Doch, was war das? Anne schreckte hoch. Hatte doch plötzlich ein Telefon geläutet? Wo war sie, wo war der Sand, der Ozean? Wieder klingelte es. Sie konnte sich nicht so abrupt von ihrem Traum lösen, doch als es zum dritten Mal schellte, erkannte sie endlich den Ton der Klingel.
Schlaftrunken trippelte sie zur Tür, drückte, immer noch ganz benommen, routinemäßig auf den schwarzen Knopf am Öffner und fragte müde in die Sprechanlage: "Ja, bitte, wer ist da?"
"Was ist denn los, hast du verschlafen? Wir wollen doch in einer halben Stunde nach Dresden fahren. Ich dachte, es gibt noch einen Kaffee bei dir?!"
Mein Gott, Dieter! Anne war plötzlich hellwach. Natürlich, es war ja schon Sonntag. Ein Blick zum Radiowecker: 5.30 Uhr! Eigentlich wollte sie schon um fünf aufstehen. Das rote Lämpchen links leuchtete nicht, also hatte sie den Alarmknopf gar nicht aktiviert. Verflixte Axt!
"Gut, dass du da bist, ich mache dir gleich Kaffee", rief sie schnell noch in die Sprechanlage, bevor sie in die Küche eilte. Ehe er die sechs Treppen, einen Lift gab es leider immer noch nicht, erklommen hatte, konnte sie schnell noch duschen. Hastig verschwand sie im Bad. Die Wohnungstür ließ sie nur leicht angelehnt.
"Hm, das riecht ja hier richtig nach Westkaffee", spöttelte Dieter und ließ sich, erschöpft von den Strapazen des Aufstiegs, auf einen Küchenstuhl fallen.
"Gieß dir schon immer ein, ich muss mich noch ein bisschen bemalen", rief Anne, scheinbar munter, aus dem Bad. Dass sie meist blass und kränklich aussah, war Dieter bestimmt schon lange aufgefallen. Seinem fotografischen Blick entging selten etwas.
Anne schaute in den Spiegel und erschrak. Was ihr da entgegen schaute, sollte sie sein? Sie fand sich so grau und erschöpft, als hätte sie wochenlang kein Auge zugetan. Dabei hatte sie doch gerade in dieser Nacht so prächtig geschlafen, sie erinnerte sich wieder an ihren Traum von der wärmenden Sonne auf Teneriffa, an das wohlige Gefühl, das ihren Körper durchströmt hatte.
Aber es war gut, dass Dieters Klingeln sie so abrupt aus ihrem Traum gerissen hatte. Wie hätte sie es sonst schaffen sollen, zwei Stunden vor dem Abflug, wie verlangt, auf dem Flugplatz zu sein?
Dieter hatte unterdessen das Toastbrot mit Schinken belegt, eine andere Scheibe dick mit Butter und Honig bestrichen.
"Willst du auch Käse?" fragte er zur angelehnten Badezimmertür hin, war sich aber nicht sicher, ob sie seine Frage bei dem Krach überhaupt gehört hatte.
"Nein, lass´ nur, ich trinke nur etwas Tee. Mir geht es heute nicht so besonders. Wir müssen ja auch bald los", brüllte sie, um das Geräusch vom Föhn zu übertönen.
Unterwegs, in seinem Opel Astra, hatten sie kaum gesprochen. Anne bemerkte, dass auf der Rückbank neben der Fototasche noch allerhand Kram herumlag: Drei oder vier Kugelschreiber, eine zerknautschte Jacke, ein Kissen, eine nicht gerade sorgfältig zusammen gelegte Decke, unter der ein Apfel hervor lugte, und zwei Handpuppen, die sie sofort an Hänsel und Gretel erinnerten.
Aha, dachte Anne, da war er wohl gestern wieder mit seiner kleinen Tochter unterwegs. Dieter hatte nach langwierigen Auseinandersetzungen mit seiner Exfrau nun endlich die Erlaubnis bekommen, einen Tag im Monat mit der dreijährigen Janine zu verbringen. Anne wusste das, weil Dieter sie gebeten hatte, ihm beim Schreiben der "amtlichen" Briefe unter die Arme zu greifen. Natürlich hatte sie ihm geholfen. Es war eben nicht jedermanns Sache, diese Schreiberei, bei der es auf jedes Wort ankam.
So ein Besuchstag war also gestern gewesen, das hatten ihr Hänsel und Gretel inmitten der anderen bunt durcheinander gewürfelten Utensilien verraten. Doch sie verkniff sich ganz bewusst jede Bemerkung zu seiner Familiensituation, denn sie wusste, dass er in diesem Punkt sehr verschlossen sein konnte, wenn ihn jemand zu sehr mit Fragen zu seinem Privatleben nervte.
