„Lynn Worcester. Ihr Office ist gleich neben dem Campus. Moment, ich geb dir ihre Nummer.“
Er beugte sich lose auf meinem Schreibtisch zu und griff nach einem Kugelschreiber.
Zwei Stunden später hatte ich einen Termin bei Lynn. Ich war überrascht, als ich sie sah. Eigentlich hatte ich eine sanfte, mir mit unergründlichen Rehaugen verständnisvoll jeden Zweifel von den Lippen lesende Fee mit güldenem Haar erwartet. Diese Fee war Lynn nicht. Miss Worcester war ein kleiner, dicker Rotschopf mit einem violettfleckigen Speckgesicht und kam nach Luft japsend ins Sprechzimmer gepoltert. In ihrer Fülle passte sie sich stimmig in ihr mit Papieren und Büchern überfülltes Office ein: Alles war hier voll! Lynn hatte wirklich ein Problem mit ihrem Gewicht! Ich hätte mir das Pummelchen eher behaglich schmatzend an einer Wursttheke vorstellen können, als idealtypische Personalunion von Verkäuferin und bester Kundin. Ich berichtete Lynn meinen Leidensweg. Sie lauschte gespannt. Und ab und an stellte sie keuchend Fragen, die ich gerne beantwortete.
Wir hatten in den folgenden Tagen vier weitere Sitzungen und jedes Mal freute ich mich bei der Begrüßung, dass sie noch nicht geplatzt war, die gute Lynn. Bei unserem letzten Treffen meinte sie plötzlich, dass das ja alles ganz traurig sei, was da so alles passiert sei, aber das alles könne nun einmal passieren. Manchmal. Ich nickte beeindruckt. ( Das hatte sie gut erkannt! Alles. ) Dann fragte sie mich, was ich denn jetzt machen wolle. Ich zuckte die Schultern und sagte:
„Ich will versuchen, ausreichenden Kontakt zu meinen Kindern zu haben. Wie ich das machen soll, weiß ich allerdings nicht.“
„Wie ‚wie‘?“
„Na, ob ich erst abwarte oder die Angelegenheit schon jetzt einem Anwalt übergebe.“
Lynn überraschte mich abermals. Ich hatte erwartet, dass sie mir in der Essenz nahelegte, was Günter mir empfohlen hatte. Dem war nicht so. Sich fast dynamisch in ihrem Sessel „reckend“ erläuterte sie, sie habe den Eindruck, ich käme bestens mit den trennungsbedingten Verletzungen zurecht. Auch finde sie gut, wie ich mich auf den Job konzentrierte, und absolut richtig, dass ich für meine Kinder da sein wolle. Den Kern des Problems sehe sie darin, dass meine Frau „zu üppig“ Unterhalt für sich haben wolle und hierfür offenbar die Kinder instrumentalisiere. Dies sei in Texas einfacher. Da kenne man keinen Unterhalt für die Frau, sondern nur für die Kinder. Und das sei auch gut so. Schließlich könne eine gesunde Frau ja selbst arbeiten. Lynn riet mir schließlich, ich solle die Angelegenheit von einem texanischen Gericht regeln lassen. Gelänge mir dies, hätte meine Frau keinen Anspruch auf Ehegattenunterhalt und somit keinen Grund mehr, aus egoistischen Motiven die Kinder zu missbrauchen. Außerdem entscheide nach texanischem Recht ein Gericht über den Umgang mit diesen, wenn sich die Eltern nicht darüber einigen könnten. Zum Abschluss empfahl mir Lynn einen Anwalt. Earl Brown. Der sei der Beste, allerdings teuer. Und wenn er den Fall nicht übernehmen könne, solle ich mich an Nancy Ramos wenden. Die sei auch klasse.
Ich verließ Lynns Büro in einer Art Aufbruchsstimmung – Vielleicht war die Lage ja doch nicht so hoffnungslos! – und rief Earl Brown sofort an. Der versicherte, er sehe gute Chancen für den Fall, habe aber im Augenblick viel zu tun. Ein exzellenter junger Anwalt, der sich noch profilieren müsse, mehr Zeit und auch den nötigen Biss habe, sei für die Sache möglicherweise besser geeignet. Mister Brown legte mir Nancy Ramos ans Herz. Sie sei genau die Richtige. Obendrein koste sie weniger.
Einerseits war ich enttäuscht, dass „der Beste“ sich nicht mit wehenden Fahnen und glühendem Herzen meiner Sache verschreiben wollte. Andererseits fand ich den Vorschlag vom Ökonomischen her vorteilhaft und war beruhigt, da Nancy Ramos auf all meinen bisherigen „Empfehlungslisten“ „weit oben“ gestanden hatte.
