„Hör zu“, unterbricht die Mutter, „er serviert Obst wenn überhaupt, dann als Nachtisch. Seine Spezialität sind scharfe Senfgerichte.“
„Da war noch ein Henry Schleyer, aber ich habe ihn nicht erkannt.“
„Henry Schleyer?“, wiederholt die Mutter, „ich bin schlecht mit Namen.“
„Mama, ich habe Sailor erschossen.“
„Wir sind im Krieg, meine Liebe, so ist das, und jetzt suchst du, und das gründlich. Namen, ein Adressbuch, irgendwas. Und dann gehst du zurück in das Lokal und siehst zu, dass du mehr über diesen Henry rauskriegst.“
„Ich habe auch Sailor nicht erkannt.“
„Du hast es verdrängt, meine liebe Süße, mach dir keine Sorgen.“
„Mutter?“
„Was noch?“
„Mein Dickdarm ist mit dem Bauch verwachsen.“
„Wenn, dann ist es mein Dickdarm, der mit dem Bauch verwachsen ist.“ Die Mutter stutzt. „Woher hast du das?“
„Von Sailor.“
„Sailor ist tot.“ Die Mutter legt auf. Corinna sucht und findet den Berliner Bären auf der Innenseite seines rechten Oberarms. Es ist kein schönes Motiv. Der Bär streckt ihr seine rote Zunge entgegen und ist in einen weinroten, kreisförmigen Hintergrund gebettet. Auch die Platzierung lässt darauf schließen, dass es sich nicht um eine Tätowierung handelt, mit der sich Sailor schmücken wollte. Eher ein Zeichen. Ein Adressbuch findet sie nicht.
05. Dienstag, 24.12.2013 |
05. Dienstag, 24.12.2013 |
Schleyer hat den Flipperautomaten aufgegeben und sitzt am Tresen. Die Gäste sind mit dem Essen fertig und zusammengerückt. Ein paar haben sich an die Bar begeben, der Koch hat die Küche seinen Gehilfen überlassen und sich dazu gesellt. Es ist heimelig, kann aber jederzeit kippen. Die Gäste haben kein Zuhause. Das macht sie zu Raubtieren.
„Wo ist Sailor?“
„Bei seiner Familie?“
„Sailor hat keine Familie.“
„Na, dann wird er wohl in seinem Loch sein, ohne Familie.“
„Haben Sie wirklich gedacht, er hätte Familie?“
„Kann ein jeder denken, wie er will.“ Corinna stellt die Handtasche auf einen Barhocker. Schleyer sieht sie an. Sie hält dem Blick stand. Er will wissen, was passiert ist. Er will wissen, ob sein Freund dich gevögelt hat. Er will wissen, wo sein Freund jetzt ist. Sie sagt: „Pimpern, Zigarette, Haustür. Sie wissen, wie das ist.“
Schleyer stößt ein Lachen aus, das nach Husten klingt. „Und Sie, was ist mit Ihrer Familie?“
Corinnas Hand wischt das Thema aus der Welt. Die Finger bleiben in den Schlaufen der Tasche hängen und fegen sie vom Hocker. Sie beeilt sich, die Utensilien einzusammeln. Lippenstift, Geldbeutel, Schlüssel, Handy, Schmerztabletten. Der Revolver ist nicht dabei. „Sie kennen sein Loch?“
Er schüttelt den Kopf. „Nichts für eine Dame?“
„Ein Loch wie im Krieg.“ Corinna beschließt, die Sache diesmal anders anzugehen. Die Menschen lassen sich besser beobachten, wenn man ihrem Blick nicht ausweicht. „Ihr Freund hält Sie für schwul?“
„Es ist der Bart, den er für schwul hält.“
„Sie und er, Sie sehen sich ähnlich, aber Ihr Bart, der wirkt gepflegter.“
„Stört Sie sein Bart?“ Er streicht sich über das Kinn. „Ein sekundäres Geschlechtsmerkmal.“
„Ich studiere Humanbiologie.“ Jetzt ist es raus, du hast den Köder gelegt, für einen Beweggrund, der mit Vögeln nichts zu tun hat. Lass den Köder liegen, ein Alibi für den Notfall, er wird sich an keine Frau ranmachen, die sein Freund für sich klargemacht hat, Ehre unter Männern, große Wer-Fickt-Wen-Ehre, Männer denken mit dem Schwanz.
