„Glaubst Du, dass es sehr anstrengend ist, auf den Grindelkopf zu steigen?“ Franz sah zu dem Berg hinüber und antwortete:
„Ich habe meinen Eltern von unserem Vorhaben erzählt, und sie haben beide gesagt, dass sie früher einmal oben gewesen waren, und wenn die das geschafft haben, werden wir das doch wohl auch schaffen!“
„Ich habe auch mit meiner Mutter darüber gesprochen“, sagte Irmi, „sie war mit meinem Vater oben, von großen Schwierigkeiten hat sie mir nichts erzählt.“
„Hat Deine Mutter etwas dazu gesagt, wie lange sie für den Aufstieg gebraucht haben?“, fragte Franz und Irmi antwortete:
„Ich meine, Mutter hat irgendetwas von vier Stunden für den Aufstieg und zwei Stunden für den Abstieg gesagt.“
„Wir müssen an dem Tag früh los, auch damit uns während des Aufstiegs nicht die Mittagssonne so unbarmherzig auf den Kopf brennt, und wir uns tot schwitzen!“, meinte Franz.
„Aber erst einmal fahren wir nach Innsbruck und schauen uns die schöne Stadt an, ich freue mich schon sehr darauf, Du musst mir aber den Gefallen tun und mit mir einkaufen gehen, nicht lange, das verspreche ich Dir!“, sagte Irmi. Mittlerweile war es im Freibad etwas leerer geworden, es war Nachmittag und die Ersten waren wieder nach Hause gegangen. Neben Irmi und Franz wurde Volleyball gespielt und die beiden fragten, ob sie mitspielen dürften. Es fehlte jeweils genau eine Person in jeder der Mannschaften und Irmi und Franz passten deshalb dazu und spielten eine halbe Stunde mit.
Danach gingen sie noch einmal ins Wasser, um anschließend das Freibad wieder zu verlassen und nach Hause zu gehen. Sie trennten sich im Dorf voneinander und küssten sich zum Abschied:
„Bis Morgen früh!“, riefen sich die beiden zu. Irmi aß mit ihren Eltern zu Abend und besprach kurz mit ihnen ihre Innsbruck-Fahrt. Irmi sagte ihren Eltern, was Franz und sie sich ansehen wollten und dass sie noch nicht wüsste, wann sie wieder zu Hause sein würde. Am nächsten Morgen saß sie um 8..00 h mit ihrer Mutter am Frühstückstisch, ihr Vater war schon auf die Felder gefahren, als Franz eintraf, um sie abzuholen. Die beiden sagten Tschüss und liefen zur Bushaltestelle, jeder hatte einen kleinen Rucksack auf dem Rücken, in dem sich eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken befand. Die Bushaltestelle lag auf dem kleinen Platz vor der Kirche und vor dem Gasthof „Schneider“, und sie mussten noch eine Viertelstunde warten, bis schließlich der Bus ankam. Es saßen nur ganz wenige Fahrgäste in ihm, und als sie ihren Fahrschein gelöst hatten, ging die Fahrt los. Sie erreichten bald Feldweiler und konnten ihre alte Realschule sehen, sie weinten ihr aber keine Träne nach, wenn auch ihre Zeit dort gar nicht so schlecht gewesen war. Sie saßen mehr oder weniger wortlos im Bus und sahen die Landschaft an sich vorüberziehen, bis sie nach gut einer Dreiviertelstunde Innsbruck erreichten. Mitten im Zentrum verließen sie den Bus und mussten sich zuerst einmal eine Orientierung verschaffen. An der Bushaltestelle war ein Stadtplan angebracht und sie warfen einen Blick darauf.
Sie suchten die Angerzellgasse und fanden sie recht schnell, sie sahen, dass sie nur dreihundert Meter von ihrer neuen Schule entfernt waren und liefen langsam dorthin. Der Verkehr in Innsbruck war für die beiden natürlich vollkommen ungewohnt und sie mussten aufpassen, wenn sie die Straße überquerten, sie hatten die Situation aber schnell im Griff. Alle Sehenswürdigkeiten, die sie sich am Vortag auf Irmis Computer angesehen hatten, lagen im Altstadtkern und waren deshalb fußläufig gut zu erreichen. Sie steuerten als Erstes die neue Schule in der Angerzellgasse an und waren nach Kurzem dort. Da gerade Sommerferien waren, lag das Gebäude still und verlassen dort, aber das wussten Irmi und Franz natürlich vorher. Es reichte ihnen aber schon der Blick, um sich einen Eindruck zu verschaffen, und als sie zwei zwölf, dreizehn Jahre alte Kinder vor der Schule in der Gasse spielen sahen, sprachen sie sie einfach und fragten sie, ob sie Schüler des Gymnasiums wären. Die Kinder hörten auf, Fußball zu spielen und bejahten die Frage, woraufhin Franz sie weiter fragte, ob sie ihre Schule mochten.
„Meine Freundin Irmi und ich wollen nämlich nach den Ferien auf Eure Schule gehen!“, sagte Franz. Da tauten die beiden Kinder ein wenig mehr auf und schwärmten, dass das Gymnasium große Klasse wäre und sie jeden Tag gerne dorthin gingen, sie gingen beide in die siebte Klasse und wären gute Schüler.
