„Meiner Einschätzung nach dürfen Sie nicht zu viel erwarten, da von den Fachärzten zu wenig der Mensch in seiner Ganzheit gesehen wird. Dr. Hartmann stellt da sicherlich eine rühmliche Ausnahme dar, aber leider kann er sich oft gegen seinen Chefarzt nicht durchsetzen. Ich glaube, Sie werden gleich Gelegenheit haben das festzustellen. Denn wenn sich meine Ohren nicht täuschen, hat gerade die Chefarztvisite begonnen.“
Tatsächlich dauerte es nur wenige Augenblicke bis es an der Tür des Krankenzimmers klopfte und kurz darauf befand sich schon ein großer Tross an Ärzten und Krankenschwestern im Zimmer von Devius und Anton. Der Chefarzt sprach eigentlich kaum direkt mit den zwei Patienten, sondern schaute nur oberflächlich über die Krankenakte der Beiden und gab dann dem Oberarzt Dr. Hartmann und seinen Assistenzärzten Anweisungen, wie die weitere Behandlung aussehen sollte. Das einzige, was Devius dabei heraushören konnte, war, dass bei ihm kein organischer Befund vorlag, er aber trotzdem auf Verdacht erst mal sowohl ein Mittel gegen Depressionen und als auch ein Mittel gegen Epilepsie einnehmen sollte.
Ehe er und sein Mitpatient auch nur eine Frage stellen konnten, war das Zimmer schon wieder bis auf die zwei Patienten leer.
„Tja, da muss ich Ihnen wohl Recht geben, von ganzheitlicher Medizin kann man in diesem Fall nicht sprechen“ sagte Devius, dessen verdutzter Ausdruck auf dem Gesicht noch nicht ganz verschwunden war und Anton zu einem kleinen Lächeln verführte.
„Ich bin davon überzeugt, wenn Sie eine klare und unumstößliche Diagnose hätten, dass die Ärzte hier mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen würden, Sie zu heilen. Bei Ihnen, Devius, gehe ich aber eher davon aus, dass den Ärzten auf Grund der mangelnden Befunde nicht klar ist, an was Sie leiden. Daher befinden Sie sich noch im Stadium eines Versuchskaninchens. Frage ist, wollen Sie das oder wollen Sie doch noch lieber eine andere Meinung einholen?“ meinte Anton mit einem fragenden Ausdruck auf dem Gesicht zu Devius. Devius überlegte kurz, ehe er antworte und sagt dann:
„Sie haben es also auch so verstanden, dass entsprechend den Untersuchungsergebnissen kein organischer Befund bei mir vorliegt. Also weder ein Hirntumor noch irgendetwas anderes akut Bedrohliches bei mir festzustellen war?“
„Genau so habe ich es auch verstanden.“
„Na, dann werde ich sehen, dass ich hier möglichst schnell entlassen werde und Kontakt zu Frau Adler aufnehme.“
„Das würde ich an Ihrer Stelle auch tun.“, sagte Anton Müller nun mit einem aufmunternden Lächeln zu Devius. Devius war in diesem Moment natürlich sehr beruhigt, dass sein Leiden keine organische Ursache hatte, andererseits hatte er aber damit auch immer noch keine greifbare Lösung für seine Probleme. Er hoffte sehr, dass es ihm gelingen würde, mit Silvia Adler Kontakt aufzunehmen und mit ihr zu sprechen. Devius ahnte noch nicht, wie wichtig eine Begegnung mit Silvia Adler für sein weiteres Leben und das Wohl der ganzen Menschheit sein würde. Und wie viel er Anton Müller für diesen Hinweis verdankte.
5. Kapitel
Ich schrie mir die Seele aus dem Leib, aber niemand reagierte darauf. War ich hier in einem Gefängnis oder in einer Irrenanstalt oder warum war ich hier sonst gefesselt? Ich schrie, bis ich keine Kraft mehr hatte und nur noch ein leises Wimmern aus meinem Munde kam. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Warum war ich hier gefangen? Und warum kümmerte sich niemand um mich?
Aus welchem Grund konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich hierher kam und wo ich hier war? Was war passiert? Was wusste ich überhaupt noch? Alles war so schwammig und nicht greifbar. Ich war verheiratet und hatte einen Sohn. Das stand auf jeden Fall fest. Ich lebte in einer Stadt, in einem schönen Haus. Nur wie hieß diese Stadt? Ich wusste es nicht mehr. Je mehr ich versuchte, mich an etwas zu erinnern, desto mehr entglitt es meinen Fingern und wurde unerreichbar für mich.
