Bolton gab sich damit nicht zufrieden. Im Gegensatz zu vielen Standesgenossen machte er sich echte Sorgen um das Wohl und Wehe seiner Leute.
»Mit Gottes Hilfe, sagt ihr, Captain Montgomery. Vielleicht habt Ihr eine etwas zu naive Anschauung von Gott. Gott kann helfen, das steht außer Frage, wenn er denn helfen will! Aber er lässt sich nicht versuchen. Er schätzt es nicht, wenn der Mensch einen Unsinn begeht und dann gedankenlos die Verantwortung auf ihn abwälzt. Mir kommt es keineswegs zu, mich in Eure privaten Angelegenheiten zu mischen, aber als Euer älterer Freund, … als ein Mann, der Euch wohl will, muss ich Euch das zu bedenken geben!«
Ihre Blicke trafen sich. Boltons Blick war ernst, der des jungen Captains verletzt, zornig und ein wenig verlegen.
Durch den Klang sich streitender Stimmen vor der Tür des Festsaals wurde der Gouverneur vom Thema abgelenkt. Wie es schien stritt im Vorraum ein Mann mit der Dienerschaft, die ihn nicht vorlassen wollte. Doch schon Sekunden später wurde die große Flügeltür weit aufgerissen, und ein junger, drahtiger Marineoffizier mit den Rangabzeichen eines Lieutenants trat ein, mit einem blutjungen, unrasierten und zerlumpt gekleideten Matrosen im Schlepptau.
Kaum erkannte der Bursche die illustre Gesellschaft, zuckte er zurück und wollte fliehen, aber er wurde vom Lieutenant mit aller Kraft am Handgelenk vorwärts gezogen.
Während die vier Dutzend zechenden Gäste gar nicht auf die Szene achteten, erhob sich der Gouverneur beunruhigt und trat dem Lieutenant ein paar Schritte entgegen. »Lieutenant Trank, was hat das zu bedeuten?«, fragte er streng. Unglücklicherweise stand er so, dass sein breiter Rücken Captain Montgomery verdeckte.
»Lieutenant Trank, Kommandant der ›Suade‹, soeben von Patrouillenfahrt im Hafen eingelaufen!«, meldete er in dienstlichem Ton, nachdem er salutiert hatte. »Habe unterwegs den Leichtmatrosen Tom Hathaway von der ›Coronation‹ aufgefischt …«
In Gouverneur Boltens Gesicht zeigte sich Erschrecken. »Ihr habt einen Matrosen der ›Coronation‹ aufgefischt?«, fragte er mit versagender Stimme. »Verdammt, was soll das heißen, Mr. Trank?!«
Der Lieutenant gab Hathaway einen gelinden Stoß in den Rücken. »Sprich frei und von der Leber weg. Seine Gnaden, der Gouverneur, wird dich nicht fressen!«
Der Leichtmatrose war vielleicht siebzehn, höchstens achtzehn Jahr alt und machte einen guten Eindruck. Er war groß und sehnig gewachsen, besaß ungebändigtes, rotes Haar und die Fülle seiner Sommersprossen fand in seinem offenen, ehrlichen Gesicht kaum Platz. Zuerst etwas linkisch, dann zunehmend sicherer werdend, begann er zu berichten: »Das war so, Euer Gnaden ... Vor fünf Tagen segelte die ›Coronation‹ südlich von Hispaniola. Sie wurde von einem dreimastrigen Bukanier verfolgt. Schon nach der zweiten Salve ging der Fockmast über Bord. Danach wurden wir zusammengeschossen wie Scheiben auf einem Schießstand, Euer Gnaden.«
Jetzt drängte sich eine hohe, breitschultrige Gestalt rücksichtslos neben den kleinen, rundlichen Gouverneur. Captain Montgomerys Gesicht war bleich wie das einer Leiche. »Hör zu, Bursche: Auf der ›Coronation‹ reiste meine Frau und mein einjähriger Sohn!«
Tom Hathaway begann zu zittern. Tränen standen dem Leichtmatrosen in den Augen. Er senkte den Blick und schwieg verlegen.
Montgomery hätte den armen Kerl in seiner maßlosen Erregung sicher schallend geohrfeigt, wenn ihm nicht Lieutenant Trank in den Arm gefallen wäre. Erst darauf besann er sich eines besseren. »Sprich schon, Bursche! Spann mich nicht auf die Folter, sonst lasse ich Dich auspeitschen!«
»Ich kann schließlich nichts dafür«, erwiderte der Matrose trotzig, der ob der Ungerechtigkeit des Captains seine Sprache wiedergefunden hatte. »Eure Frau wurde niedergeschossen, Sir! Ich habe gehört, wie der Mann mit Ramon angesprochen wurde.«
»Und das Kind?«
Abermals senkte Hathaway erbleichend den Blick.
»Los! Sprich, Kerl! Was ist mit dem Kind?«, forderte ihn Montgomery mit zitternder Stimme auf.
