Satsang, wussten sie, bedeutete etwa „Zusammenkunft in Wahrheit“, das war jetzt das Richtige für sie. Dort fanden sich allabendlich etwa zwanzig Westler ein, die meisten Europäerinnen zwischen 35 und 60 Jahren. Es wurde gemeinsam meditiert, Mantras wurden rezitiert und Lieder gesungen, dann hielt Yukteshvar eine freie Ansprache und beantwortete die Fragen der versammelten Schüler, bevor er alle mit einem Segen entließ. In dem einfachen Raum saß man dabei auf Mediationskissen, der Satsang war kostenlos.
Sie hatten erwartet, direkt am ersten Abend von Yukteshvar als besonders fortgeschrittene Schüler erkannt und angesprochen zu werden. Offensichtlich wichen sie doch schon durch Alter, Geschlecht und Ausstrahlung von den anderen ab, deren Blicke auf Frustration als Triebfeder für diese Weltflucht schließen ließen.
Da Yukteshvar ihnen auch nach einigen Tagen trotz leutseligen Lächelns keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, beschlossen sie eines Abends, etwas nachzuhelfen, er war ja schließlich blind.
Nach dem abschließenden Segen blieben sie sitzen, als die anderen Schüler aufstanden. Die Letzten, die den Raum verließen, schielten angesichts ihrer Protokollverletzung missbilligend auf sie zurück. Manua, der Sohn, kam wie immer in den Raum, um seinen Vater aufzuhelfen und aus dem Raum zu führen.
„Will one day your son be your diciple too?“, ergriff Marcus die Initiative. Yukteshvar blieb stehen und wandte den Kopf in ihre Richtung.
„He is already receiving lessons from me.“
„And how about your daughter?“, fragte Ernst.
„She is not appropriate for the Yoga-way, she will marry“, antwortete er in indisch gefärbtem Englisch und deutete seinem Sohn durch einen Ruck weiterzugehen.
„Where are you from?“, wollte Manua neugierig strahlend wissen.
„From Germany“, antwortete Ernst.
„Meine Mutter kommt aus der Schweiz, da werde ich auch eines Tages mal hinreisen. Wie heißt ihr?“, wechselte Manua in Hochdeutsch mit einem schweizerdeutschen Singsang. Ihre Antwort hörte er kaum noch, weil sein Vater ihn weiterdrängte.
Sie waren enttäuscht von dem Gespräch, machten tagsüber jetzt lange Spaziergänge am Ganges, in die Berge, den angrenzenden Dschungel und schauten sich andere Ashrams und Gurus an.
Die weißen Sandstrände mit riesigen Felsen boten vor den mit Urwald bewachsenen Hängen eine wunderschöne Kulisse. Sie begegneten Giftschlangen, lasen Fährten im Sand, von Tieren, die nachts an den Fluss zum Trinken kamen, sogar vom Tiger. Sie wurden gewarnt, spürten aber keinerlei Angst, weil sie sich mit der Natur verbunden und vom Schicksal geschützt und geleitet fühlten. Sie sprangen von Felsen in den reißenden Ganges, sonnten sich, übten Yoga am Strand und meditierten auf den Felsen. Die Natur schenkte ihnen Schönheit und Verbundensein.
Abends gingen sie weiterhin zum Satsang, obwohl sie sich mittlerweile sicher waren, dass Yukteshvar nicht ihr Guru war, und begannen es weniger ernst zu nehmen und überlegten, wohin sie weiterziehen sollten. Während der Ansprachen und anschließenden Antworten begannen sie heimlich wie pubertierende Schüler mit Manua zu kommunizieren und durch Zeichen und Grimassen zu albern, in dem sicheren Gefühl, dass der blinde Vater davon nichts mitbekam.
In seinen Ausführungen, denen sie beim Blödeln nicht aufmerksam gefolgt waren, wollte Yukteshvar eines Abends einen Vergleich anstellen: Früher, fing er an, hätten die Menschen Blitze für Strafen Gottes gehalten, bis… und dann suchte er den Namen des Amerikaners, der den Blitzableiter erfunden und dessen Wirkung mit Hilfe eines Drachen den Menschen demonstriert hatte. Er sprach nicht weiter, wollte unbedingt erst auf den Namen des Entdeckers kommen. Die Hilflosigkeit des Gurus erzeugte eine peinliche Stille. Keiner der Schüler, die es so gerne getan hätten, konnte ihm auf die Sprünge helfen.
„Maybe he knows it, he looks so intelligent, like a scientist“, schlug einer der wenigen Männer mit italienischem Akzent vor und deutete auf Ernst, dem jetzt auch auffiel, dass er der einzige Brillenträger war, einer gandhiartigen Nickelbrille zudem.
