1 ...7 8 9 11 12 13 ...24 Als ob es nicht bereits ausreichend gedemütigt worden wäre, hatte Nico auch noch angeboten, ihm bei der Suche nach einem Mädchen zu helfen, quasi zu coachen, vielleicht sogar als Wingman auszuhelfen, wohl wissend, dass Christian es nicht annehmen würde, weil er es nicht annehmen konnte. Wie hätte er halbwegs frei agieren können, wenn ihm bewusst gewesen wäre, bei jedem Fehlschlag von Nico beobachtet zu werden. Er hasste ihn für diese scheinbare Wohltätigkeit. Umso mehr, weil er nicht einschätzen konnte, ob sie ernst gemeint war, oder es nur ein weiterer Spaß auf seine Kosten werden sollte. Vielleicht war es sogar beides. Und genauso hasste er sich dafür, dass es nicht einmal eine Option für ihn zu sein schien, obwohl es wahrscheinlich sogar funktionieren würde. Noch dazu stellte sich die berechtigte Frage, was er eigentlich zu verlieren gehabt hätte, außer dem bisschen Stolz, den er mit dieser sinnlosen Reise nach London ohnehin bereits verspielt hatte.
Und nun war er wieder im Fernsehen und er hatte nicht rechtzeitig weggeschaltet und während Nico sprach bemerkte Christian wie er, trotz aller Wut und Demütigung, ihm nickend beipflichtete. Vielleicht auch, weil er sonst nicht wusste, wie man auf diese Aussagen reagieren sollte, die in diesen Momenten so richtig klangen, selbst wenn er nur die Hälfte mitbekam, mit den Gedanken tief in der Vergangenheit vergraben und seine Aufmerksamkeit mit einem massiven Kater teilend. Aber wie schon die restliche Woche gelang es ihm auch dieses Mal nicht, das ewige Rauschen des Fernsehers abzuschalten. Was mit den Anschlägen begonnen hatte, wurde durch die Terroristenjagd in den Banlieus am folgenden Tag noch weiter getrieben, selbst wenn die still erhoffte Katastrophe des zweiten Tages ausgeblieben war. Kaum jemand war am Folgetag gestorben. Ein paar erfolgreiche Polizeizugriffe, angepeitscht durch stetig neue Meldungen über Schüsse und eine unbegründet ausgelöste Panik am Folgetag, Berichten über den IS und immer wieder die Bilder vom Bataclan und den zerstören Cafés. Non-stop Gewaltflutwellen durch alle Kanäle und das Internet ziehend, ihn selbst während der Arbeit – oder gerade dort – mitreißend wie ein Strom, der nur in kleinen Abständen unterbrochen wurde, wenn er hoffte, es wäre Sarah. Und sie alle warteten begierig auf den nächsten Anschlag, das nächste Blutbad. Es war gutes Entertainment. In Brüssel wurde die Innenstadt abgeriegelt, tagelang, wenn auch unter Ausbleiben weiterer Anschläge oder sonstiger interessanter Ereignisse. Die Medien warteten nur darauf, standen in den Startlöchern.
Der Fernseher lief weiter, Nico verabschiedete sich aus dem Interview. Bilder von ihm werden eingeblendet, scheinbar zusammenhanglos, doch er hört schon lange nicht mehr zu, wartend auf den nächsten visuellen Input, während sein Herz unbemerkt wütend um sich schlug, gegen Rippenkerker und Bettdecke prügelnd.
Irgendwann hatte Sarah sich wirklich gemeldet. Vielleicht würden sie sich bald treffen, auch wenn sie sich noch nicht auf einen Zeitpunkt einlassen wollte. Ob sie immer noch, oder schon wieder einen Freund hatte, konnte er immer noch nicht sagen. Sehen würde er sie trotzdem gerne. Vielleicht war sie wirklich single. Jedoch war sie derzeit nicht gut zu sprechen, da eine Freundin in Paris gestorben war. Nicht aufgrund der Terroranschläge, sondern wenige Stunden zuvor bei einem Autounfall. Sie hatte ihm den Namen geschrieben, welchen er gleich im Anschluss vergessen hatte.
Auf manchen News-Portalen lief der Ticker zum Terror weiter, seit vier Tagen, obwohl kaum mehr Neues berichtet werden konnte. Selbst einer der untergetauchten Terroristen, dessen Namen er sich ebenfalls nicht merken konnte, war zwar noch auf allen Medienplattformen vertreten, doch wusste niemand mehr Neues zu berichten. Die Journalisten hatten gute Arbeit geleistet, so gut, dass sie nach den ersten zweiundsiebzig Stunden zur Wiederholung verdammt waren. Zum Glück kannten sie sich auch damit gut aus.
