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Es war ein schwer beschreibbares Gefühl, im Fernseher zu sehen, beinahe unerträglich. Nicht, dass er nicht genügend Zeit gehabt hatte, sich an dessen mediale Omnipräsenz zu gewöhnen. Doch versuchte er seit langem und mit zunehmendem Erfolg diese zu ignorieren, bis er sie nicht einmal mehr wahrnahm. Anders an diesem Morgen, eine Woche nach den Anschlägen, als eine Wiederholung des Interviews gezeigt wurde, während er versuchte die Konsequenzen der vorangegangenen Nacht zu überwinden, sowie deren wie erwartet traurigen Ausgang zu vergessen. Wäre er nicht unerwartet bereits Vormittags zu Bewusstsein gekommen, wäre nur Rotwein und Valium als Option geblieben, um den Schmerz zu betäuben. Doch so reduzierte er sich zunächst auf zweiteres und schwachen Instantkaffee, da er nicht genügend gekauft hatte, um sich einen stärkeren zu machen. Furchtbar schmeckte er auf die eine, wie die andere Weise.
Unweigerlich begannen seine Gedanken abzusuchen, wann sie das letzte Mal aufeinander getroffen waren. Das sollte eigentlich nicht schwer sein, wäre es nicht soweit verdrängt worden – oder vielleicht lag es auch nur an der wachsenden Menge billiger werdenden Rotweins – dass es ein paar Sekunden dauerte. Die zerstörerischen Minuten, während der sie ihm erklärt hatte, dass es aus sei zwischen ihnen, weil sie mit Nico gevögelt hätte. Nur einmal und es hatte gereicht, um sie für immer seinen Fingern zu entreißen. Nur wenige Stunden nachdem er in London gelandet war, um sie zu besuchen. Der Beginn des vielleicht einzigen Abenteuers, welches er hätte erleben können, oder sich damals zumindest einbildete haben zu können, egal wie kurz und wie wenig zielführend. Sie hatte so schön ausgesehen, als sie ihn am Flughafen Heathrow abholte, ihre braune Haut im kahlen Neonlicht geradezu scheinend, wie ihre funkelnden, tiefblauen Augen. Die zweitletzte auf seiner Liste und mit gewisser Berechtigung, genauso gut die letzte. Ein Kuss zur Begrüßung, lang, zärtlich, wenig leidenschaftlich, aber vielleicht kam es ihm auch nur im Nachhinein so vor. Bis heute verwirrt über ihre Überraschung und wie sie ihn getroffen hatte, langsam zu einem Streit eskalierend, bis sie ihn vor die Tür setzte, mitten in der Nacht in London, für die er sich eine halbe Woche frei genommen, seiner Freundin Lügen erzählt, sein Konto tief ins Minus getrieben hatte. Aus heutiger Perspektive erschien es ihm unvorstellbar, wie es ihm damals gelungen war, nicht nur eine Freundin, sondern sogar eine Affäre zu haben. Sein altes Ich schien ihm so weit entfernt. Eine fremde Person, die er neidisch beäugte. So stand er angetrunken inmitten einer Londoner Herbstnacht vor einer zugeschlagenen Tür, die er mehrmals versuchte einzutreten, bevor er aufgab und aus Angst vor der Polizei das Gebäude verließ, ein Hotel suchte, sein letztes Geld für drei Nächte ausgab und anstatt sich schlafen zu legen nach Nicos Nummer suchte, von dem er wusste – von ihr, woher auch sonst – dass er sich ebenfalls in London befand. In einer Stunde sei er da, nannte den Namen eines Pubs, der weltgewandte Arsch wusste so etwas natürlich und so trafen sie sich dort. Beide angetrunken, Lippenstift so offensichtlich bewusst provokant an der Seite von Nicos Hemdkragen, ob von Senem oder einem anderen Mädchen konnte er genauso wenig sagen, wie, welche Vorstellung ihn schlimmer traf. Zum Glück hatten sie die Sperrstunden vor einigen Jahren nach hinten verschoben, sonst wäre ein neutraler Treffpunkt schwierig zu finden gewesen. Dennoch wäre es beinahe zu einer Schlägerei gekommen, die nur verhindert wurde durch die Erkenntnis, gegen Nico verlieren zu müssen und sich zumindest die Demütigung sparen zu können.„Du wusstest, dass ich was mit ihr habe. Wieso hast du das getan?“
„Du hast eine Freundin. Ich dachte, das wäre etwas Ernstes? Also warum regst du dich darüber so
auf?“
„Wie ich mit meiner Beziehung umgehe ist meine eigene Scheißangelegenheit. Ich kann sie betrügen so oft ich will. Außerdem macht sie es wahrscheinlich genauso.“
Das Bier war teuer und schlecht, oder vielleicht wirkte es nur so. Hässliche Briten auf jedem Stuhl, fette Bäuche durch zu enge T-Shirts hindurchpressend, zusammen mit einige Frauen, die kaum in das Bild passen wollten und mit deren Augen unweigerlich auf Nico lagen. Britische Frauen sahen in der Regel deutlich besser aus, als britische Männer. Oder war es umgekehrt? Christian fiel es schwer, sich erinnern. Zigarettenqualm durchdrang die Atemzüge und das Licht, welches sich aus verdreckten Lampen über sie ergoss. Vor der Bar regnete es, sich in Wellen auf den Asphalt ergießend, Fluten von Dreck und Tod durch die Straßen treibend, um hoffentlich irgendwann in der Kanalisation zu verschwinden. Hier gab es keinen Ausweg.
