„Das wundert mich nicht“ sagte sie, „trinkst du was mit mir?“
‚Die will einen Drink abstauben‘ dachte ich. Falsch, sie wollte mir einen Drink ausgeben. Ohne mich zu fragen, was ich trinken wollte, schob sie mir einen Cuba libre zu: libre war immer gut.
„Cheers!“
Ihr Lächeln schien einstudiert.
„Ich bin Sängerin“ sagte sie, „aber erst ganz am Anfang. Hier trifft man immer Leute aus der Branche, ich bin sozusagen beruflich hier.“
„Da bist du an den Falschen geraten, ich bin nur ein einfacher Arb...“ Sie legte mir den Finger auf den Mund:
„Du bist nicht einfach“ sagte sie, „ich hab dich angesprochen, weil du eben nicht einfach bist.“
Wir lächelten uns verlegen an und sahen uns tief in die Augen: da erkannten sich zwei dunkle Seelen, die sich im Blitz-lichtgewitter des Vergnügens aneinander festhielten. Hier, im Tempel der Leichtigkeit, wo das Leben als Spiel inszeniert wurde, waren wir beide Fremdkörper. Bald kamen meine Freunde und holten uns aus unserem schwermütigen Schweigen. Sie, die Städter, behandelten mich wie einen Lehrling, der sich geschickt anstellte.
„Da schau her, kaum lässt man ihn eine Weile allein, schon legt er los...“
„Ja und wie, willst du uns dieses schöne Mädchen nicht vorstellen?“
„...“
Die Schmeicheleien meiner Freunde gefielen Daphne, sie schäkerte und flirtete gekonnt mit ihnen. Ich bekam nur noch den einen oder anderen sehnsüchtigen Blick ab. Daphne war ein Ball, mit dem meine Freunde jonglierten, während ich die Schwerkraft war, die ihn anzog. Heinz und Harry zogen sie sanft, jeder an einer Hand, auf die Tanzfläche und flatterten um Daphne herum, wie Motten um das Licht.
Daphne tanzte.
Die meisten anderen zappelten oder bewegten sich irgendwie zum Takt der Musik, Daphne dagegen verstand zu tanzen, wie nur wenige, das heißt, bei ihr verschmolzen Bewegung, Gefühl und Musik zu einer Einheit. Ich beneidete sie. Ein Holzklotz wie ich würde nie so tanzen können.
Zurück an der Theke, schien sie wie aufgepumpt mit Fröhlichkeit. Sie arbeite, erzählte sie euphorisch, in einem Studio gerade an einer Platte und gab sich überzeugt, dass diese Platte ihren Durchbruch bedeutete. Heinz und Harry beflügelte die Aussicht, mit einem künftigen Star zu flirten.
„Wir wünschen dir viel Erfolg. Hoffentlich kennst du uns dann auch noch, wenn du mal berühmt bist...“
Daphne versprach, nicht abzuheben und wir nahmen sie beim Wort. Sie nahm mich bei den Händen. Mir wurde leicht schwindelig und als ich wieder halbwegs klar gucken konnte, standen wir mitten auf der Tanzfläche. Sie ließ meine Hände nicht los, sie versuchte, mich in ihre Choreographie zu integrieren und ich versuchte meine Verrenkungen ihrem Tanz anzupassen. Ich fühlte sehr wohl, worauf es ihr ankam, wirkte eher komisch neben ihr. Weil unsere äußere Harmonie sich in Grenzen hielt, tanzte ich mehr mit den Augen, sie passte ihr Temperament meiner Zurückhaltung an. Mein Ungeschick lachten wir weg. Nach drei Tänzen wirkte Daphne wie ein Stern, der in der Morgendämmerung seinen Glanz verliert. Sie spürte das und wir zogen uns wieder in die Nacht, sprich: an den Tresen zurück. Harry und Heinz beherrschten die Rituale der Nacht und der Fröhlichkeit und schafften es, Daphne zurückzuholen in den Nebelglanz des puren Vergnügens.
Wir waren Abenteurer, keine geschulten Verführer. Wir gingen nach keinem Plan und Schritt für Schritt vor, sondern eruierten die Möglichkeiten spontan und hielten uns an das alte Münchener Motto: „A bisserl was geht immer!“
Tief in der Nacht, schon näher am Morgen bot Heinz Daphne an, bei ihm zu Hause noch einen Absacker zu nehmen. Zu unserer Überraschung willigte sie ein. Für Heinz und Harry ein sicheres Zeichen, dass „ heut‘ sogar a bisserl mehr“ ging. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie das „bisserl mehr“ aussehen könnte. Denn dass Daphne sich mit allen dreien einlassen würde, wollte ich mir nicht vorstellen und wir waren auch nicht so abgebrüht, wie wir uns gaben, keiner von uns hätte beim Sex die anderen zusehen lassen. So konnte die unausgesprochene Lösung nur lauten: Falls Daphne mit einem von uns schlafen wollte, würden die anderen ihm das Schlafzimmer samt Mädchen überlassen. Daphne wurde erst im Auto die Situation richtig klar.