Einen Termin mit Nancy hatte ich am nächsten Nachmittag. In ihrem Wartezimmer musste ich mich nicht lange gedulden: Nach zwei Minuten erschien ihre Sekretärin und ließ mich wissen, dass der „Boss“ jetzt „ready“ sei. Sie nickte mich zu sich und führte mich in ein mondänes Besprechungszimmer, das allerdings keine Fenster hatte. Die Wände waren in exzessiv verziertem Holz gehalten, an den Decken flimmerten Neonröhren, und in der Mitte stand ein langer Holztisch, der von schweren, reich beschnitzten Beinen getragen und von rotgepolsterten, überornamentierten Mahagonisesseln umrahmt war. Als ich den Raum betrat, erschrak ich, so weich und tief war der dunkelgrüne Teppichboden. Wie ein Storch im welken Salat stelzte ich durch das Zimmer, setzte mich an das der Tür gegenüberliegende Kopfende des Tisches, und inhalierte das erbauliche Haselnussaroma des Kaffees, der schon auf dem Tisch stand.
„Coffee?“, fragte mich die Sekretärin.
„Ja“, antwortete ich.
Sie verschwand und kehrte nach fünfzehn Sekunden mit einem Tablett zurück, auf dem zwei weiße Tassen standen. Die eine stellte sie vor, die andere rechts neben mir ab. Sie füllte sie, lächelte freundlich und verabschiedete sich. Wie sie den Raum verließ, betrat ihn Nancy – da war ich mir sicher, dass sie das war! – aus einem dunklen Flur. Nancy war attraktiv, Anfang vierzig, hatte glattes, schwarzes Haar und ein verschlagen–spitzbübisches Mäusegesicht. Zuerst fielen mir jedoch ihre anziehend prallen Schenkel auf, und ihre großen Brüste, die das enganliegende, an eine Tracht erinnernde Kostüm zu zersprengen drohten.
Ob Nancy gleich zu jodeln anfinge?
Sie jodelte nicht, sondern hockte sich vor ihre Kaffeetasse und erzählte mir, wie toll sie Deutschland finde. Letzten Sommer sei sie mit ihrem vierten Ehemann im Schwarzwald gewesen und habe auch den Kölner Dom besichtigt. Es sei einfach phantastisch gewesen! Ich fragte sie, ob sie ebenfalls das Oktoberfest besucht und Schloss Neuschwanstein gesehen habe. Sie bejahte. Diesen Trip habe sie allerdings mit ihrem zweiten Gatten vor vier Jahren unternommen.
Inzwischen war sie aufgestanden, eine Schale mit Keksen zu bringen. Hierbei konnte ich mich davon überzeugen, dass sie zu allem Formenüberfluss auch mit einem ausgesprochen knackigen Hinterteil gesegnet war. Mich überrollte die Phantasie, ob ich mich mit der Dame lieber in anderem Kontext als der Besprechung meiner Umgangsrechtsproblematik beschäftigen solle. Mir Nancys Gattenverschleiß vergegenwärtigend, verwarf ich den Gedanken freilich schnell. Ich war überrascht, wie sehr sie mich von meinem eigentlichen Anliegen abgelenkt hatte. Sie war anscheinend genau die Richtige für meinen Fall!
Ich schilderte Nancy die Zeit um die Trennung und meine Befürchtungen. Nancy bestätigte Lynns Aussagen zur rechtlichen Situation. Unterhaltsansprüche hätten hiernur die Kinder, nicht die Ehepartner. Und der Umgang sei so geregelt, dass ihn die Eltern primär unter sich ausmachten, sich aber die texanische Gerichtsbarkeit einschalte und die Angelegenheit übernehme, wenn bei ihm ernsthafte Differenzen entstünden. Derartige Automatismen seien sinnvoll, da unmöglich eine sachliche und den Kindern gerecht werdende Lösung zu erzielen sei, wenn den sich streitenden Parteien die Zwistbearbeitung überlassen werde. Vorprogrammiert sei dann nämlich ein Interessenskonflikt, unter dem letztlich und vor allem die Kinder zu leiden hätten. Und da nach texanischem Recht das Interesse der Kinder, und nicht das des Vaters oder der Mutter Vorrang habe, müsse darauf geachtet werden, dass die Kinder gleichermaßen Umgang mit beiden Elternteilen hätten, was für ein Kind schließlich wesentlich sei.
Zum Abschluss resümierte Nancy, zwar einiges vom deutschen Sorgerecht gehört zu haben, hier aber kein Experte zu sein. Deshalb wolle sie – erläuterte sie, sich ihr bezauberndes Blüschen zurecht rückend – für ein weiteres Treffen eine Zusammenfassung der nach deutschem Recht für den Kindesumgang relevanten Aspekte haben. Idealerweise setze mein deutscher Anwalt hierzu ein paar Zeilen auf.
Читать дальше