Als die Männer näher auf ihn zutraten, fiel der Blick des Gefangenen für einen Moment auf die geflochtene Lederpeitsche am Gürtel des einen. Nur einen Atemzug später waren sie über ihm und zerrten ihm mit wenigen rohen Handgriffen die Kleider vom Leib. Der Gefangene verbiss sich einen Schrei, als die Männer dabei die Verkrustungen auf seiner Brust wieder aufrissen, dort wo mit dem getrockneten Blut auch der Stoff des Hemdes an der Haut geklebt hatte. Ohne Mitgefühl zogen die Soldaten den Gefangenen anschließend nach oben auf die Füße. Sie hielten ihn für einen Augenblick, doch dann gaben sie seine Arme frei und traten von ihm zurück. Er schwankte ein wenig zur Seite, ehe es ihm schließlich gelang, sich auf den Beinen zu halten. Während die beiden Soldaten untätig umherstanden, musterte ihr Herr den entkleideten Gefangenen so aufmerksam, dass jener seine Blöße vor Scham und Entsetzen am liebsten mit den Händen bedeckt hätte.
„Was ist das?“, fragte der Herr irgendwann. „Und das? Und jenes an der anderen Seite?“ Er wies auf mehrere kleine Vernarbungen am Körper des Gefangenen, besonders auf dessen Schultern und Armen.
„Abgeheilte Verletzungen“, erwiderte dieser zitternd. Es war eiskalt im Verlies und er fror erbärmlich.
„Woher?“, wollte der Herr wissen.
„Aus verschiedenen Übungskämpfen“, sagte der Gefangene.
Der Herr nickte. „Umdrehen!“, befahl er anschließend.
Der Gefangene gehorchte und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. Während er reglos auf der Stelle verharrte, konnte er hinter sich das schleifende Geräusch eines Lederriemens über dem Verliesboden vernehmen. Der Angstschweiß brach ihm aus und er war sicher, dass der Soldat zu einem fürchterlichen Hieb ausholte, um ihm mit einem glühenden Brennen die Haut in blutige Fetzen zu reißen und auch noch den letzten Rest von Widerstand in seinem Inneren zu brechen, bereit eine jede der gestellten Fragen zu beantworten. Und für einen Augenblick wunderte sich der Gefangene darüber, dass die Männer ihn nicht wieder an die Wand gebunden hatten, denn ganz gewiss würde ihn bereits die Heftigkeit des ersten Peitschenschlages zu Boden werfen.
Doch dann vernahm er hinter sich lediglich das dumpfe Quietschen der Verliestür und fühlte den kühlen Luftzug an seinen nackten Beinen. Als der Gefangene sich schließlich umwandte, war er allein. Die Männer hatten den Raum verlassen, die Fackelhalter an den Wänden waren wieder leer und seine Kleider lagen achtlos hingeworfen auf dem Boden.
Mühsam raffte der Gefangene das Gewand an sich und mit seinen ausgerenkten Armen dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis es ihm gelungen war, zumindest Hosen und Schuhe wieder anzulegen. Für das zerrissene Hemd fehlte ihm die Kraft. Stattdessen zog sich der Gefangene wieder in eine Ecke des Verlieses zurück, lehnte seinen Rücken gegen die kalte Mauer und begann zu beten.
Annas hässliche Wunde auf der Stirn, die sie sich beim Schlittenfahren mit Anselm zugezogen hatte, verheilte zusehend. Der Frühling allerdings würde wohl noch eine Zeitlang auf sich warten lassen. Weiterhin lag hoher Schnee im Burggarten und es war nach wie vor klirrend kalt. Elias hatte seinem Sohn nach jenem Vorfall mit der Tochter des Herrn das Schlittenfahren verboten. Für Anselm blieb ohnehin kaum freie Zeit, da der Schmied damit begonnen hatte, neue Hufeisen für alle Pferde der Burg anzufertigen und bei dieser harten Arbeit benötigte er die Hilfe seines Sohnes beinahe durchgehend. Daher gestattete er dem Jungen so gut wie niemals, mit den andere Kindern und Heranwachsenden der Burg zusammen zu sein.
Doch an jenem Tag, an dem Anselm fünfzehn Jahre alt wurde, tauchten gegen frühen Abend hin Markus und die anderen jungen Burschen bei Elias in der Werkstätte auf und baten ihn so lange, seinen Sohn zur Feier des Tages nach getaner Arbeit mit ihnen in eines der Dörfer ziehen zu lassen, bis der Schmied schließlich nachgab.
Als es dämmerte, ritten die Jungen davon, immer zwei auf einem Pferd und Anselm hielt sich hinter Markus.
