Es schlich sich die Befürchtung in Clarissas Gedanken, dass ihre Großmutter nicht mehr sprechen konnte. Der Schlaganfall hatte wahrscheinlich zu einer Lähmung des Sprachzentrums von Rosemarie Mandel geführt. Clarissa versuchte ihr Entsetzen darüber nicht zu zeigen. Sie war aber eine schlechte Schauspielerin, deshalb entging der alten Dame ihr entsetzter Gesichtsausdruck nicht. Sowohl Clarissa als auch ihre Großmutter versuchten die Fassung zu bewahren, aber dann fingen doch beide an zu weinen. Schnell setze Clarissa sich nun zu ihrer Großmutter auf das Bett und nahm sie liebevoll in den Arm. Erst nach einer ganzen Weile konnten sich die beiden sich wieder beruhigen und voneinander lösen.
Plötzlich wurde Clarissas Großmutter unruhig, als ob ihr etwas Wichtiges eingefallen war und dies dringend erledigt werden musste. Rosemarie zeigte mehrmals auf ihr Schränkchen und wurde sichtbar ungeduldig als ihre Enkelin nicht gleich verstand, was sie wollte. Endlich verstand Clarissa, dass sie in den persönlichen Dingen ihrer Großmutter etwas suchen sollte. Nur was?
„Ich soll etwas für Dich in Deinen Sachen suchen?“ fragte Clarissa ihre Großmutter. Diese nickte und versuchte ein „Ja!“ hervorzubringen, was ihr aber nicht gelang. „Die Frage ist nur, was ich für Dich suchen soll.“
Rosemarie hob ihre Hand und deutete auf ihre Brust. Auf einmal fiel Clarissa ein, was sie an ihrer Großmutter schon die ganze Zeit vermisste. Es war ihr goldenes Amulett mit dem Kristall in der Mitte. Solange Clarissa sich erinnern konnte, trug Rosemarie dieses Amulett. Sie hatte es ihrem Wissen nach nie abgelegt, selbst in der Nacht nicht. Die junge Frau wusste, wie wichtig das Amulett ihrer Oma war, deswegen fing sie sofort an, in dem Schränkchen am Bett und im Kleiderschrank danach zu suchen. Doch auch nach dem zweiten noch genaueren Suchen, konnte sie das Schmuckstück von Rosemarie nicht finden.
Mit unruhigen Augen wurde sie während der ganzen Zeit der Suche durch ihre Großmutter beobachtet. Als klar wurde, dass sich das Amulett nicht in dem Zimmer befand, machte sich eine große Enttäuschung auf dem Gesicht der alten Dame breit.
„Ich werde die Nachtschwester fragen, ob sie etwas von Deinem Amulett weiß.“ meinte daraufhin Clarissa zu ihrer Großmutter. Diese nickte ganz schwach als Zeichen ihrer Zustimmung. Während Clarissa das Zimmer verließ, um die diensthabende Krankenschwester zu suchen und mit ihr zu sprechen, hörte sie Rosemarie leise seufzen.
Als Clarissa aus dem Zimmer ihrer Großmutter trat, schaute sie kurz auf die Uhr und stellte fest, dass es schon fast zehn war. Die Suche nach dem Amulett hatte doch einige Zeit in Anspruch genommen. Während des Abends und der Nacht war der Krankenhausflur nur sehr spärlich erleuchtet und Clarissa musste sich erst einmal orientieren. Ihrer Erinnerung nach müsste sich das Stationszimmer links von ihr befinden, also wandte sie sich nach links. Als sie einen Moment gegangen war und an einem großen Spiegel vorbeikam, nahm sie im Augenwinkel eine Bewegung wahr. Da sie davon ausging, dass sie die Nachtschwester wahrgenommen hatte, ging sie in diese Richtung und rief:
„Schwester, könnten Sie bitte einen Augenblick warten! Ich habe eine Frage.“ Nachdem sie keine Antwort erhielt und niemand mehr zu sehen war, ging sie doch wieder in die ursprüngliche Richtung. Plötzlich hatte sie erneut den Eindruck, dass sich im Schatten des Flurs jemand oder etwas bewegte. Sie wollte gerade wieder in diese Richtung wenden, da tippte ihr jemand auf die Schulter, so dass sie vor Schreck zusammenzuckte und ihr Atem für einen kurzen Moment stillstand.
„Oh entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie erschreckt habe, Frau Mandel, aber ich dachte, ich hätte Sie nach mir rufen hören.“ sagte die Nachtschwester, die laut ihrem Namensschild Schwester Anna hieß.
Nachdem sich Clarissa von ihrem Schreck erholt hatte und wieder normal atmen konnte, erklärte sie Schwester Anna, dass ihre Oma ihr goldenes Amulett vermisste. Die Krankenschwester nahm Clarissa daraufhin mit ins Stationszimmer und suchte nach Informationen zu dem Schmuckstück. Aber weder bei den wenigen persönlichen Sachen von Rosemarie Mandel noch in der Krankenakte fanden sich irgendwelche Hinweise auf das Amulett.
