und so hätte es ein Ungleichgewicht bedeutet, wenn ihr jetzt etwas zugestoßen wäre, dachte Aram, wenn der kleine “Wurm“ in ihr drin noch nicht einmal die Gelegenheit gehabt hätte, sich diese Welt überhaupt anzusehen.
Aber gleichzeitig wusste Aram auch, dass es sehr wohl solche unbarmherzigen und ihrer Meinung nach unharmonischen Begebenheiten und Schicksale gab, dass Kinder ungeboren blieben und Mütter den Totgeborenen nur allzu oft noch in der gleichen Stunde folgten.
Der Schrei eines Käuzchens draußen vor dem Zelt rüttelte sie aus ihren trüben Gedanken. Aram setzte sich etwas auf in ihrem Reisiglager und drehte sich zu Merolf; der schlief “wie ein Bär“, wie man bei ihnen sagte und sich überhaupt nicht rührte. Seine Atemzüge gingen gleichmäßig und ruhig. Ein gnadenvoller Schlaf, dachte Aram. Woher kommen wohl diese Ausdrücke, ging es ihr durch den Kopf “Stinkt wie ein Bär” oder “Schläft wie ein Bär”. Bis jetzt hatte sie sich über deren Herkunft und Hintergrund noch gar keine Gedanken gemacht, einem wirklichen Bären war sie ja bislang auch noch nie begegnet, hatte Meister Petz allenfalls mal von weitem vorbeitrotten gesehen oder einen Bären beim Fischfang. Erst jetzt gewannen diese Begriffe für sie eine ganz andere und nachfühlbare Bedeutung - und über diesen letzten Gedanken schlief sie endlich ein.
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Der Morgen versprach mit den schon wärmenden Sonnenstrahlen und den dünnen faserigen, zarten Wolkenfetzen, die am Himmel vorbeizogen, einen schönen Tag.
Die ersten Morgensuppen dampften bereits in den Feuern.
Es gab verschiedene Zubereitungsarten, nicht nur in der Auswahl der Zutaten, die immer auch davon abhingen, was den einzelnen Familien für Gerätschaften und Hilfsmittel zur Verfügung standen: die einen benutzen Tierhäute, die sie in Erdmulden legten, dort das Wasser hinein gaben und einen heißen Stein, der das Wasser und die Zutaten für die Suppe zum Kochen brachte; andere benutzten stabile Blasen oder Darmteile; einer, Bilus, ein älterer Jäger von vielleicht 40 Wintern, hatte sich die Knochen eines Rentierbrustkorbes so zurechtgestutzt, dass er durch Bespannen eines Felles, an dem er innen eine dünne Fettschicht belassen hatte und Festbinden an den einzelnen Rippen ein festes Behältnis hatte, das er immer wieder verwenden konnte.
Und natürlich waren auch die Geschmäcker verschieden;
Hägrind zum Beispiel, eine kleine stramme Frau von fünfunddreißig, etwa Einsfünfzig klein, wusste, dass ihr Widur
am liebsten Innereien in der Suppe hatte, Nierchen, Leberteile, Herzstücke, Milz und dazu ein bisschen Mark aus aufgebrochenen Knochen; sie würzte die Suppe mit etwas Inhalt aus dem Wiederkäuermagen von Ren oder Hirsch und mit ein paar Kräutern, die sie gesammelt und getrocknet hatte.
Hägrind war sehr fürsorglich und ging ganz darin auf, ihre Familie zu versorgen und ihnen alles behaglich zu machen.
Und obwohl ihre Söhne Sögram und Kilur schon selbständig waren, blieben sie doch im Zelt der Familie und lebten noch immer mit Ihrer Schwester und ihren Eltern zusammen. Ega, die kleine Schwester von erst vierzehn mal zwölf Monden, ein rothaariges, zierliches Geschöpf, war der Sonnenschein der Familie. Ein fröhliches Mädchen voller Sommersprossen, das meist irgendeine Melodie summte, die sie sich gerade ausgedacht hatte, verrichtete gern und gewissenhaft die ihr übertragenen Arbeiten. Längst war sie schon in einem Alter, in dem ihre Freundinnen schon das Zelt mit einem jungen Mann teilten und ihre eigenen Familien gründeten; doch Ega hatte bis jetzt dem Werben aller Burschen widerstanden und wärmte sich noch im Schoß und der Geborgenheit ihrer Familie.