Tom Hathaway zuckte hilflos die Achseln. »Ich weiß es nicht, Sir!«, stammelte er. »Ich habe nicht alles verstanden, was die Piraten gesprochen haben, aber es sah für mich so aus, als wollte dieser Ramon das Kind ins Wasser werfen.«
Montgomery stieß einen erstickenden Fluch aus. Dann stürzte er polternd zu Boden und rollte seinem Gouverneur ohnmächtig vor die Füße. Jetzt wurden auch einige andere Marineoffiziere auf die Szene aufmerksam und kamen schnell näher.
»Bringen Sie den Captain ins Nebenzimmer. Dort ist ein Bett«, befahl Bolton. »Und vergessen Sie nicht ihm den Oberkörper frei zu machen, damit er besser Luft bekommt.« Dann wandte er sich an Hathaway. »Sprich weiter«, forderte er den Leichtmatrosen freundlich auf. »Was ist aus den Offizieren und der Mannschaft der ›Coronation‹ geworden?«
»Captain Moore wurde von einer Kanonenkugel zerschmettert, Euer Gnaden. Lieutenant Retcliffe fiel wenig später im Kugelhagel. Als die Bukaniere auf unser Schiff drangen, waren von zehn Mann schon neun nicht mehr am Leben. Wessen sie habhaft wurden, wurde brutal ins Wasser den Haien zum Fraß vorgeworfen. Mich haben sie auch über Bord geworfen, Euer Gnaden. Aber ich kann schwimmen und bin nicht ertrunken. Ich fand die treibende Kombüsentür und leinte mich an ihr an. Wie dann alles weitergegangen ist, weiß ich nicht. Ich muss wohl ohnmächtig geworden sein.«
»Der Bursche war vor Hunger und Durst fast wahnsinnig, als wir ihn aus dem Meer fischten«, ergänzte Lieutenant Trank den Bericht des Leichtmatrosen. »Wir pflegten ihn und brachten erst einen halben Tag später heraus, was geschehen war.«
Der Gouverneur zuckte schweigend die Achseln. »Das Schicksal von Captain Montgomerys Frau ist grauenhaft«, murmelte er halblaut. »Aber es wäre um ein Vielfaches schlimmer gewesen, wenn sie am Leben geblieben wäre. Bei Gott, sie ruht gut. Ich hoffe nur, dass ihr kleiner Sohn keinen schweren Tod gehabt hat.«
***
Kapitel 7
Seit der Tragödie mit der ›Coronation‹ waren fünfzehn Jahre vergangen. Trinidad, der östlichen Nordküste von Venezuela vorgelagert, und zwar jenem Teil des Festlandes, wo sich der Orinoko in die Karibische See ergießt, war 1762 immer noch spanische Kolonie. Aber die südlichste und zugleich größte Insel der Kleinen Antillen, war weit davon entfernt, ganz unter dem Einfluss des Neuspanischen Königreiches zu stehen. Daran hatte auch der vor zwei Jahren zum Vizekönig ernannte, ehemalige Oberfehlshaber der spanischen Mittelmeerflotte, Generalleutnant Pedro Messía de la Cerda, 5ter Marqués de la Vega de Armijo, nichts ändern können.
Noch vor achtzig Jahren waren hier Piraten, Freibeuter, Bukaniere und Filibuster die eigentlichen Herren gewesen. Sie hatten die Seewege beherrscht. Nicht selten hatten sie sogar die befestigten Küsten- und Inselplätze angegriffen. Einige Male schafften sie es sogar ganze englische, spanische oder portugiesische Flotten zu vernichten. Doch von dieser fraglichen Herrlichkeit, die nichts anderes gewesen war als eine Gewaltherrschaft gemeiner Verbrecher, war jetzt nicht mehr viel zu spüren. Zwar hielten sich immer noch einige Bukaniere in Westindien auf, aber sie führten längst das Leben Gehetzter und Geächteter. Sie konnten sich glücklich schätzen, wenn sie hier oder dort noch eine bescheidene Basis fanden.
Ein solcher Stützpunkt befand sich damals an der wild zerklüfteten Nordwestküste der Insel Trinidad, unweit der späteren Hauptstadt ›Port of Spain‹. Dort hatte sich vor Jahrzehnten Miguel Álvarez de Cardenas y Allende Vater angesiedelt. Nach seinem Tod hatte ›El Manco‹ die Festung ›Maracas‹ übernommen.
1762 war › Maracas ‹ durch seine mehr als günstige Lage immer noch das Dorado blutgieriger Bukaniere. Die aus Holzhütten bestehende Siedlung wurde von einer kleinen, gutarmierten Festung auf einem felsigen Hügel überragt. Am Fuße dieser Festung lag das Südufer mit einer etwa anderthalb Meilen langen und fast so breiten Bucht. Diese Bucht besaß nach Norden nur eine schmale Ausfahrt zum Karibischen Meer, gerade breit und tief genug, um ein Vollschiff durchzulassen.
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