Während ihrer gesamten Rede hatte Mhara die Augen geschlossen gehalten, um sich voll und ganz auf die ihr von Rabon übergebenen Worte konzentrieren zu können. Als sie nun die Augen öffnete, blickte sie Colleens wutverzerrtes Gesicht. Mit gepresster Stimme erwiderte er: „Sage deiner Herrin, dass es mir auf das Äußerste widerstrebt, sie zu treffen, und dass ich auch keinerlei Angst vor ihr oder ihren Untertanen habe, da ich unter dem Schutz meines Gottes absolut unverwundbar bin. Da aber nicht alle mir anvertrauten Schäfchen den gleichen unerschütterlichen Glauben haben und ich eine Verantwortung für sie trage, werde ich mich mit meinen Ordensbrüdern beraten und dir eine Nachricht für deine Herrin mit auf den Weg geben. Warte hier.“ Ächzend erhob sich Colleen. Offensichtlich hatte er sich bei dem Zusammenbruch der Bank oder dem gestrigen Treffen mit Conn eine Verletzung zugezogen. Er hinkte ungelenk zu einer der Mönchshütten hinüber. Mhara griff nach einem Beutel, der an ihrem Gürtel befestigt war, und öffnete ihn. Sie hatte sich etwas Käse und Brot eingesteckt und verzehrte beides mit Genuss. Hierbei betrachtete sie das Treiben zwischen den einzelnen Hütten und stellte fest, dass die Gerüchte, die in Avalon umgingen, offensichtlich stimmten: es gab hier keine Frauen. Auf keinen der Männer, die sie hier zu Gesicht bekam, wäre ihre Wahl bei der Suche nach einem Partner für die Beltane-Nacht gefallen. Die Männer machten einen eigenartig kraftlosen, willenlosen und gedrückten Eindruck, und ihren Gesichtern war nicht zu entnehmen, dass ihr Dienst an ihrem toten Gott sie in irgendeiner Art mit Freude erfüllte.
Seit Colleen sie verließ, hatte die Sonne hatte mehr als ein Viertel ihrer Tagesbahn zurückgelegt und noch immer war er nicht aus der Hütte herausgetreten, in der er verschwunden war. Mharhas Geduld war nahezu am Ende und sie wollte sich gerade erheben, um den Rückweg anzutreten, als Colleen aus dem Eingang der Hütte ins Tageslicht trat und den Platz hinkend überquerte. Als er bei ihr angelangt war, erhob sich Mharha, wischte einige Grashalme weg, die an ihrem Umhang haften geblieben waren und sah dem Mönch in die Augen. Colleen senkte sofort den Blick zu Boden und sprach: „Die Führung der Brüdergemeinde hat beschlossen, den Vorschlag deiner Herrin widerwillig zu akzeptieren; zusammen mit zweien meiner Brüder werde ich am vorgeschlagenen Tag dort sein, wenn die Sonne die ersten Zweige von Joseph von Arimathea´s Strauch berührt. Sage deiner Herrin, dass auch sie höchstens zwei Begleiter oder Begleiterinnen mitbringen darf, und so wie wir ohne Waffen dort erscheinen soll. Wenn sie sich nicht an diese Absprache hält, werden wir nicht mit ihr reden.“
Mharha erwiderte: „Gut, ich werde deine Worte meiner Herrin übermitteln, und wenn sie mit den Regularien einverstanden ist, werde ich dir als Boten einen meiner Fährleute übersenden. Der Segen der Göttin sei mit dir, Colleen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich ab und ging hinunter zum Seeufer, wo ihr Boot auf sie wartete. Als der Fährmann sie kommen sah, stakte er das Boot noch näher ans Ufer, damit sie trockenen Fußes einsteigen konnte. Die Überfahrt nach Avallon dauerte nicht lange, trotzdem ließ sich Mharha auf der Sitzbank nieder und grübelte über Colleens Bedingungen nach. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Rabon diese Maßgaben annahm. Nur selten geschah es, dass die Priesterinnen ihre Hütte ohne das Priesterinnenmesser am Gürtel verließen. Dann jedoch musste Mharha innerlich grinsen. Selbst wenn Rabon auf diese Bedingungen eingehen würde, wäre es ihr wahrscheinlich vollkommen unmöglich, waffenlos vor Colleen hinzutreten. Die stärkste Waffe der Priesterinnen war nicht das Messer, sondern ihr Verstand, die Magie und der Beistand der Göttin.