„Du kannst doch jede haben, mit deiner beschissenen Band. Mit wie vielen Mädchen hast du schon gevögelt? Komm, sag es! Wie viele?“, die Stimmte wurde lauter, niemand beachtete es, er ging im allgemeinen, monotonen Lärm unter, „zwanzig? Dreißig? Vierzig? Mehr? Wie viele allein diese Woche? Weißt du mit wie vielen ich bisher geschlafen habe? Nein, natürlich nicht. Du Arschloch wusstest, dass ich etwas mit ihr habe und anstatt dir irgendeine andere zu nehmen, musste sie es sein, musstest du sie mir wegnehmen. Und wofür? Wahrscheinlich war sie dir nach dem ersten Mal schon genug. Jetzt steht sie auf dich, will mehr von dir und wahrscheinlich interessierst du dich einen Scheiß dafür und ich stehe da und darf mir ein verdammtes Hotel suchen und die nächsten Tage alleine verbringen.“
„Ich habe sie dir nicht weggenommen. Sie ist ein Mensch, kein Besitz.“
„Ach, erspare mir deinen selbstgefällig aufgeklärten Bullshit!“
Ihre Haut war immer so weich gewesen, wie auch ihr Haar. In ihren Augen glaubte er sich verlaufen zu können – oder zu ertrinken – und sei es nur, weil sie ihn mit einer Zärtlichkeit und einer Leidenschaft anblickten, wie es niemand sonst tat und wohl niemand mehr tun würden. Bei ihr hatte er das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, zumindest für sie. Bedeutung für einen Menschen zu haben und sei es wirklich nur ein einziges Mädchen, schien damals helfen zu können – obwohl er wusste, dass es nicht stimmte, dass da immer noch ein anderes Mädchen war, die auf ihn wartete, was er versuchte zu vergessen, für die paar Stunden, die wenigen Tage, bevor er zurückkehren musste. Hatte sie die ganze Zeit eigentlich an Nico gedacht? Wie naiv er damals gewesen war. Er wusste, dass er sich in diesen Minuten in eine Form künstlicher Tragik hineinsteigerte, für die sein Leben nicht die passende Grundlage bot und er sich, spätestens in nüchternem Zustand, dafür schämen würde. Beides war ihm in dieser Nacht aber gleichgültig. Es brach aus ihm heraus und er spürte, dass er es weder aufhalten konnte, noch wollte, was durch Nicos geradezu apathisches Lächeln noch mehr gereizt und herausgefordert wurde. Irgendwo zwischen Mitleid und Herablassung. Je länger sie in der Bar saßen, desto unerträglicher wurde der Gestank um sie herum. Schweiß, Bier, Erbrochenes, Urin, Verfall und Aggression.
Dieser Gestank war es, den Christian gerade wieder um sich fühlte, als er Nico im Fernsehen sah. Der Gestank und die Erinnerung an diese letzte Nacht, in welcher sich ihre Wege trennten und selbst jetzt spürte er nicht nur die Demütigung, sondern vor allem die Gewissheit, dass es für Nico keine große Rolle gespielt hatte. Weder dass er mit Senem geschlafen, noch dass sie seitdem nicht mehr miteinander gesprochen hatten. Wie viele Jahre war das jetzt her?
Regen floss matt an seinen verdreckten Fensterscheiben herab, die ihn wie ein grauer Filter von der Welt trennten. Am Rande eines jeden herablaufenden Tropfens sammelten sich dunkle Schlieren mitgerissenen Staubs und Drecks. Sarah hatte zurückgeschrieben, bald würden sie sich treffen. In der vorangegangenen Nacht waren diese Jugendlichen, oder wer auch immer es war, wieder in der Nähe seines Fensters gewesen und mittlerweile war er sich sicher, dass es sich um Araber handelte. Natürlich war es in jener Londoner Nacht zu einer Prügelei gekommen, obwohl sich genügend Möglichkeiten dazu geboten hatten. Doch selbst stark betrunken fand er nicht den Mut. Vielleicht hatte er auch gespürt, dass er eine zweite Demütigung in derselben Nacht durch dieselbe Person nicht ertragen würde. Selbst an den einsamen Stunden und Tagen, die er in London verbringen musste, bis sein Flug ihn zurück in die trostlose Heimat trug, waren Gedanken an einen erlösenden Sprung in die Themse – so sehr mit Klischees beladen – das wohl verlockendste, was er sich vorstellen konnte. Dennoch hatte er selbst darauf verzichtet, so groß war die Furcht vor dem Tod und der Möglichkeit, dass sich nichts dahinter befände. Manchmal träumte er davon, zum muslimischen Glauben übergehen zu können, wo zumindest das Versprechen auf Jungfrauen im Jenseits dem Diesseits etwas Sinn zu versprechen vermochte. Doch auch hier ahnte er wieder, dass auch diese Lüge zu offensichtlich war, um sie glauben zu können. Und was hätte ihn dazu bringen sollen zu glauben, dass ihm im nächsten Leben mehr Glück zustand, als im jetzigen?
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