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Nach dem ersten Mahl machte sich jeder wieder an die Arbeiten, die vom Vortage fortgesetzt werden mussten. Heute wollte man die ersten vorbereiteten Stücke des Mammut ins Lager im Krater schaffen und übermorgen oder vielleicht noch später dann hier abbrechen; es war nur eine Frage der Organisation und wie viel jeder so schleppen konnte. Die Mammutkuh wog, so schätzte der Schamane, etwa fünftausend Kilogramm und da man alles verwendete und forttragen musste, bis auf das, was man inzwischen bereits gegessen oder an die Hunde verfüttert oder geopfert hatte und bis auf die etwa fünfzig Kilo, die man den Bärenjägern mitgegeben hatte, bedeutete das, dass noch mehr als zweihundert mal der Weg in den Krater und zurück bewältigt werden musste, ehe man sämtliche Beuteteile ins Lager gebracht hatte.
Für jeden der zehn Männer und Jungmänner, die zum Tragen eingeteilt werden konnten, bedeutete dies, die Entfernung zum Kraterlager insgesamt etwa zwanzigmal bewältigen zu müssen.
Bei guten Voraussetzungen und wenn das Wetter mitspielte und die Träger unterwegs nicht von hungrigen Löwen angegriffen wurden, konnte jeder am Tag etwa dreimal die Strecke bewältigen; zurück ging’s natürlich ohne Last viel schneller und nach dem ersten Zug war dann auch der Pfad bereits so ausgetrampelt, dass die Füße ihren Weg alleine finden konnten.
Insgesamt also fünf bis sechs Tage, schätzte Widur, der Stammeshäuptling, und bis dahin konnten dann allerdings die Frauen und Kinder auch schon ins Lager zurückgekehrt sein und hatten dann auch schon das eine oder andere Stück mitgenommen, sicher auch schon die großen Stoßzähne, die immer nur vier Frauen auf einmal tragen konnten, während die anderen dann deren Kinder mitbetreuten oder auf den Armen trugen.
Ein hartes Stück Arbeit, dachte Merolf, und überlegte nicht zum ersten Mal, wie man sich das ganze vereinfachen könnte.
Mit den Schleppen, das hatten sie schon versucht; das taugte aber nur auf relativ breiten Schneisen oder auf durch Erosion und Wind freigeräumten Streckenabschnitten oder wenn der Untergrund eben war und nicht mit Gestrüpp überwachsen oder verlegt durch Baum- und Strauchreste, durch Geröll, Felsbrocken oder einfach unwegbar durch mannstiefe Schlammlöcher; im Grunde, so überlegte Merolf, gab es nur selten Einsatzmöglichkeiten für die Lastschleppen, auch wenn das Material dafür ziemlich überall vorhanden war: ein paar längere, stärkere Zweige oder Äste und ein paar belaubte oder benadelte Zwischenäste. Die Sehnen oder Hautstreifen zum Verbinden an den Ecken hatte man sowieso immer einstecken.
Aber gerade in dieser Vegetationsregion, in der sie erst den lichten Wald durchqueren mussten, dann durch versumpfte, morastige Wiesen, anschließend durch den Gestrüppgürtel am äußeren Fuße des Kraterkegels und schließlich die Steigung hinauf durch Felsbrocken und erstarrtes Ergussgestein hindurch; überall zu schmal oder zu verwachsen, um hier durch das Ziehen der Lastteile mit den Schleppen merklich entlastet zu werden; also blieben der Buckel und allenfalls der Schulterholm, den Merolf schon als Jungendlicher erdacht hatte und den die Leute seines Stammes seither als Lasttrage für Hängendes benutzten. Merolf suchte sich hierzu einen stabilen Ast so von seiner Größe; er entrindete und entastete den Ast von kleineren Zweigansätzen und trug ihn dann ganz einfach quer über den Schultern, wobei er an die rechts und links überstehenden Enden erlegtes Wild, wie Vögel oder Fische binden konnte oder die Fellbahnen, die man zum Bau der Zelte verwendete. Zwei-, dreimal spiralig um den Ast geschlungen konnte so ein Mann relativ einfach sämtliche Häute für ein komplettes Zelt allein transportieren. Oft war es allerdings auch für diese Hilfsmittel einfach zu eng und es wäre zu aufwendig gewesen, sich erst eine Schneise zu bahnen, damit man dann die sperrigen Schulterholme benutzen konnte.
Die Faulheit war es oft oder auch nur die Suche nach einer einfacheren Handhabung immer wiederkehrender, sich wiederholender Handgriffe und Tätigkeiten, die Merolf die Ideen zu schon so vielen kleinen Erfindungen und Hilfen im Alltag eingegeben hatten.
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