Waltraud blickte den dreien hinterher. Ein wenig enttäuscht war sie. Wladimir, ein schöner Name dachte sie.
Tags darauf waren es wieder nur zwei Soldaten, und kurz überlegte Waltraud, sie nach Wladimir zu fragen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder.
Dann, drei Tage später, hielt ein Geländewagen vor dem Gartentor. Waltraud saß vor der Laube, hatte eine Pause bei der Gartenarbeit eingelegt. Sie wusste sofort, das konnte nur Wladimir sein. Sie sprang auf, rannte los, beherrschte sich und tat gelassen.
„Holdes Fräulein, darf ich es wagen?“
„Wie bitte?“ Ihre verblüffte Reaktion.
„Das sagt Heinrich zu Gretchen, weil er sie kennenlernen will.“
Eher auf Verdacht reagierte Waltraud: „Goethes Faust, ich vermute?“
Wladimir lachte dieses offene jungenhafte lachen, das sie schon an ihm kannte.
„Im Ernst, ich möchte mich für die Einladung revanchieren und sie nun meinerseits zum Kaffee einladen.“
Waltraud freute sich, dass sie beinahe sofort die Gartentür geöffnet hätte. Doch sie besann sich.
„Ich kann doch so nicht mit ihnen gehen“, sagte sie an sich hinunterblickend.
„Ich kann warten, da sie zugesagt haben.“
Frauen, denkt Wladimir, da Waltraud 10 Minuten später immer noch nicht zurück war. Als sie dann verhaltenen Schrittes den Gartenweg herunterkam, schaute er ungläubig. Waltraud trug ein geblümtes Sommerkleid zu einfachen Sandaletten, an den nackten Füßen. Das Band entfernt, viel ihr das lange braune Haar bis auf die Schultern.
„Verweile doch…“, begann Wladimir.
„Schon gut, Herr Soldat, genug des großen deutschen Dichters. Man sagt ja, dass russische“, sie stockte, „das sowjetische Soldaten einiges an deutscher Kultur kennen.“
Inzwischen waren sie in Karlshorst, dem Sitz der sowjetischen Militäradministration angekommen. Waltraud hatte davon gehört, auch vom „Russen Magazin“, wie der Laden genannt wurde. Schließlich führte Wladimir sie ins Offizierskasino. Bei Kaffee und Kuchen und Gesprächen über ihr bisheriges Leben verging der Nachmittag und es sollte nicht der letzte gewesen sein.
Die nächsten Tage brachten für Waltraud eine derartige Veränderung ihres Lebens, derer sie sich erst viel später bewusst wurde. Ernst, mit dem sie die große Liebe erlebt hatte, war in Russland gefallen, als ein Held, wie es in dem Brief gestanden hatte. Erschossen von einem, der möglicherweise auf Befehl des Leutnant Wladimir Neubauer gehandelt hatte. Sie wusste von den Scharfschützen der Roten Armee, die, wie es hieß, feige aus sicherer Position nur darauf warteten, dass sich ein armer Landser eine Zigarette anzündete, um den Abzug an seinem Scharfschützengewehr durchzuziehen.
Sie erzählte Wladimir davon, der betroffen war, ehrlich ergriffen. Allerdings stelle er ihr die Frage, die sie sein Handeln verstehen ließ. „Wenn dich jemand in deiner Laube überfällt, dich vergewaltigt und deine Kinder tötet, am Ende die Laube anzündet. Was würdest du tun, hättest du ein Gewehr und die Gelegenheit, den Verbrecher zu bestrafen?“
Waltraud musste nicht lange nachdenken, zu sagen, dass sie den Tod ihrer Kinder rächen würde.
„Und genau das, Waltraud, ist vielfach in unserem Land geschehen. Deine Leute haben uns überfallen, haben gemordet, geschändet und vergewaltigt. Wir mussten uns verteidigen, mussten unsererseits Töten.“
„Und haben nicht viele von euch deutsche Frauen vergewaltigt?“
„Ja, das hat es gegeben, aber wurde es bekannt, entgingen die Täter ihrer Strafe nicht.“
Waltraud hörte ihn an, war sich aber nicht sicher, ob sie seinen Worten Glauben schenken sollte. Seiner Liebe jedenfalls konnte sie sich nicht erwehren. Nein, gestand sie sich ein, sie liebte diesen Rotarmisten, und was sie besonders erstaunte, war, dass er sie die Liebe zu Ernst vergessen ließ. Langsam zwar, doch beständig.