„Schön langsam!“, bremsten die anderen den Sohn des Schmiedes lachend, als sie sich schließlich ein paar Krüge Bier in einer der Kneipen bestellt hatten. „Du musst noch alleine gehen können, denn wir haben uns ein himmlisches Geschenk für dich ausgedacht.“
Sie zogen Anselm die Straße hinunter, während der eisige Wind ihnen in die halberfrorenen Gesichter schnitt. Das Dorf lag wie ausgestorben da, weil die Bewohner sich in ihre mehr oder weniger behaglichen Stuben zurückgezogen hatten. Anselm bekam kaum mit, wohin ihn die anderen führten. Das ungewohnte Bier war ihm zu Kopf gestiegen und vernebelte seine Sinne. So trottete er stumm neben Markus her.
„Fünfzehn, fünfzehn“, sagte dieser nach einer Weile, als dächte er laut. „Ich glaube, so jung war keiner von uns, als wir das erste Mal hingingen.“
Anselm hatte wirklich nicht die geringste Ahnung, wovon der Sohn des Fürsten sprach, und es dämmerte ihm erst allmählich, als er das etwas heruntergekommene Gebäude erblickte und die frierenden Frauen sah, die davor warteten. Mit einem Mal machte die eiskalte Luft ihn außerordentlich wach. „Oh nein“, meinte er leise. „Das geht nicht. Ich habe kein Geld. Ich kann mir das nicht leisten.“
„Es ist dein Geburtstag“, erwiderte einer der Burschen. „Wir werden es für dich bezahlen.“
„Oder möchtest du das nicht?“, fragte Markus.
„Doch.“ Anselm schlug das Herz bis zum Hals und am liebsten wäre er davongelaufen, aber das wagte er vor den Augen der anderen nicht.
„Also, welche willst du haben?“, fragten sie ihn.
„Nun.“ Er blickte eine Frau nach der anderen an. „Sie sind alle irgendwie …“ Ihm fehlte das passende Wort.
„Sollen wir eine für dich aussuchen?“, erkundigte sich einer.
„Oh ja“, erwiderte Anselm erleichtert.
Die Burschen berieten sich leise eine kurze Weile untereinander, bis ihre Wahl schließlich auf die offensichtlich jüngste der Frauen fiel. Dennoch war sie wohl immer noch einige Jahre älter als Anselm selbst und beinahe wich er einen Schritt vor ihr zurück, als sie auf ihn zutrat. Aber die Frau blickte ihn voller Mitgefühl an, griff dann langsam nach seiner Hand und zog ihn ins Innere des Hauses. Als der Junge bereits kurze Zeit später wieder im Eingang auftauchte, wurde er von allen erwartet.
„Und?“, fragten sie neugierig.
„Nun.“ Anselm zuckte mit den Schultern. Die Enttäuschung stand überdeutlich in seinem Gesicht. „Sie war ...“
„Hat sie dir nicht gefallen?“, fragten die anderen mit Entsetzen. Bislang war noch jeder der Burschen, nachdem er in einem dieser Häuser zum Mann geworden war, mit glänzenden Augen und einem verklärten Blick zurückgekommen.
„Doch schon“, antwortete Anselm langsam. „Es war nur irgendwie nicht das, was ich wollte.“
Der Junge wandte sich zum Gehen.
„Was willst du denn?“, rief ihm Markus hinterher.
Anna, dachte Anselm verbissen, während er die Straße hinaufstieg.
„Eure Mutter will mit Euch sprechen.“ Maria rüttelte Anna sanft an einer Schulter.
Das Mädchen schrak hoch.
„Was ist denn los?“, fragte sie verschlafen. Es geschah nicht allzu häufig, dass Anna von ihrer Dienerin geweckt wurde, denn gewöhnlicher Weise wartete Maria, bis sie Geräusche aus Annas Raum vernahm, ehe sie eintrat.
Nur mit Mühe konnte sich das Mädchen daran erinnern, wie sie nach dem heißen Bad am Abend zuvor den Weg in ihr Zimmer gefunden hatte. Und vermutlich war sie bald darauf über den ersten Seiten ihres Buches eingeschlafen.
„Mehr als dies hat mir Elisabeth nicht angetragen. Also, raus aus den Federn.“ Maria schlug die Bettdecke zurück und half Anna beim Aufstehen.
Das Mädchen gähnte und trat dann folgsam vor ihren Waschtisch. Gewöhnlich hielt sich die Fürstin bis in die späten Morgenstunden in ihren Räumlichkeiten auf und wünschte niemanden zu sehen. Auch Anna begegnete ihrer Mutter meist erst am Nachmittag und es gab sogar viele Tage, an denen sie Elisabeth überhaupt nicht traf.
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