Dieter schaltete das Radio ein, ärgerte sich aber anscheinend gleich wieder über die seltsamen Nachrichten, die dieser Sender verlauten ließ ... Wie er die Stirn in Falten zog, sprach jedenfalls Bände.
"Müssen die alles dramatisieren, ich verstehe das nicht", schimpfte er da auch schon los. Und als Anne, die ihr eigenes Elend unter einem gekonnten Make-up versteckt hatte, nichts erwiderte, fuhr er ärgerlich fort: "Was die für merkwürdige Nachrichten machen, ich begreife das nicht. Panik im Birkhuhnnest - wenn ich das schön höre, dabei geht es doch um einen ganz normalen Landschaftsplan. Oder?"
"Ach, ärgere dich doch nicht, so ist das eben heutzutage. In einer seriösen Tageszeitung wird freilich nicht alles künstlich aufgebauscht und problematisiert. Aber guck mal zu dem selben Thema in die Regenbogen-Presse, da wirst du den Landschaftsplan vielleicht sogar als Katastrophenmeldung wiederfinden."
Prüfend sah sie zu ihm hinüber.
War wohl doch nicht so wirksam, ihr Trostversuch, er guckte jedenfalls noch immer grimmig. Verwundert stellte sie wieder einmal fest, wie gut sie sich doch eigentlich verstanden. Sie mochte ihn auch deshalb, weil er sich auch über Dinge den Kopf zerbrach, für die er nicht bezahlt wurde. Darin ähnelten sie einander sehr, das wusste auch Dieter. Dabei war ihr durchaus klar, dass sie als Sekretärin nicht im mindesten für den Inhalt des Blattes verantwortlich zeichnete. Trotzdem war es ihr zu wenig, immer nur die Fremdtexte zu erfassen, die Termine zu kontrollieren und Kaffee zu kochen.
Sie klappte die Sonnenblende herunter, warf einen kritischen Blick in den Spiegel.
"Bist hübsch genug", brummte Dieter und grinste.
Ganz nebenbei schaltete er das Radio aus, Anne war froh darüber, denn die schnarrende, näselnde Stimme des Sprechers hatte sie als ziemlich unangenehm empfunden. Froh war sie auch über sein sprödes Kompliment, ihr Make up war also perfekt, er hatte nichts bemerkt von ihren Tränensäcken und der aschfahlen Haut. Dankbar lächelte sie zu ihm hinüber.
"So, Madame, jetzt gibt´s zum Abschluss noch ein bisschen deutschen Rock mit Herrn Maffay, das ist wenigstens was Reelles!"
In dem Punkt konnte ihm Anne nicht widersprechen, denn auch sie mochte diesen Altrocker und seine Lieder. Ihre Mutter hatte sie wohl mit ihrer Schwärmerei für Maffay angesteckt. Die Musikkassetten aus dem Nachlass hatte sie sich immer wieder angehört. Manchmal war es ihr vorgekommen, als würde sie sich zu spät bemühen, ihre Eltern richtig kennenzulernen.
Aber darin unterschied sich ihre Familie wohl nicht so sehr von den meisten anderen. So richtig trösten konnte sie dieser Gedanke allerdings auch nicht.
"Wir sind gleich da", sagte Anne und klappte den Sonnenschutz wieder hoch.
Dabei warf sie einen Blick in den Rückspiegel.
Nanu? Hatten sie diesen grünen Trabant nicht schon mal überholt? Nun fuhr er hinter ihnen. Kunststück, die Geschwindigkeit musste oft gedrosselt werden, weil es immer wieder Baustellen auf der Autobahn gab. Ein Blick auf das Kennzeichen hatte ihr vorhin schon verraten, dass der Trabbi auch aus ihrem Landkreis stammte.
Auf dem Flughafen herrschte das gewohnte Getümmel. Kaum jemanden schien es zu stören, schon Stunden vor dem Abflug da sein zu müssen. Viele hatten sich in den glatten Schalensitzen lang ausgestreckt und schienen zu dösen. Manche packten ihre mitgebrachten Brote aus, die wenigsten nutzten das Angebot an den einzelnen Ständen und Bars. Kein Wunder bei den gepfefferten Preisen , dachte Anne und biss geräuschvoll in einen Apfel.
Amüsiert bemerkte sie, dass einige zwar so taten, als würden sie ganz konzentriert Zeitung lesen. Doch in Wahrheit galt ihr Interesse den anderen Leuten. Doch so intensiv der Herr neben ihr auch die gepflegte Dame gegenüber fixierte, jene wollte wohl einfach keine Notiz von ihm nehmen. Sie schien in das Lösen eines riesigen Kreuzworträtsels vertieft zu sein. Nicht einmal auf die Aufrufe aus den Lautsprechern ließen bei ihr eine Reaktion erkennen.
Читать дальше