mich mit seinem Bajonett. Er zog mir die Hose aus und vergewaltigte mich, bis ich blutete.‘ Die Szene, die die Koreanerin Kim Young Suk im Dezember 2000 vor einem inoffiziellen Kriegsverbrechertribunal in Tokio schilderte, könnte sich so oder so ähnlich auch in Weißrussland abgespielt haben. Oder in Frankreich. Oder in Deutschland. Niemals seit dem Dreißigjährigen Krieg wurden in einem Kampf so viele Frauen und Mädchen vergewaltigt wie im Zweiten Weltkrieg. Millionen mussten ‚bekennen‘, wie deutsche Frauen damals verschämt sagten. Zehntausende starben an den Folgen, wurden umgebracht oder begingen Selbstmord. (…) Oft waren die Opfer noch Kinder wie Kim Young Suk. Bis zu 40 Freier hatte die damals Zwölfjährige täglich zu ertragen. Einer brach ihr dabei den Arm. Während über die Gräueltaten der Russen und der Japaner erste Untersuchungen vorliegen, gibt es zu den Übergriffen der westlichen Alliierten bisher wenig wissenschaftliches Material. Nur 487 Vergewaltigungsprozesse zwischen März und April 1945 sind bei den 1,6 Millionen US-Soldaten in Deutschland aktenkundig. Über Belästigungen von Frauen durch die Briten liegen keine Berichte vor. Den schlechtesten Ruf unter den Westalliierten erwarben sich die Franzosen. Bei der Einnahme von Stuttgart und Pforzheim etwa kam es zu Massenvergewaltigungen. Im württembergischen Freudenstadt missbrauchten französische Besatzungssoldaten Bewohnerinnen des Ortes tagelang. Und die Landser der Wehrmacht? Wie hielten sie es mit der von ihnen geforderten „Manneszucht“? Dass Angehörige der SS Frauen nicht verschonten, ist bekannt. Die Wehrmacht dagegen galt lange Zeit als ‚sauber‘. Eine neue Studie der Historikerin Birgit Beck weist jetzt nach, dass Soldaten der Wehrmacht an Verbrechen gegen Frauen beteiligt waren. Zwar berücksichtigte die Wehrmachtsführung die sexuellen Bedürfnisse ihrer Soldaten, etwa indem sie ihnen – anders als die Rote Armee – regelmäßig Fronturlaub gab. Auch ließ die deutsche Armee in allen besetzten Gebieten Bordelle einrichten. Doch bis heute ist nicht erforscht, wie viele der Frauen, die in den rund 500 Wehrmachtsbordellen arbeiteten, dazu von den Deutschen gezwungen wurden. Augenzeugen berichteten in dem Dokumentarfilm „Frauen als Beute“, dass Russinnen und Jüdinnen, etwa aus Konzentrationslagern, aber auch von der Straße weg in die Soldatenpuffs im Osten verschleppt wurden. Auch auf dem westlichen Kriegsschauplatz ist Zwangsprostitution nachweisbar. So wurden Französinnen aus Internierungslagern in Wehrmachtsbordelle gebracht und zur Prostitution gezwungen. Für Beck ist dies ein Beleg dafür, dass sexuelle Gewalt bei der deutschen Armee institutionalisiert war. Für ihre Studie hat die Wissenschaftlerin Prozessakten der Militärgerichte ausgewertet. Danach kam es in allen besetzten Ländern zu Vergewaltigungen. In Polen, in der Sowjetunion, aber auch in Frankreich oder Italien. Aktenkundig sind Einzel- sowie Gruppenvergewaltigungen. Die Opfer wurden mit Waffen bedroht, geschlagen, getreten. Morde sind hingegen kaum dokumentiert. In nur zwei der von Beck untersuchten Verfahren ging es um Sexualdelikte mit anschließendem Mord. Unklar sei aber, so Beck, ob es tatsächlich nur so wenige waren. Verdächtig ist die vergleichsweise kleine Zahl an Verurteilungen: Von den über 17 Millionen Wehrmachtssoldaten wurden bis 1944 gerade mal 5349 wegen ‚Sittlichkeitsverbrechen‘ bestraft. Insgesamt aber wurden Militärurteile gegen rund 1,5 Millionen Wehrmachtsangehörige gefällt – etwa wegen Fahnenflucht oder Selbstverstümmelung. Beck nimmt an, dass die geringe Zahl der geahndeten Sexualdelikte wenig über deren tatsächliches Ausmaß aussagt. Vielmehr sei Notzucht entweder gar nicht angezeigt worden, oder sie habe in den Augen der Militärrichter nur eine ‚untergeordnete Rolle‘ gespielt, vermutet die Historikerin.