„Ich mach‘ das sonst nicht, dass ich einfach so mit drei fremden Kerlen mitgehe.“ Sie wartete auf eine Reaktion. Wir schwiegen.
„Aber euch vertraue ich, ihr seid anständige Jungs.“
Heinz und Harry zwinkerten sich verschwörerisch zu:
„Na logisch!“
In Heinz‘ kleiner Wohnung verflüchtigte sich die Weich-zeichnung der nächtlichen Illusion und die Konturen der Wirklichkeit traten immer stärker hervor. Heinz und Harry versuchten mit Scherzen und Whisky den Glanz der Nacht zu erhalten und die trübe Realität außen vor zu halten. Daphne flüchtete in ihre Karrierepläne. Sie habe sich entschlossen, Sängerin zu werden, weil: „...wenn Leute wie Juliane Werding oder Marianne Rosenberg Stars werden, dann schaffe ich das erst recht.“ Ihre Vorbilder seien allerdings Joan Baez und Melanie Safka.
Sie wolle mit ihren Liedern mehr als nur Trallala machen. Wir unisono:
„Das schaffst du auch. Ganz sicher.“ Genau das brauchte sie. Und doch reichte alle Zustimmung und Ermunterung nicht aus, sie in eine Stimmung zurückzuholen, die irgendeine erotische Bereitschaft erkennen ließ. Ja, sie schien es geradezu darauf anzulegen, uns mit ihrer Karriere in spe zu langweilen. Heinz und Harry jedenfalls ließen in ihrem Balzverhalten spürbar nach und irgendwann sah Daphne auf die Uhr, wandte sich an mich und sagte völlig überraschend:
„Begleitest du mich nach Hause? Ich wohne nicht weit von hier.“ Und weil ich zögerte, sagte sie:
„Bitte, ich geh‘ nicht gern alleine durch die Nacht.“
Und so gingen wir los.
Unten auf der Straße hakte sie sich bei mir unter und weil sie ein wenig fror, legte ich den Arm um ihre Schulter. Bald gingen wir wie ein Liebespaar durch das nächtliche München. Wir gingen und gingen und gingen. Hatte sie nicht gesagt, sie wohnte nicht weit? Mir kam es vor, als liefen wir stundenlang, viele Kilometer weit. Irgendwann sagte sie:
„Ich hab‘ gleich erkannt, dass du ein tiefsinniger Mensch bist. Nur deshalb habe ich dich angesprochen. Ich hab‘ irgendwie gefühlt, dass du exakt das schreiben könntest, was ich singen möchte. Du siehst aus, als würdest du Gedichte schreiben, warum also nicht auch Liedertexte. Für mich. Mir aus der Seele geschrieben, verstehst du?“
„Da überschätzt du mich leider, das kann ich nicht. Ich schreibe keine Gedichte. Ich mag schon Lieder mit gescheiten Texten, ich höre gerne Jacques Brel, George Moustaki oder Leonard Cohen und ich bewundere Leute, denen so was einfällt - aber ich doch nicht!“
„Du hast es bloß noch nicht probiert, aber ich fühle dass es in dir steckt, du musst es nur rauslassen, versuch‘ es einfach mal. Tu es für mich.“
Dann standen wir vor ihrer Tür und ich sagte:
„Na dann...“
„Komm mit rein!“ sagte sie und ließ mir keine Möglichkeit zum Widerstand. Sie nahm meine Hand und zauberte ein Lächeln auf ihr müdes Gesicht, das mir keine Wahl ließ. Ihre Wohnung war eher die einer Träumerin, als die einer Sängerin. Poster ihrer Vorbilder prangten an allen Wänden.
„Hast du Hunger, soll ich uns was kochen?“ Ich lachte. Klar hatte ich Hunger, aber die Vorstellung, jetzt um halb fünf Uhr morgens zu kochen schien mir absurd. Stattdessen holte ich mir aus ihrem Kühlschrank ein paar Scheiben Wurst, eine Scheibe Käse und ein Gürkchen und packte das alles zwischen zwei Brötchenhälften. Wir bissen abwechselnd davon ab und lachten dabei. Daphne machte eine Flasche Rotwein auf. Die Wurst schmeckte leicht ranzig, der Wein leicht fuselig. Es war ein herrliches Mahl, ging es doch gar nicht mehr um den Genuss, es ging nur noch um die Pose. Sie beharrte auf unserer Seelenverwandtschaft und malte sich künftige Erfolge aus, den ihre Lieder mit meinen Texten haben würden.
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