre älter als sie selbst. Die dunkle Färbung seines Gesichtes und seine aufgerissenen Hände verrieten, dass er einen Großteil seiner Zeit auf den Feldern zubrachte, die Richard seinem Vater verpachtet hatte.
„So.“ Elias, der Schmied, trat aus seiner Werkstätte hervor und stellte sich neben den fremden Jungen. „Habt ihr euch schon miteinander bekannt gemacht? Das ist der Anselm, mein ältester Sohn“, sagte er zu den Kindern. „Ich werde ihn von nun an öfter mit auf die Burg nehmen, damit er mir hilft. Jetzt ist er alt genug, um schon ein wenig mit anzupacken und seinem alten Vater zur Hand zu gehen. Nicht wahr, Anselm?“ Der Schmied schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Ja, Vater“, antwortete der Junge gehorsam.
„Nun, dann wollen wir mal.“ Elias wandte sich um.
„Ach, bitte …“, begann eines der Kinder und die anderen fielen augenblicklich mit ein: „Ja, bitte, bitte, darf der Anselm heute mit uns spielen? Nur ausnahmsweise, weil er doch das erste Mal hier auf der Burg ist?“
Der Schmied verzog die Stirn. „Nun, also… gut. Ausnahmsweise heute, weil es der erste Tag ist. Aber ich hab ihn ja mitgebracht, damit er mir hilft und nicht, damit er auf der faulen Haut liegt.“ Er gab seinem Sohn einen kleinen Stoß. „Nun geh schon. Sieh dir alles an, aber sei höflich und …“
Die Kinder hatten Anselm bereits umringt und zogen ihn mit sich fort.
„Soll ich dir erst einmal die ganze Anlage zeigen?“ Markus boxte sich zu dem neuen Jungen durch. „Ich bin der Sohn des Fürsten“, setzte er erklärend hinzu.
„Oh... Verzeiht, Herr, ich …“, stotterte Anselm.
„Ach was.“ Markus winkte ab. „Vergiss das einfach. Zumindest, wenn wir unter uns sind.“ Er musterte den neuen Jungen abschätzend. „Wie alt bist du?“, wollte er dann wissen.
„Zwölf“, erwiderte Anselm.
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