Ob Senem die Berichte genauso verfolgte wie er? Schon lange hatte er nicht mehr an sie gedacht, obwohl er ihren Namen wieder und wieder aufschrieb. Ihr Name war zur reinen Routine geworden. Sie alle flossen aus seiner Hand, als wären sie Bestandteil seines physischen Körpers, was sie durch die monate-, teilweise jahrelange Übung wohl irgendwie auch waren. Und Nico hatte ihm nicht einmal eine Zahl nennen können. Selbst wenn er es versucht hätte, wäre ihm dies wohl schwer gefallen. Er würde keine Namensliste führen, alleine schon, weil er kaum alle kennen dürfte. Weil das von ihm auch gar nicht erwartet wurde, weil es ihm einfach in den Schoß fiel, weil er sich nicht anstrengen musste, um Mädchen ins Bett zu kriegen, sondern sie wahrscheinlich fein säuberlich in einer Reihe aufgestellt darauf warteten. Nicht, dass er es nicht verstehen konnte. Nico war und blieb attraktiv, das war selbst ihm klar. Das er in einer Band gespielt hatte und nun als linker Intellektueller erfolgreich war, dürfte den Effekt noch deutlich verstärken. Ihm war bewusst, im direkten Vergleich mit Nico keine Chance zu haben, nicht einmal den Ansatz einer. Wie zur Überprüfung seines eigenen Selbsthasses fuhr er sich mit der linken Hand über seinen langsam wachsenden Bierbauch. Vor zwei Jahren war er noch nicht dagewesen, auch nicht, als er noch mit Senem hatte schlafen können und als sie ihn herausgeworfen hatte, für die Chanche auf ein weiteres Treffen mit Nico, der wahrscheinlich das Angebot nicht einmal genutzt hatte.
Christian beendete sein Bier und holte sich ein Neues. Es schmeckte schal, aber das bessere wollte er sich nicht leisten. Was sie wohl sagen würde – oder besser, was sie beide sagen würden – wenn sie ihn in diesem Moment beobachten könnten.
Nicht, dass es sie interessieren würde.
10Ausweitung der Kampfzonen
Er wollte ein Buch schreiben
Alleine schon, weil er sicher war, es zu können. Er spürte es, konnte es fühlen, so wie er wusste, dass dies der Moment wäre. Jetzt. So bald wie möglich. Das Interview war ein voller Erfolg gewesen, dem noch mehrere gefolgt waren, getragen von einer berauschenden Welle aus Paranoia, Berichterstattung und Sensationsgier. Die dünnen Twitteradern und Facebookarterien die eine moderne Gesellschaft ausmachten lagen offen, bereit von seinem Herz künstlich belebt zu werden. Und es gefiel ihnen. Sie lechzten nach mehr, nach mehr Bestätigung, nach mehr Sicherheit und vor allem nach Gründen für mehr vom Alten. Gestern war er in einem Club feiern. Als er sich an der Schlange vorbei zum VIP-Eingang schob, knallte es irgendwo und für einige Sekunden lag Totenstille über der Partynacht und alle warteten ängstlich und begeistert zugleich auf die ersten Schüsse, sich umsehend, hinter welcher Gestalt sie Deckung finden konnten und ob irgendwo ein Araber herumlief. Alle machten sich bereit, an der Geschichte teilzuhaben. Doch nichts geschah und die Party ging weiter. Ein wenig Enttäuschung mischte sich in die Erleichterung. Der Terror sollte schon stattfinden, nur in einem anderen Club, während man selbst die Fahne westlicher Werte und Freiheit, zusammen mit einem billigen Gin-Tonic in die Luft hielt, beziehungsweise einem Wodka-Bull, wenn man noch ein wenig jünger oder ungebildeter war.
Die Party selbst war wenig überzeugend. Ein Abschied, bevor der Club schloss. Warum man ihn eingeladen hatte, konnte er nicht genau sagen, da er zuvor noch nie dort gewesen war, doch ging er davon aus, dass es mit seiner Agentin zusammenhing. In der Toilette des VIP-Bereichs hatte er sich von einem Mädchen einen blasen lassen, ohne sicher ihrer Volljährigkeit sicher zu sein. Sie würde ihn nicht verraten und wenn doch, würde er alles abstreiten und ihr mit Anwälten und Klagen wegen Rufmords genügend Angst machen. Sie würde schon nicht als Schlampe in der Öffentlichkeit dastehen wollen, nachdem eine knapp zwanzig minütige Darstellung linksintellektueller Allgemeinplätze sie entweder soweit beeindruckt oder gelangweilt hatten, dass sie für beinahe genauso lange Zeit mit ihm auf der Toilette verschwunden war.
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