Sie erzeugten einen Stau, die Leute drängten an ihnen vorbei, eine Kuh neben ihnen verengte zusätzlich die Brücke. Die Rollerfahrer hupten. Sie stellten sich nebeneinander eng an das Brückengeländer und blickten tief hinab in den Ganges. Unten standen Forellenschwärme im Strom, die von Passanten mit Brot gefüttert wurden, wenn Affen es nicht vorher klauten.
„Darf ich dich mal begleiten?“
„Ich weiß nicht, ob das deinen Eltern recht wäre?“
„Mach dir darüber keine Gedanken.“
Sie gingen von diesem Tag an täglich nicht weit und langsamen Schrittes den Ganges flussaufwärts spazieren. Sie setzten sich ans Ufer, gingen in den Urwald, bestaunten Pflanzen und Tiere und führten lange Gespräche.
Er erzählte ihr von Deutschland, seinem Leben und seinem Erlebnis mit Marcus. Sie verstand sofort. Sie erzählte ihm, dass sie auf der rechten Seite einen angeborenen Hüftfehler habe, der verhinderte, dass sie im Lotussitz meditieren konnte. Yukteshvar hatte erklärt, dass dieser Geburtsfehler ein Zeichen der Natur sei, dass sie nicht meditieren und Yoga praktizieren solle, obwohl es sie sehr interessierte. Sie gestand, oft eifersüchtig auf Manua zu sein, der von ihrem Vater darin unterrichtet wurde, die Sache aber gar nicht ernst nahm. Sie hatte gehört, dass man ihre Hüfte in Europa operieren konnte. Für ihren Vater kam jedoch nicht in Frage, gegen das Karma zu handeln, sie sollte ihr Schicksal akzeptieren. Für sie sei vorherbestimmt, einem Mann zu dienen, der eine große spirituelle Mission habe und der dafür ihre volle Unterstützung brauche. Das sei eine wichtige und ehrenhafte Aufgabe für eine Frau.
„Und, kennst du den Auserwählten schon, dem du dienen darfst?“, fragte Ernst.
„Wir haben uns noch nicht getroffen, aber ich weiß, wer es sein wird, der Bruder meines Vaters.“
„Dein Onkel?“
„Ja, er ist viel älter als ich, aber er ist ein mächtiger und weiser Mann. Es ist eine große Ehre, wenn er mich zur Frau nehmen würde. Es würde auch unsere Familie absichern und für Manua eine große Hilfe sein.“
„Aber, was ist, wenn du ihn nicht leiden kannst?“
„Ich kenne ihn ja nicht, aber ich werde ihn lieben können. Meine Eltern würden nicht zustimmen, wenn ich ihn nicht lieben könnte.“
„Ich finde es selbst für indische Verhältnisse ziemlich krass, seinen Onkel zu heiraten. Was sagt denn deine Mutter dazu?“
„Sie meint auch, dass ich ihn heiraten soll. Sie dient meinem Vater ja auch und ist sehr glücklich damit. Sie hat mir versprochen, meinen Vater zu überreden, dass ich mir als Belohnung vor der Hochzeit in der Schweiz meine Hüfte operieren lassen darf.“
„Oh Mann, ich weiß nicht. Wir glauben in Europa ja an eine andere Liebe, die wirst du dann nie kennenlernen.“
„Du meinst verliebt sein?“
„Ja.“
„Das kenne ich auch, aber wegen dieses Gefühls werde ich nicht heiraten.“
„Du bist verliebt?“
„Ja“, sagte sie verschämt und blickte auf den Boden. Er fühlte sich sofort gemeint, die letzten Tage waren schön gewesen. Er griff, nachdem er sich kurz versichert hatte, dass niemand in der Nähe war, nach ihrer Hand und umschloss sie fest.
„Smulia, du bist noch jung, lass dir Zeit. Du solltest wirklich deinem Herzen folgen und dich nicht von deiner Familie erpressen lassen.“
„Also, ich bin nicht nach Indien gereist, um Urlaubsaffären zu haben, da hätte ich weiter Animateur im Club Med bleiben können“, polterte Marcus im Zimmer am selben Abend nach einem weiteren ereignislosen Satsang los.
„Ach komm, das ist keine Affäre, wir unterhalten uns nur“, sagte Ernst empört.
„Wie auch immer, Yukteshvar ist sicher nicht mein Guru. Ich bin in Indien, um meinen Guru zu finden, morgen reise ich ab.“
„Ich will doch auch vorankommen und meinen Lehrer finden. Ich glaube auch nicht, dass Yukteshvar unser Lehrer ist. Ich komme natürlich mit.“
Am nächsten Tag checkten sie bei Shantala aus. Ernst wollte sich noch von Smulia, verabschieden, aber sie war mit Manua und Yukteshvar in die Stadt gefahren.
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