Dann, eines Tages, wusste Waltraud Berger, dass sie schwanger war. Nie war sie es gewesen, die bestimmte, wann sie sich treffen konnten.
Das war natürlich von seinem Dienst abhängig. Er kam, wann er konnte. Drei Tage sah sie ihn nicht, da wurde sie unruhig. Jetzt, mit dem Wissen um ihren Zustand, konnte sie es nicht abwarten, fuhr nach Karlshorst, meldete sich bei der Kommandantur.
Zuerst wollte man ihr keine Auskunft geben, doch Waltraud ließ nicht locker, bis man sie zum Büro eines Offiziers brachte, der sie anhörte. Dessen offene und freundliche Art bewirkte, dass es sich Waltraud getraute, die Wahrheit zu sagen.
Als der Mann hörte, dass Waltraud ein Kind von dem Oberleutnant erwartete, änderte sich dessen Gesichtsausdruck.
„Fräulein Wendorf, so leid es mir für sie tut, darf ich keine dienstlichen Angaben über den Mann weitergeben, den sie für den Vater ihres Ungeborenen halten. Ich werde ihre Personalien aufnehmen, man wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.“
Natürlich wusste der Offizier mehr, war darüber informiert, dass Wladimir Neubauer, wegen dieser Affäre, wie man es nannte, in den Norden der sowjetischen Besatzungszone versetzt worden war, mit der strikten Anweisung, jegliche Verbindung zu Waltraud Wendorf abzubrechen. Es herrschten hier strenge Anordnungen, was die Beziehungen zwischen Soldaten der Roten Armee und deutschen Frauen betraf. Auch deshalb, weil es manchmal falsche Anschuldigungen zum Beispiel den Vorwurf der Vergewaltigung gab.
All das konnte Waltraud nicht wissen. Sie sah sich von Wladimir verraten, unterstellte ihm Feigheit und Flucht. All das, was man ihnen in der Hitler Zeit über die Russen eingehämmert hatte, tauchte wieder auf, führte dazu, dass Waltraud zu hassen begann.
Da saß sie nun in ihrer Laube, deren Dach undicht, der Ofen ein Wrack und die Gartenpumpe im Winter eingefroren war. Wie sollte sie unter diesen Umständen ein Baby versorgen? Jetzt war es August, und noch immer hoffte sie auf ein Lebenszeichen von Wladimir. Was sie nicht wissen konnte war, dass der Oberleutnant nichts unversucht gelassen hatte, Kontakt mit Waltraud aufzunehmen. Das allerdings auf dem so genannten Dienstweg, und der war auch bei der Roten Armee oft sehr lang.
Waltrauds Gedanken kreisten fast ausschließlich um den ständig näherrückenden Geburtstermin. Natürlich bemühte sie sich beim Wohnungsamt im sowjetischen Sektor Berlins um eine geeignete Unterkunft. Doch das konnte unter den Umständen die in den vierziger Jahren herrschten, kaum gelingen. So folgte sie schließlich dem Rat einer Freundin, der es nach der einseitigen Währungsreform in Westberlin materiell nicht so schlecht ging und meldete sich bei der entsprechenden Stelle dort als Flüchtling aus der sowjetischen Besatzungszone. Als Grund für ihre Flucht gab sie an: „Ich bin von einem russischen Soldaten vergewaltigt worden und nun schwanger.“
Das verschaffte ihr Öffentlichkeit und Zuwendungen. Damit war ihr Fall ein gefundenes Fressen für die Presse im Westen der Stadt.
Zur Sache
Viele alliierte Soldaten vergewaltigten und missbrauchten deutsche Frauen nach Kriegsende und in der Besatzungszeit. Zu den Gräueltaten kam es nicht nur im Osten.
Nach den Niederlagen der Wehrmacht im Osten und im Westen stieg die Angst der Deutschen vor allem in den Ostgebieten vor der Vergeltung durch sowjetische Truppen. Einen großen Teil dazu trug die Propaganda der NS-Führung bei, die nicht müde wurde, vor den „animalischen“ Soldaten aus der Sowjetunion zu warnen. Bekannt war das Bild, das die Faschisten von dem Sowjetsoldaten zeichneten, einem Plakat, auf dem ein Menschenaffe in der Uniform der Roten Armee mit gezogenem Dolch abgebildet war.
„Lass uns ein bisschen Spaß haben“, befahl der Offizier der japanischen Armee
dem Mädchen, „du siehst hübsch aus.“ Dann zeigte er ihm sein Geschlecht.
‚Ich fürchtete mich so. Er nötigte mich, mich auf den Boden zu legen, und verletzte
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