Dass Übergriffe gegen Frauen im Besatzungsalltag häufiger vorkamen, als die
Aktenlage suggeriert, legen Indizien nahe. (…) Ein wesentlicher Faktor für die geringe Zahl der Verurteilungen dürfte der ‚Gerichtsbarkeitserlass Barbarossa‘ gewesen sein. Auf Anordnung Hitlers herrschte seit dem 13. Mai 1941 kein Verfolgungszwang mehr für ‚Handlungen, die Angehörige der Wehrmacht gegen feindliche Zivilpersonen begehen‘. Der Erlass erklärte alle Zivilisten für vogelfrei.
Wie wenig die Militärjustiz gewillt war, Gewalt gegen Frauen hart zu ahnden, zeigt der Prozess gegen einen Obergefreiten, der wegen Vergewaltigung einer jungen Russin angeklagt war. Der Richter verurteilte den Mann wegen ‚Notzucht‘ zu 18 Monaten Gefängnis. Eine schärfere Strafe sei nicht nötig, da keine ‚besondere Schädigung des Ansehens der deutschen Wehrmacht‘ vorliege. Die Milde war verordnet. Schon 1940 befahl der Oberbefehlshaber des Heeres, General Walther von Brauchitsch, Soldaten, die bei der Vergewaltigung eine Waffe benutzt hatten, seien nicht als Gewaltverbrecher zu bestrafen. (…) Entschuldigend führte der General aus: ‚Das Leben unter völlig veränderten Bedingungen, starke seelische Eindrücke und zuweilen auch übermäßiger Alkoholgenuss
führen zu gelegentlichem Wegfall von sonst vorhandenen Hemmungen bei bisher bewährten und einwandfreien Soldaten.‘ Wie bei allen Armeen kam es auch bei den Deutschen zu Gruppenvergewaltigungen. (…) Viele Soldaten gaben auch schlicht dem Gruppenzwang bei den Vergewaltigungen nach. ‚Ich habe das Mädchen deswegen gebraucht‘, führte ein Soldat vor dem Militärrichter zu seiner Entschuldigung an, weil die anderen zu mir sagten: wenn wir sie schon gebrauchen, dann wollen wir sie auch alle gebrauchen.‘ In dem Film ‚Befreier und Befreite‘ von Helke Sander und Barbara Johr berichtet die Ärztin Renate Lutz über die Vergewaltigungen in Freudenstadt. Insgesamt 128-mal, so Lutz, sei eine ihrer Patientinnen in einer Nacht missbraucht worden. Die Angabe stammte von Familienangehörigen – das Opfer selbst war nach dem 15. Mal bewusstlos geworden. Auf die Qual der Vergewaltigung folgte für diese Freudenstädterin das Leiden an einer lebenslangen Ausgrenzung. Medizinerin Lutz: ‚Sie war sehr schlecht angesehen im ganzen Dorf.‘ Ein Schicksal, das Frauen in aller Welt teilen: Ob in Korea, in Russland oder Deutschland, eine vergewaltigte Frau gilt als ‚geschändet‘ und ‚entehrt‘. Nicht selten verließen Männer ihre missbrauchten Frauen, Väter töteten ihre Töchter. Dies lag im Kalkül der Täter: Mit den Vergewaltigungen sollten auch die Männer getroffen werden. Die (…) französischen Soldaten, die sich in Freudenstadt tagelang an den Frauen vergingen, sollten damit die Vernichtung des Ortes Oradour vergelten. In dem französischen Dorf hatten Angehörige der Waffen-SS 642 Bewohner, darunter viele Kinder, im Juni 1944 ermordet. Auch anderswo war Rache ein wichtiges Motiv für besonders brutale Vergewaltigungsexzesse. So missbrauchten Wehrmachtangehörige im Juli 1944 im Departement Ain in Südfrankreich massenhaft Frauen, um für französische Partisanenübergriffe Vergeltung zu üben. Und viele russische Soldaten, die in Ostpreußen, Pommern oder Berlin deutsche Frauen und Mädchen vergewaltigten, trieb der Wunsch nach Rache für die Verbrechen der Deutschen in der Sowjetunion an.“ 3
Klaus Weber, mein Großvater, sah sich selbst eher als einen unpolitischen Menschen. Von den Nazis hatte er sich eine Verbesserung seiner Lebensumstände erhofft. Als es seiner Familie dann tatsächlich besser gegangen war, hatte der Krieg begonnen und er wurde eingezogen.
Ostfront, zum Glück nicht Stalingrad, sagte er, wenn er von diesem Krieg erzählte.
Schon vorher, aber dann erst recht während des Rückzuges, sei das kein herkömmlicher Krieg gewesen, nur noch Mord und Totschlag.
Einmal, auf dem Rückzug, seien sie in ein Dorf gekommen, völlig ausgelaugt, übernächtigt und hungrig. Die Öfen in den Häusern noch warm, doch von den Dorfbewohnern keine Spur.
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