„Fahrt Ihr in den Ferien nicht weg?“, fragte Irmi, „alle fahren doch weg in die Sonne und wollen am Strand entspannen!“
„Doch“, antworteten die beiden, „unsere Familien fahren sogar zusammen in zwei Wochen nach Mallorca, wir waren schon einmal dort und freuen uns darauf.“
„Gibt es denn besonders strenge Lehrer auf Eurer Schule?“, fragte Franz und die beiden Kinder schauten ihn an, als verstünden sie nicht, was Franz meinte. Schließlich sagte der eine von beiden aber:
„Unser Lateinlehrer ist manchmal sehr streng und gibt uns jede Menge Hausaufgaben auf, alle anderen Lehrer sind aber sehr in Ordnung.“ Daraufhin bedankten sich Irmi und Franz für die Auskünfte und liefen ein paar Schritte auf den Schulhof, wurden aber gleich von einem Hausmeister zurückgepfiffen und mussten ihm erklären, warum sie auf den Schulhof gelaufen wären. Als sie ihm glaubhaft versicherten, vom Beginn des nächsten Schuljahres an Schüler dieser Schule zu sein, wurde der Hausmeister gleich freundlich und sagte ihnen, dass die Schule leider geschlossen wäre und sie nicht in die Gebäude könnten.
„Wir wollten ja auch nur einen kurzen Blick auf die Gebäude werfen und gleich wieder gehen“, sagte Irmi zum Hausmeister, der sie wieder zum Schulhoftor begleitete und es hinter ihnen abschloss.
„Viel haben wir über unsere neue Schule ja nicht gerade in Erfahrung bringen können, aber wir wissen ja, dass Ferien sind und der Schulbetrieb deshalb ruht, was die beiden Jungen uns aber erzählt haben, lässt zumindest hoffen“, sagte Franz. Sie liefen durch die Angerzellgasse bis zur Universitätsstraße, bogen nach links ab und schwenkten an der Hofkirche in die Hofgasse ein.
Deren Verlängerung war die Herzog-Friedrich-Straße, an deren Anfang sie plötzlich vor dem Gebäude mit dem Goldenen Dachl standen. Das Goldene Dachl war eines der Wahrzeichen Innsbrucks und man muss an dem prunkvollen Erker, den es eindeckt, hinaufschauen, um etwas von seinem Glanz mitzubekommen. Es handelt sich bei dem Dach um 2657 feuervergoldete Kupferschindeln, die dem Dach des Prunkerkers seinen Glanz verliehen. Es standen sehr viele Touristen auf dem Platz vor dem Erker und nahmen Fotos von dem Dach. Franz hatte sein Handy dabei und machte Fotos von Irmi mit dem Goldenen Dachl, und er bat jemanden Fremden, ein Foto von Irmi und sich mit dem Goldenen Dachl zu machen. Viel mehr gab das Goldene Dachl aber nicht her, und Irmi und Franz liefen weiter, bis sie auf die Herzog-Otto-Straße und die Innbrücke trafen. Sie liefen über den Zebrastreifen auf die andere Straßenseite und setzten sich neben einen Kiosk auf eine Bank, von der aus sie einen schönen Blick auf den Inn hatten. Am Kiosk kauften sie sich beide ein Eis und genossen es, in der Sonne zu sitzen, obwohl der Verkehr auf der Hauptstraße und der Brücke doch ziemlich laut war. Sie fragten am Kiosk nach dem nächsten Mc Donald´s und man sagte ihnen dort, dass es einen in der Bienerstraße gäbe, das wären eineinhalb Kilometer zu laufen.
Irmi und Franz bedankten sich für die Auskunft und setzten sich wieder auf ihre Bank, wo sie in Ruhe ihr Eis zu Ende schleckten. Auf der anderen Innseite konnte man schon das Helblingerhaus sehen und nachdem sie ihr Eis gegessen hatten, liefen sie über die Brücke, gingen nach links und standen vor dem barocken Helblingerhaus, das für seine Stuckfassade überall berühmt war. Sie stellten sich für eine Zeit vor das Gebäude, in dem heute ein Best Western Hotel untergebracht war. Franz nahm wieder sein Handy und schoss Bilder von Irmi vor dem Helblingerhaus, er ließ auch einige Fotos von Irmi und sich machen. Anschließend liefen sie wieder über die Brücke zurück in die Altstadt und hatten überlegt, zu der Mc Donald´s – Filiale zu laufen, weil es auf Mittag zuging und sie beide Hunger bekommen hatten. Sie drehten sich noch einmal um und nahmen einen letzten Blick auf das Helblingerhaus, das auch aus der Ferne sehr schön aussah, jedenfalls für Touristen, die die barocken Hausverzierungen mochten. Danach liefen sie zurück zur Universitätsstraße, die sie ein Stück entlanggingen, bis sie nach links in die Kaiserjägerstraße abbogen. Der folgten sie, bis sie auf die Bienerstraße traf, in der sich die Mc Donald´s – Filiale befand. Auf dem Weg dorthin fiel den beiden auf, wie schön grün doch Innsbruck war, und welche angenehmen Wohnquartiere es in der Stadt gab. Auf sie wirkte das Stadtbild in jedem Fall sehr gemütlich und sie malten sich beide aus, irgendwann vielleicht einmal in Innsbruck zu leben, ob zusammen, wussten sie noch nicht.
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