4. Götterdienst.Wie Nerthus hatten auch die übrigen Götter ihre Heiligtümer im Dunkel der Haine und Wälder. Dorthin waldfahrtete man; unter alten geheiligten Bäumen brachte man die liebsten Tiere, die Pferde, zum Opfer dar, ja sogar Menschen; dort betete man, den Blick gen Himmel gekehrt, zu der unsichtbaren Gottheit. Tempel und Götzenbilder hatten die Deutschen nicht; die Götter erschienen ihnen zu erhaben, um in Gebäuden von Menschenhänden wohnen zu können, oder in menschlicher Gestalt abgebildet zu werden. An ein zukünftiges Leben glaubten sie fester, als irgend ein heidnisches Volk. Darum kannten sie keine Todesfurcht. Die tapfer kämpfend in der Schlacht fielen, die kamen ja nach Walhall, der himmlischen Burg Wodans, wo sie alles in Fülle fanden, was sie auf Erden beglückte: unaufhörliche Heldenkämpfe, fröhliche Jagden, festliche Schmausereien. Die Feigen freilich und die Gottlosen waren von Walhalls Freuden ausgeschlossen: sie kamen in das Reich der Hel, die Hölle, und mußten dort in ewiger Finsternis schmachten.
3. Die Cimbern und Teutonen.
1. Wanderung der Cimbern und Teutonen (113 v. Chr.).Unsere Vorfahren lernen wir zuerst kennen durch ihre Kämpfe mit den Römern. Diese Kämpfe beginnen etwa hundert Jahre vor Christi Geburt mit dem Einfall der Cimbern und Teutonen ins römische Reich. Das waren deutsche Völkerschaften von den Ufern der Nord- und Ostsee. Durch Hunger und Überschwemmung gezwungen, waren sie mit Weib und Kind und aller Habe von ihrer Heimat ausgezogen, um sich im Süden neue Wohnsitze zu suchen. Wie ein gewaltiger Strom drangen sie gegen Italiens Grenzen heran; mehrere Heere, welche die Römer gegen sie aussandten, erlagen ihrer wilden Tapferkeit. Da ergriff ungeheure Angst das stolze Rom. Wer konnte Rettung bringen vor dem fürchterlichen Feinde, wer Italien schützen gegen die ungestüme Kraft jener Schar von Riesen, deren trotziger Blick Verderben drohte, deren Kampfgeschrei dröhnte wie Brüllen der Löwen? Nur einen Mann hatte Rom, der imstande schien, den Untergang von ihm abzuwenden. Es war Marius, der größte Kriegsmann seiner Zeit. Ihm übertrugen die Römer den gefahrvollen Krieg.
2. Untergang der Teutonen.Zuerst zog Marius gegen die Teutonen, die von dem südlichen Gallien (Frankreich) her in Italien einbrechen wollten. Am Rhoneflusse schlug er ihnen gegenüber ein verschanztes Lager auf. Dort hielt er sich lange ruhig, um seine Krieger erst an den Anblick der schrecklichen Feinde zu gewöhnen. Selbst durch den Hohn der streitlustigen Deutschen, welche die zögernden Römer der Feigheit beschuldigten, ließ er sich nicht zum Kampfe bewegen- Endlich, als die Teutonen in langem Zuge an seinem Lager vorüber nach Italien zogen, folgte er und lieferte ihnen an einem günstig gelegenen Orte eine Schlacht. Die römische Kriegskunst erfocht über die ungezügelte Tapferkeit der Deutschen den Sieg: die Teutonen wurden gänzlich geschlagen.
3. Untergang der Cimbern.Unterdessen waren die Cimbern über die Alpen in Italien eingedrungen. Kecken Mutes waren sie auf ihren großen, hölzernen Schilden von den steilen, schnee- und eisbedeckten Gipfeln der Berge hinabgefahren, hatten Felsen losgebrochen, Bäume ausgerissen und in die Alpenströme geschleudert, um sich Übergänge zu bahnen, und ergossen sich jetzt verheerend über die herrlichen Gefilde Oberitaliens. Da kam Marius und führte sein siegreiches Heer auch gegen sie. Er stellte seine Soldaten so, daß die glühende Sommersonne den Feinden ins Gesicht brannte und der Wind ihnen Sand und Staub in die Augen jagte. Das wirkte. Obgleich die vorderen Reihen der Cimbern sich Mann an Mann mit Ketten gebunden hatten, um nicht vom Platze zu weichen, obgleich die Weiber hinter den Reihen jeden Flüchtling mit Beilen niederhieben: das deutsche Heer wurde gänzlich aufgerieben. So rettete Marius sein Vaterland aus einer Gefahr, in der die Römer zuerst die kriegerische Kraft des deutschen Volkes hatten kennen lernen.
4. Cäsar und die Deutschen.
1. Cäsar und Ariovist (58 v. Chr.).Fünfzig Jahre nach dem Cimbernkriege traf der große Römerheld Julius Cäsar in Gallien, wo er glückliche Eroberungskriege führte, von neuem mit deutschen Völkerschaften zusammen. Ariovist, ein deutscher Fürst, war mit einer tapfern Kriegerschar ins Land gekommen, hatte sich dort festgesetzt und drohte, seine Herrschaft weiter auszubreiten. Cäsar beschloß, ihn nach Deutschland zurückzutreiben. Als es zum entscheidenden Kampfe kommen sollte, ängstigten sich wieder die römischen Soldaten vor der Wildheit und gewaltigen Kraft der Deutschen, also daß sie dem Feldherrn nicht ins Gefecht folgen mochten. Doch Cäsar verstand es, ihr Ehrgefühl zu entflammen; angeführt von einem so großen Meister in der Kriegskunst, gewannen sie den Sieg. Ariovist floh mit wenigen, die dem Tode entgangen waren, über den Rhein.