„Vielleicht hat ihre Großmutter das Amulett verloren, als sie in Ihrem Haus den Schlaganfall erlitt und dort zu Boden stürzte. In der Akte steht auf jeden Fall nichts davon, dass sie ein Schmuckstück trug, als sie hier eingeliefert wurde.“
„Vielen Dank für Ihre Mühen, dann werde ich wohl in dem Haus danach suchen müssen.“ entgegnete die junge Frau daraufhin etwas enttäuscht.
„Wollen sie denn heute Nacht bei Ihrer Großmutter bleiben, dann würde ich Ihnen eine Decke raussuchen?“
„Ja, das wäre sehr nett von Ihnen. Morgen früh werde ich in das Haus meiner Großmutter gehen, um dort nach dem Amulett zu suchen. Ich hoffe, ich finde es dann dort.“ Clarissa bedankte sich nochmals bei Schwester Anna und ging zurück zum Zimmer ihrer Oma. Sie öffnete leise die Tür und sah, dass ihre Großmutter erneut die Augen geschlossen hatte und vermutlich schlief. Sie setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett ihrer Großmutter und nahm wieder ihre Hand. Kurze Zeit später kam Schwester Anna mit der versprochenen Decke herein und gab diese Clarissa. Sie nahm die Decke dankbar an, deckte sich zu und versuchte ein wenig zu schlafen. Aber dank des unbequemen Stuhls und der vielen Gedanken, die sie beschäftigten, gelang ihr das lange Zeit nicht.
Clarissa hatte Angst um ihre Oma. Bestand überhaupt Hoffnung, dass sie je wieder sprechen konnte? Würde sie an ihrem Schlaganfall sterben müssen? Und das Amulett. Wieso war es ihrer Großmutter in ihrer jetzigen Situation so wichtig? All das beschäftigte sie, bis sie spät in der Nacht in einen unruhigen Schlaf fiel. Sie wurde von schrecklichen Alpträumen gequält, die so realistisch waren, dass es fast den Anschein hatte, dass sie die Wirklichkeit abgelöst hatten und Clarissa nie mehr daraus erwachen würde. In ihren Träumen wollte die fremde Frau das Amulett unter allen Umständen in ihren Besitz bringen und Clarissa musste dies, um das Leben ihrer Oma zu retten, auf jeden Fall verhindern. Es war wie ein Kampf der Dunkelheit gegen das Licht, der in Clarissas Alpträumen stattfand, so empfand sie es zumindest, als sie am nächsten Morgen völlig übernächtigt aufwachte. Und der Ausgang dieses Kampfes war offen.
4. Kapitel
Als Devius am nächsten Morgen von der Ambulanz auf die Normalstation verlegt wurde und sein Zimmer bezogen hatte, kam sein behandelnde Arzt zu ihm, stellte sich ihm vor und besprach mit ihm die anstehenden Untersuchungen. So sollte bei ihm eine Kernspintomografie des Kopfes und ein Elektroenzephalogramm (EEG) gemacht werden. Dr. Hartmann erklärte ihm alle diagnostischen Maßnahmen sehr genau und strahlte dabei eine ausgesprochene Ruhe und eine hohe fachliche Kompetenz aus. Daher fiel es Devius leicht, Vertrauen zu ihm zu fassen.
Kaum hatte der Arzt sein Zimmer verlassen, wurde Devius auch schon von einem Krankenpfleger zu seiner ersten Untersuchung gebracht. In Laufe des Tages musste sich der junge Mann nun den verschiedensten Tests und Untersuchungen unterziehen. Da er ständig mit irgendetwas beschäftigt war, dachte er wenigstens eine gewisse Zeit nicht an die Probleme, die seine Seele quälten und seinen Geist verdunkelten. Als alle geplanten Untersuchungen abgeschlossen waren, teilte man ihm mit, dass ihm morgen während der Chefarztvisite die Ergebnisse mitgeteilt werden würden. Nun hatte Devius wieder ausreichend Zeit, sich Gedanken über seinen gesundheitlichen Zustand zu machen, zumindest bis sein Zimmernachbar ins Zimmer zurückkehrte.
Das war ein siebzig Jahre alter freundlicher Herr, der scheinbar schon lange keinen geeigneten Gesprächspartner mehr gehabt hatte und in Devius eine willkommenen Gelegenheit sah, um ausführlich seine Erkrankungen, aber auch eine Vielzahl von Geschichten aus seinem langen Leben schildern zu können. Das dauerte dann auch bis in den späten Abend und fast die halbe Nacht. Zumindest bis Devius vor Erschöpfung einschlief, was aber den älteren Herren nicht daran hinderte, weiter zu sprechen und von seiner Vergangenheit zu berichten.
Читать дальше