„Ähm, I don´t know, I´m not sure, I mean, I don´t think, that it´s really important to know the name. Anyway, we know what you mean, I think, his name was Benjamin Franklin“, stotterte Ernst, überrascht, im Zentrum der Runde zu stehen. Da hob Yukteshvar den Kopf und richtete seine halbleeren, schielend umherwandernden Augen in seine Richtung, sein mildes Lächeln war reiner konzentrierter Wut gewichen. Ernst wurde vom leeren Blick fixiert, der jede seiner Zellen zu erfassen schien, die Schwerkraft vervielfachte und ihn zu Boden drückte.
„Why do you travel to India, you idiot? Go home and learn all about your culture first! Not knowing the basics of your culture, why do you waste your time and come to India. Go home!“, beschwor Yukteshvar ihn aggressiv und eindringlich.
Ernst schämte sich wie ein Kind, fühlte sich klein und dumm. Er war in seine Magengrube geschrumpft, musste den Kopf senken, seinen Rücken krümmen. Was machte er überhaupt hier?, fragte er sich jetzt selbst. Er sah weder die mitleidigen Blicke der anderen Schüler noch das verschwörerische Grinsen von Manua. Yukteshvar ließ sich von Manua aufhelfen und verkündete beim Hinausgehen, dass es heute keinen Segen geben würde.
Die Gruppe versicherte Ernst, dass sie das echt heftig und ungerecht fand, dass es das in den letzten Jahren noch nie gegeben hatte und einem fiel dann auf, dass Franklin ja sogar stimmte. Man klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern. Als Marcus und er im Zimmer waren, beschlossen sie, jetzt auf jeden Fall länger in diesem Ashram zu bleiben. In der Autobiographie eines Yogis gab es viele Anekdoten von verweichlichten Westlern, die bei der ersten Kritik aufgaben und nicht die fördernde Liebe darin erkannten. Also waren sie am nächsten Abend wieder beim Satsang, aber es wurde keinen Bezug mehr auf den Eklat genommen, und die folgenden Tage gingen ereignislos ins Land.
Ernst fragte sich, ob er die Kritik nicht einfach wörtlich nehmen sollte und nach Hause zum Studieren zurückkehren sollte. Marcus fühlte sich krank und wollte sich noch ein wenig stärken, bevor es weitergehen sollte. Also beschloss Ernst, alleine spazieren zu gehen.
Auf der spektakulären Fußgängerhängebrücke über den Ganges, Lakshman Jhula, schloss er zu Smulia auf, die er bisher nur aus der Ferne gesehen hatte. Sie half in der Küche und beim Reinigen des Hostels. Sie betrat, wie die Mutter, nie den Mediationsraum während des Satsangs. Sie humpelte mit dem rechten Bein. Als er an ihr vorbeiging, nickte er kurz mit dem Kopf und schielte aus den Augenwinkeln zu ihr hinüber.
„Gehst du wieder am Ganges spazieren?“, sprach sie ihn mit einer schönen hellen Stimme auf Deutsch an.
„Was? Äh, ja“, antwortete er erschrocken und blieb stehen. Ein bettelnder Hutaffe erkannte seine Chance und sprang Ernst auf die rechte Schulter. Er erschrak, der Affe auch, biss ihn in die rechte Schulter und sprang zurück auf ein Stahlseil der Brücke. Sie mussten beide lachen.
„Tut es weh?“
„Nein überhaupt nicht.“
„Aber du blutest.“
„Es tut nicht weh, und er wird schon keine Tollwut haben. Alles ok. Er war bestimmt eifersüchtig.“ Sie lachten wieder und schauten verlegen aneinander vorbei.
„Ich habe dich beobachtet“, sagte sie verschämt und senkte ihre Augen. Er schaute sie jetzt erstmals richtig an. Sie trug einen klassisch gewickelten rot-gelb-gold bestickten Sari, der kunstvoll um ihren schlanken Körper gewickelt war. Ihr tiefschwarzes, ordentlich gescheiteltes, glattes, geöltes Haar glänzte in der Sonne und war zu einem großen Dutt im Nacken gebunden. Die hellbraune Haut war rein, ihr längliches Gesicht mit hoher Stirn wurde von einer feinen, schmalen Nase geziert, mit einem silbernen Nasenstecker im rechten Nasenflügel. Die Augen waren groß, tief braun, fast schwarz und glänzten sanftmütig und klug. Die weißen Augäpfel wurden durch lange Wimpern betont, die Lippen waren voll und natürlich rot. Beidseits reichten lange, mehrendige goldene Ohrringe fast bis zu ihren Schultern.
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