Diese Waffen würde Rabon wohl kaum ablegen können. Allerdings würde Colleen auch nicht feststellen können, dass sie diese dauernd bei sich trug, sie täglich schärfte und auch durchaus bereit war, sie einzusetzen. Inzwischen war das Boot am Strand der Insel angekommen. Mharha bedankte sich beim Fährmann für seine Dienste und machte sich auf den Weg zu den Priesterinnenhäusern, die auf einer kleinen flachen Fläche zwischen dem heiligen Berg und der Kelchquelle lagen, etwas oberhalb der weißen Quelle. Auch hier musste Mharha, wie so oft, im Innern schmunzeln. Diesen Weg war sie gewiss schon tausendmal gegangen und als junge Priesterin hatte sie ihn oft genug im Laufschritt zurückgelegt. Jetzt ging sie gemessenen Schrittes. Die Fährleute mochten denken, dass dies eben der gravitätische Schritt der Avallonpriesterinnen sei. Mharha wusste aber, dass sie in ihrem Alter diesen Weg nicht anders zurücklegen konnte, ohne nach wenigen Schritten völlig außer Atem zu sein. Die letzten Strahlen der Abendsonne wärmten ihren gebeugten Rücken, und was sie unter anderen Umständen vielleicht als Wohltat empfunden hätte, trieb ihr nun den Schweiß aus jeder Pore. Bei den Priesterinnenhütten angekommen, hielt sie eine junge Anwärterin am Ärmel fest, die gerade lachend an ihr vorbeilaufen wollte und mit anderen Novizinnen ein Fangspiel spielte. „Sag mir“, fragte Mharha, „ist Rabon in ihrer Hütte?“ Das Mädchen verneigte sich vor Mharha und sagte: „Verzeih, Herrin, ich hatte dich nicht kommen sehen, ich war so in das Spiel vertieft. Nein, Rabon ist mit Math, Mhorgaine, Maeva und Conn zum Gipfel des Tor aufgestiegen, um einen Blick in die Zukunft zu tun. Righru ist schon sein den frühen Morgenstunden dort oben. Von den Priesterinnen ist im Moment nur Branwnn da, sie bereitet in der Küche das Abendmahl zu.“
Sanft lächelte Mharha und sagte: „Ist schon gut, mein Kind, spiel nur weiter, ich werde zu Branwnn gehen.“
Wie so oft, wenn sie Branwnns Küche betrat, musste sie staunen, wie jemand sich in diesem Durcheinander von Fleisch, Gemüse, Gewürzen, Töpfen, Tiegeln und Pfannen noch zurecht finden konnte. Branwnn bereitete es aber scheinbar keinerlei Mühe, mit ihren Helferinnen jeden Tag eine gemeinsame Mahlzeit für alle Priesterinnen und Priester herzustellen. Schwitzend und mit entblößtem Oberkörper stand Branwnn vor einem der Backöfen und zog mit einem langen Haken die frisch gebackenen Brotlaibe aus der Röhre. So bemerkte sie Mharhas Ankunft zunächst scheinbar nicht. Erst, als Mharha unmittelbar hinter ihr stand, fragte Branwnn, ohne sich umzudrehen: „Na Mharha, du suchst wohl Rabon? Ich soll dir von ihr ausrichten, dass sie wahrscheinlich erst spät in der Nacht vom heiligen Berg heruntersteigen wird und danach vermutlich nicht in der Lage sein wird, mit dir über deine Verhandlungen zu diskutieren. Du sollst morgen früh zu ihr kommen und mit ihr gemeinsam frühstücken.“
Am folgenden Morgen betrat Mharha, jetzt wieder in ihr übliches Arbeitskleid gewandet, Rabons Hütte. Auf den weichen Sitzfellen aus schottischem Lammfell, die Rhynan für alle Priesterinnen aus seiner schottischen Heimat mitgebracht hatte, saßen neben Rabon noch Righru, Math und Conn und tranken heißen Kräutertee, der mit seinem Aroma die gesamte Hütte füllte. Rabon begrüßte Mharha kurz und bat sie, ebenfalls Platz zu nehmen und sich einen Becher mit Tee zu nehmen. Mit einer hölzernen Kelle schöpfte sich Mharha aus dem dampfenden Kessel ihren Tee und füllte ihn in einen smaragdgrünen Specksteinbecher. Dann nahm sie zwischen Rabon und Math platz. Als Mharha sich in der Runde umschaute, stellte sie fest, dass die übrigen sehr übernächtigt wirkten und besonders Righru, die Seherin, tiefe Schatten um die Augen hatte. Lächelnd sagte Mharha: „Auch wenn ich den Kräutertee offensichtlich nicht so notwendig habe wie ihr, so danke ich dir doch sehr Rabon. In meinem Alter tut es immer wieder gut, etwas Warmes zu trinken.“
Müde abwinkend und mit leiser Stimme fragte Rabon: „Nun, was hat Colleen zu unseren Vorschlägen gesagt? Auch wenn wir die letzte Nacht auf dem heiligen Hügel verbracht haben, um einen Blick in die Zukunft zu tun und daher schon einiges wissen, möchten wir von dir doch die genaue Antwort des Christenpriesters hören.“
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