1 ...7 8 9 11 12 13 ...30 Jetzt war aber der Augenblick des Aufbruchs für Devius gekommen. Er hatte neue Hoffnung geschöpft und spürte in seinem Herzen, dass er sich auf dem richtigen Weg befand. Als er nun vor die Tür der Klinik trat und dort von einer Wand aus schwül heißer Luft empfangen wurde, war es schon kurz nach Mittag. Kaum war er nach draußen getreten, hatte er bereits eine Schicht Schweißtropfen auf seiner Stirn stehen. Sein wichtigstes Ziel war jetzt, Kontakt zu Silvia Adler aufzunehmen. In sie setzte er nun alle seine Erwartungen. Also machte er sich auf den Weg in Richtung seiner Wohnung, um von dort aus in aller Ruhe mit ihr zu telefonieren.
Doch nur wenige Meter entfernt wartete eine schicksalhafte Begegnung auf ihn. Als er in eine kleine einsame Seitenstraße, nicht weit entfernt von der Klinik, einbog, wurde die Ruhe der mittäglichen Hitze durch einen lauten und verzweifelten Hilfeschrei zerschnitten. Diesen Schrei hatte eine junge hübsche Frau ausgestoßen, die er dort auf dem Gehweg liegen sah und die sich in einer Rangelei mit einer Frau mittleren Alters befand. Die beiden Frauen schienen um den Besitz von etwas zu kämpfen, was die jüngere Frau um ihren Hals trug. Devius fiel im gleichen Augenblick auf, dass die ältere von den beiden Frauen etwas Dunkles und Gefährliches an sich hatte, was ihn dazu drängte, der jungen Frau um jeden Preis helfen zu wollen.
Daher rannte er so schnell er konnte auf die beiden Frauen zu. Der Kampf schien inzwischen schon fast zugunsten der älteren Frau entschieden zu sein, als er die beiden atemlos erreichte und es ihm gelang, die beiden Frauen voneinander zu trennen. Im gleichen Augenblick wandte sich ihm die ältere Frau zu und fauchte ihn hasserfüllt an. Die Fremde erinnerte Devius dabei an eine wilde Furie.
Gerade hatte er den Eindruck, dass sie sich voller Abscheu auf ihn stürzen wollte, da machte sie erneut den Versuch, der jungen Frau mit brutaler Gewalt ihre Kette vom Hals zu reißen. Wieder musste Devius eingreifen. Nachdem die Fremde merkte, dass ihr Opfer nicht mehr allein war, sondern tatkräftig von Devius unterstützt wurde, gab sie doch noch auf. Sie stieß Devius brutal zu Seite und rannte dann schnell weg. Devius überlegte kurz, ob er die Verfolgung aufnehmen sollte, entschied sich aber dagegen. Er wollte lieber bei der jungen Frau zu bleiben, da sie sehr hilflos und angeschlagen aussah.
Devius half nun der jungen Frau, die immer noch sehr wackelig war, wieder auf die Beine. Dann hob er all die Dinge, die aus ihrer Handtasche gefallen waren, auf und machte sie zurück in die Tasche. Erst als er ihr die Handtasche zurückgeben wollte, nahm Devius die junge Frau, die ihn dankbar anlächelte, etwas genauer in Augenschein.
Devius hatte noch nie so ein nettes und einnehmendes Lächeln, wie das von ihr gesehen. Aber nicht nur das, die junge Frau erschien ihm mit ihrem hübschen Gesicht und ihren langen lockigen blonden Haaren fast wie ein Engel. Devius konnte sich kaum sattsehen an ihr und vergaß völlig seine Umgebung, als er ihr in ihre strahlenden blauen Augen schaute und darin beinahe versank. Erst als die junge Frau
„Danke für Deine Hilfe, aber könntest Du mir jetzt meine Tasche wiedergeben?“ sagte, kehrte Devius in das Hier und Jetzt zurück.
„Aber natürlich, entschuldige bitte, ich war etwas in Gedanken.“ und ließ ihre Handtasche, die er bis dahin fest umklammert hielt, los.
„Das habe ich bemerkt, ich heiße übrigens Clarissa“, entgegnete die junge Frau mit einem leicht ironischen, aber trotzdem bezaubernden Lächeln.