Meine Verzweiflung wuchs wieder. Hatte man mir Drogen gegeben, so dass ich alles vergaß? Wie konnte mir nur so etwas passieren? Nun musste ich auch noch auf Toilette und hatte keine Lust in die Windel zu machen. Daher fing ich wieder an zu rufen und hoffte, dass nun jemand auf mich reagierte. Ich bittete und bettelte, dass jemand zu mir kommen sollte. Tatsächlich hörte ich nach einer Weile Schritte vor der Tür, die sich auf das Zimmer zu bewegten. Endlich geschah etwas.
6. Kapitel
Clarissa hatte in der vergangenen Nacht kaum ein Auge zugemacht und war schon vor Sonnenaufgang wach. Nachdem sie der schlafenden Rosemarie Mandel zum Abschied einen Kuss auf die Stirn gehaucht hatte, machte sie sich auf den Weg zum Haus ihrer Großmutter. Da sie immer noch einen Zweitschlüssel des Hauses besaß, brauchte sie dazu den im Krankenhaus hinterlegten Schlüssel nicht mitzunehmen.
Das Haus ihrer Großmutter lag in der Roßdörfer Straße. Das war nicht allzu weit von der Neurologischen Klinik entfernt. Um einen einigermaßen klaren Kopf zu bekommen, entschloss sich Clarissa zu Fuß loszulaufen. Die Straßen waren um diese Uhrzeit noch fast menschenleer, daher fiel ihr sofort auf, dass sie wieder von der fremden Frau verfolgt wurde. Auf Grund der großen Sorge um ihre Großmutter und der sehr schlechten Nacht, die hinter ihr lag, war sie in einer ausgesprochen schlechten Stimmung. Nachdem sie nun auch noch feststellen musste, dass sie wieder verfolgt wurde, stieg ihr Adrenalinspiegel in nicht unerheblichem Maße. Dies wiederum führte dazu, dass sie die Verfolgung nicht länger ertragen und die Fremde zu Rede stellen wollte.
Gerade hatte Clarissa ihren ganzen Mut zusammengenommen und drehte sich zu ihrer Verfolgerin um, da umhüllte sie plötzlich ein dunkler Schatten und fühlte sie auf einmal eine unangenehm kalte Berührung auf ihrem Arm. Im gleichen Moment wurde ihr schwarz vor Augen und musste sie sich vor Schwäche an den Rand des Bürgersteigs setzen. Nachdem der Schwindel etwas nachgelassen hatte und sie wieder einigermaßen bei sich war, hatte Clarissa Schwierigkeiten damit, sich daran zu erinnern, was sie hier eigentlich tat. Erst nach ein paar Minuten fiel ihr wieder ein, dass sie sich auf dem Weg zum Haus ihrer Oma befand, um dort das Amulett zu suchen. Eine weitere Weile dauerte es, bis ihr erneut einfiel, dass sie verfolgt wurde und ihre Verfolgerin eigentlich zur Rede stellen wollte. Die war aber nun nirgends mehr zu sehen. Daher entschloss sich Clarissa ihren Weg wieder auf zu nehmen. Gerade in diesem Moment roch sie wieder das Parfüm ihrer Mutter in der Luft, maß dem aber keine größere Bedeutung bei.
Clarissa erreichte das Haus ihrer Großmutter ohne weitere Vorfälle nach fünfzehn Minuten Fußmarsch. Ohne dass sie es bemerkte, war die fremde Frau ihr dennoch weiterhin gefolgt. Die Fremde bewegte sich dabei so geräuschlos und verschmolz so geschickt immer wieder mit irgendwelchen Schatten, dass sie für Clarissa unsichtbar war.
Als Clarissa nun vor der Haustür des kleinen Einfamilienhaus stand und den Haustürschlüssel in ihrer Handtasche suchte, tauchten in ihrem Kopf jählings eine Vielzahl von Kindheitserinnerungen auf. Sie erinnerte sich plötzlich an alle Einzelheiten des Augenblicks, als ihr von ihrer Großmutter unter Tränen mitgeteilt wurde, dass ihre Eltern nicht wieder nach Hause zurückkehren werden. Es war ein sehr kalter und klarer Wintertag vor fünfundzwanzig Jahren. Sie übernachtete bei ihrer Großmutter, da ihre Eltern übers Wochenende bei Freunden im Sauerland eingeladen waren und sie lieber bei ihrer Großmutter übernachten wollte. Clarissa hatte sich gerade vor dem Kamin in eine Decke eingekuschelt, als auf einmal das Telefon läutete. Ihre Großmutter, die keinen Anruf erwartete, sah etwas erschrocken aus, hob dann aber doch den Hörer ab. Während dieses Telefonats wurde Rosemarie Mandel mitgeteilt, dass ihr Sohn und ihre Schwiegertochter bei einem schweren Autounfall umgekommen waren.
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