2. Cäsar in Deutschland.Darauf unterwarf Cäsar durch Gewalt und List alle deutschen Völkerschaften, die sich auf der linken Rheinseite angesiedelt hatten. Zweimal ging er sogar über den Rhein, um in das innere Deutschland vorzudringen; allein er wagte es doch nicht, das mutige Volk in seinen dichten unwegsamen Wäldern anzugreifen, und kehrte daher bald zurück.
5. Armin, Deutschlands Befreier.
1. Drusus in Deutschland.Durch die Eroberungen des großen Cäsar war der Rhein die Grenze geworden zwischen dem römischen Reich und dem Lande der Deutschen. Aber die Römer erkannten in ihrer Herrschsucht diese Grenze nicht an, auch die Deutschen sollten unter das römische Joch gebeugt, auch ihr Land dem ungeheuern Reiche einverleibt werden. Als nicht lange nach Cäsars Tode der Kaiser Augustus im Römischen Reiche herrschte, sandte er mächtige Heere über den Rhein, und sein Stiefsohn, der tapfere Feldherr Drusus, unternahm mehrere Kriegszüge, auf denen er bis an die Weser und Elbe vorrückte. Zwar starb Drusus bald: aber die Unterjochung Deutschlands wurde fortgesetzt. Schon schien das Land zwischen Rhein und Weser ganz im Besitze der Römer zu sein: römische Legionen hatten dort ihre festen Lagerplätze, römische Statthalter schalteten wie in einer eroberten Provinz.
2. Varus.Besonders drückte der Statthalter Varus das deutsche Volk durch schimpfliche Behandlung. Er forderte von den freien Deutschen Abgaben, als wären sie die Unter- thanen der Römer; er suchte ihnen die römischen Sitten und Gesetze, ja sogar die römische Sprache aufzudrängen; er ließ Ruten und Beile vor sich hertragen zum Zeichen, daß er die Macht habe, körperliche Züchtigungen und selbst die Todesstrafe zu verhängen. Solche Knechtschaft empfanden die Deutschen als die äußerste Schmach. Aber wer sollte das Vaterland aus der Hand des mächtigen Unterdrückers befreien?
3. Der Cherusker Armin.Unter den Cheruskern, einer deutschen Völkerschaft, die am Weserstrome ihre Wohnsitze hatte, lebte damals ein junger Fürst von schöner Gestalt, scharfem Verstände, tapferem Arm und Herzen. Sein Name war Armin (Hermann). Um die Kunst des Krieges zu erlernen, hatte er, wie mancher andre deutsche Jüngling, im römischen Heere gedient, und die Römer hatten den edeln Fürstensohn mit Ehren und Würden reich belohnt. Doch ihn konnte römisches Wesen nicht verführen, römische Sittenlosigkeit nicht verderben. Mit tiefem Unwillen sah er die Schmach seines Vaterlandes, und seine Seele erfüllte der Gedanke, dessen Retter zu werden. Kein Römer ahnte sein Vorhaben. Auch als ein Verräter den Varus vor ihm warnte, wollte der sorglose Statthalter an keine Gefahr glauben.
4. Die Schlacht im Teutoburger Walde (9 n. Chr.).Armin aber gewann in der Stille einen der deutschen Fürsten nach dem andern und wartete nur der günstigen Stunde. Da brach bei einer entfernt wohnenden deutschen Völkerschaft ein Aufstand aus. Ihn rasch zu unterdrücken, begab sich Varus mit seinem zahlreichen wohlgerüsteten Heere auf den Marsch. Den drei römischen Legionen folgten deutsche Hilfsscharen unter ihren Fürsten. Auf schlechten Wegen, durch dichtverwachsenes Gehölz ging der Zug durch den Teutoburger Wald (in Westfalen). Bald vermehrte arges Unwetter die Anstrengungen des Marsches. Heftiger Regen rauschte nieder, machte den Boden schlüpfrig und alle Tritte unsicher. Immer schwieriger wurde den schwer bewaffneten, erschöpften römischen Kriegern das Vorwärtsschreiten. Jetzt schien Armin die Zeit zum Kampfe gekommen. Unter seiner Führung stürzten die Deutschen aus ihren Wäldern mit furchtbarem Schlachtgeschrei auf die entsetzten Römer los. Den ganzen Tag hindurch wird gestritten. Am Abend gelingt es den Römern, einen freien Platz zu gewinnen und ein festes Lager aufzuschlagen. Doch ohne Nahrungsmittel und von den Feinden umringt, verbrennen sie in der Frühe des nächsten Morgens alles entbehrliche Gepäck und ziehen durch den unwegsamen Wald weiter. Aber das Unwetter dauert fort, und die Deutschen fallen mit um so größerem Ungestüm über sie her. Noch einmal unterbricht die Nacht den Kampf, noch einmal wird es Morgen. Kein Ausweg, keine Rettung mehr! Auch den Tapfersten entsinkt der Mut, und Varus tötet sich selbst. Nur wenige seiner Krieger können noch entfliehen; alle andern werden erschlagen oder gefangen. Das ganze große, tapfere Römerheer ist vernichtet.
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