Walter hob die Schultern. „Von Richards Vasallen“, lautete seine Antwort.
Markus verzog das Gesicht. „Mit Heinrichs fünf Soldaten kann ich nicht viel anfangen. Und Ihr wisst selbst, wie weit entfernt all die anderen leben.“
„Nun, dann lasst es bleiben!“, giftete Richards Ziehbruder, der wohl allmählich die Geduld mit dem Sohn des Fürsten verloren hatte.
„Was seid Ihr so empfindlich?“, zankte Markus zurück. „Kümmert Euch darum! Aber macht deutlich, wie dringend wir die Verstärkung brauchen!“, befahl er anschließend.
Walter nickte. „Ich werde mich darum kümmern“, versprach er. „Und bis dorthin sollten wir alles dafür tun, um die Burg bestmöglich zu sichern und den Bewohnern keine unnötige Angst einzujagen.“
Annas Bruder hatte erneut angefangen, ruhelos in seinem Zimmer auf und ab zu gehen. Und wieder beobachtete ihn Richards engster Freund aufmerksam.
„Oh Gott!“, stieß Markus irgendwann hervor. „Wenn ich daran denke, wie lange das dauern wird, bis die Verstärkung hier ist, dann …“
„Markus.“ Walter trat ein paar Schritte an ihn heran. „Nutzt die verbleibende Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen. Und nehmt Euren Verstand zusammen. Ich brauche Eure Unterstützung und Ihr seid mir keine Hilfe, wenn Ihr Euch aufführt, wie …“
„Wisst Ihr was?“ Markus blickte ihn nahezu hasserfüllt an. „Verschwindet endlich aus meinem Zimmer! Ich ertrage Euch nicht mehr. Und sorgt gefälligst dafür, dass sich die Lehnsmänner meines Vaters den Arsch für ihren Herrn aufreißen!“
Nur einen Augenblick später stand Walter kopfschüttelnd auf dem Gang. „He, du!“, hielt er einen der vorübereilenden Dienern auf. „Lauf’ runter ins Dorf und bring deinem Herrn eine Hure.“ Er drückte dem Mann ein Geldstück in die Hand. „Nein, besser zwei.“ Richards Ziehbruder legte noch einmal nach. „Der ist ja ansonsten nicht auszuhalten.“
Nachdem Richard den Erzieher seines Sohnes entlassen hatte, wurde Markus’ Ruhelosigkeit so quälend und allgegenwärtig, dass er sogar oft des Nachts keinen Schlaf mehr fand. Einmal wälzte er sich stundenlang auf seinem Lager hin und her, bis er schließlich aufstand und sein Pferd aus dem Stall holte. Eigentlich hatte Markus in den Wald hinein reiten wollen, doch dann fand er sich zu seiner eigenen Verblüffung vor dem Eingang eines Frauenhauses wieder. Es kostete ihn nicht einmal einen Augenblick Überwindung, in jenes Gebäude einzutreten und als er nach einigen Stunden auf die Burg zurückkehrte, war er sehr ruhig und konnte zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder ohne Schwierigkeiten einschlafen. Auch in den folgenden Tagen schien der Sohn des Fürsten ausgeglichen, er verhielt sich maßvoll und geriet eine ganze Zeitlang mit niemandem mehr in Streit. Von da an begann Markus, sehr regelmäßig in die Dörfer zu reiten.
Er war allerdings nicht der Einzige, der die Dienste jener Frauen in Anspruch nahm. Nahezu alle jungen Burschen der Burg gingen hin und wieder in die Dörfer hinunter, ebenso wie Richards Söldner und ein Großteil der anderen Dienstkräfte, ob unverheiratet oder auch nicht. Doch mit Abstand ging niemand so häufig wie Markus. „Du!“, sagte er und zeigte wahllos auf irgendeine der Frauen. Und sie entgegnete mit einem Grinsen: „Schon wieder?“, kannten doch alle bereits den schier unersättlichen Sohn des Herrn.
Allerdings wäre es falsch gewesen zu behaupten, dass Markus jene Orte lediglich zu seinem Vergnügen aufsuchte, so wie es die anderen taten. Nein, er musste gehen, weil die Besuche der Frauenhäuser die einzige Möglichkeit für ihn waren, das wilde Tier der Ruhelosigkeit in seine Gewalt zu zwingen. Aber weil die Wirkung der Besuche nur von einer kurzen Dauer war, stand Markus oftmals bereits in der folgenden Nacht wieder vor einem der Häuser. Stets bevorzugte er die ehrlichen Huren, diejenigen, die ihm nichts vormachten. Bei ihnen zahlte er, bekam, was er wollte, und konnte wieder gehen, ohne sich weiter um irgendetwas kümmern zu müssen. Er blieb diesen Frauen nichts schuldig und sie ihm ebenso wenig und wenn er sich bereits eine halbe Stunde später nicht mehr an das Gesicht der Betreffenden erinnern konnte, hatte er noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen deswegen.
Wie angenehm war dies im Vergleich zu seinen Begegnungen mit irgendwelchen Dienstmädchen, zu denen es im Lauf von Markus’ früher Jugend hin und wieder gekommen war. Nur mit Mühe konnte er sich an Einzelheiten entsinnen, doch nach dem, was ihm davon im Gedächtnis geblieben war, war es eine entsetzliche Mischung aus Heimlichkeit, Scham und Hetze gewesen. Bei manch einem dieser Mädchen war er sich im Nachhinein nicht einmal mehr sicher gewesen, ob sie sich mit ihm überhaupt aus freien Stücken eingelassen hatte oder nur deswegen, weil sie glaubte, sich ihm nicht verweigern zu dürfen. Andere hatten ihn mit vollkommen unangemessener Zuneigung überschüttet, die Markus rasch zu viel geworden war. Nachdem er die beruhigende Wirkung, die ein Besuch in den Frauenhäusern auf ihn ausübte, zum ersten Mal erfahren hatte, ließ sich der Sohn des Fürsten niemals wieder mit einer anderen Frau ein.
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