„Es freut mich sehr Dich kennen zu lernen, auch wenn die Umstände etwas unglücklich waren. Ich bin Devius. Ist alles in Ordnung mit Dir? Kann ich noch irgendwas für Dich tun oder soll ich Dich noch ein Stück begleiten?“
„Ja, das wäre sehr nett, ich war auf dem Weg zur Neurologischen Klinik, um dort meine Großmutter zu besuchen, ehe diese Verrückte auftauchte und mich überfiel.“
„Weißt Du eigentlich, was sie von Dir wollte? Sie sah ja nicht unbedingt wie eine Straßenräuberin aus.“
„Diese Frau verfolgt mich jetzt schon seit mehreren Wochen und wollte mir anscheinend das Amulett stehlen, das eigentlich meiner Großmutter gehört und das ich heute in ihrem Haus wiedergefunden habe.“
„Kannst Du Dir erklären warum? Ist das Amulett denn so wertvoll?“
„Keine Ahnung, aber offenbar hat es einen besonderen Wert für sie. Trotzdem hoffe ich, sie hält sich zukünftig von mir fern“
„Nun, ich denke, wenn so etwas besonders an dem Amulett ist, dass sie Dich deswegen mehrere Wochen lang verfolgt und dich dann sogar überfällt, als sie sicher ist, dass es sich in Deinem Besitz befindet, wird sie nicht so schnell aufgeben. Vielleicht solltest Du sicherheitshalber mit der Polizei sprechen.“
„Ja, daran hatte ich auch schon gedacht, aber dann ist der Schlaganfall meiner Großmutter dazwischen gekommen. Ihr geht es so schlecht, dass es für mich sehr wichtig ist, dass ich in ihrer Nähe bleibe und sie meine Anwesenheit spürt, auch wenn sie schläft.“ Die beiden waren inzwischen vor dem Eingang der Neurologischen Klinik angekommen und mussten sich nun voneinander verabschieden.
„Nochmals vielen Dank für Deine Hilfe, Devius, aber ich kann meine Großmutter nicht länger warten lassen.“
„Ja, das verstehe ich. Ich muss auch noch etwas Wichtiges erledigen. Aber vielleicht können wir uns bald mal wieder treffen?“
„Klar, gerne. Vielleicht können wir schon heute Abend was zusammen machen. Du kannst mich ja nachher anrufen.“ Clarissa gab Devius zum Abschied einen Kuss auf die Wange und ehe sie endgültig die Klinik betrat, auch noch ihre Telefonnummer. Devius konnte sein kaum Glück fassen. Eine so tolle Frau wie Clarissa hatte er noch nie kennengelernt. In ihm schien ein Feuer entfacht worden zu sein, das seine Seele zum Leuchten brachte. Ja, Devius machte in der Tat den Eindruck von innen zu glühen.
Aber leider gab es wirklich noch ein paar Dinge, die er dringend erledigen musste. Die wichtigste Aufgabe war die Kontaktaufnahme zu Silvia Adler. Er holte das Blatt, auf dem Anton ihm die Adresse von Silvia Adler aufgeschrieben hatte, aus seiner Tasche und entschied sich nun spontan, direkt bei ihr vorbeizugehen und zu versuchen, einen Gesprächstermin mit ihr zu vereinbaren. Die Praxis von ihr war in der Goethestraße, also knapp zwanzig Minuten Fußweg entfernt. Da er keine Lust hatte, bei dieser Hitze öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, entschied er sich zu laufen.
Das bereute er allerdings schon nach kurzer Zeit. Die Sonne schien direkt senkrecht auf ihn herab und ließ jeden seiner Schritte immer schwerer und schwerer werden. Der Schweiß floss in Strömen sein Gesicht und seine Arme und Beine herunter und er konnte es kaum fassen, als er nach mehr als dreißig Minuten die Praxis von Silvia Adler doch noch erreichte. Dort betrachtete er zunächst das imposante Haus vor sich, ehe er schließlich an der antik wirkenden Haustür klingelte. Bei dem Haus handelte es sich um ein mehrstöckiges Stadthaus aus der Gründerzeit, das sehr ansprechend hergerichtet und renoviert worden war und damit auf den guten Geschmack der Besitzerin schließen ließ.
Nachdem er der Sprechanlage seinen Namen und sein Anliegen anvertraut hatte, wurde ihm recht schnell die Tür geöffnet. Im kühlen Flur der Praxis begrüßte ihn dann Silvia Adler persönlich und gab ihm ihre Hand. Sie war eine großgewachsene schlanke Frau mit langen grauen, fast schon weißen Haaren, die hinter ihrem Kopf streng zu einem Knoten zusammen gebunden waren. Ihr Gesicht war mit Falten übersät, wobei die Lachfalten am ausgeprägtesten waren. Am eindrucksvollsten waren aber ihre leuchtend dunkelgrünen Augen, die eine große Stärke ausstrahlten. Sie lächelte Devius freundlich an und machte einen sehr sympathischen, gleichwohl auch wissenden Eindruck auf ihn. Dann begann sie mit einer tiefen und wohlklingenden Stimme fast schon beschwörend auf ihn einzureden:
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