„Humanbiologie?“
„Humanbiologie, Verhaltensmuster.“
„Verhaltensmuster?“
„In der Humanbiologie.“
„Hat Sie überhaupt irgendetwas an ihm gestört?“ Schleyer verrät mit keiner Geste, was er von ihrem Studium hält. „Ich bin keiner, der Ihnen einen ausgibt und keiner, der einen Bloody Mary zu schätzen weiß.“ Sein Blick erfasst den zweiten Kellner, der im Lokal nach dem Rechten sieht. Geschirr abräumen, Speisekarten einsammeln, Aschenbecher wechseln, Kerzen anzünden. „Und daran kann ich nichts Verkehrtes finden.“
Corinna geht auf die Bemerkung nicht ein. „Sie kennen sein Zimmer also nicht?“
„Sag ich doch.“
„Wie lange kennen Sie Sailor?“
„Wer will das wissen?“
„Egal jetzt.“ Sie winkt dem Kellner und bestellt Kaffee. „Schwarz.“ Und an Schleyer gewandt: „Er war Matrose?“
„Er hat Ihnen nichts von sich erzählt?“
„Es hat sich nicht ergeben“, weicht Corinna aus.
„Sieht ihm ähnlich, dass er nichts von sich hergibt.“
„Er war also Matrose?“
„Sailor wird seinen Grund haben, wenn er Ihnen nichts erzählt.“
„Wird er wohl“, stimmt ihm Corinna zu, „und jetzt frage ich Sie.“ Sie zieht einen Barhocker heran und setzt sich. „Er war also Matrose?“
„Ja“, gibt Schleyer nach, „wer will das wissen?“
„Und jetzt ist er kein Matrose mehr, so, wie Sie keiner mehr sind?“ Schleyer antwortet nicht. „Kennen Sie sich aus der Zeit, als Sie noch Matrosen waren?“
„Haben Sie sich was rausgesucht?“, fragt Schleyer gegen und deutet auf die Speisekarten, die der Kellner am Ende des Tresens zu einem Stapel zusammengelegt hat, „der Koch ist schon halb im Feierabend.“ Corinna zieht die Speisekarte aus ihrer Handtasche. „Die gefüllte Kalbsbrust.“ Sie bestellt das Essen. „Sailor ist pleite?“
„Mag sein.“
„Wer in so einem Loch wohnt und nicht pleite ist, mit dem stimmt etwas nicht.“
„Sie sollten aufpassen, dass Sie nicht ausfallend werden.“
„Es ist auch nicht gerade der Platz, wo man eine Frau hinführt.“
„Es gibt sicher Schlimmeres“, sagt Schleyer, „eine Schiffskoje wäre da als Beispiel zu nennen.“
„Sein ganzes Gerede von der Damenhaftigkeit“, sagt Corinna, und plötzlich überkommt sie eine Wut, auf Sailor, Schleyer, das Studium, die ganze Welt, in die sie sich da hat reinziehen lassen, eine Alibiwelt, sie erhebt die Stimme, der Kellner wirft ihr einen Blick zu, „und dann ein Loch wie ein Puff, ja wahrscheinlich war es genau das, ein Puff für die Dame.“
„In Ordnung.“ Schleyer hebt beschwichtigend die Hände. „Er ist pleite. Und jetzt lassen Sie es gut sein.“
„Und was macht einer, der pleite ist?!“ Sie gibt dem Kellner durch eine Geste zu verstehen, dass sie keine Szene machen wird, nicht am Heiligabend, und sie dämpft ihre Stimme, doch das, was sie sagt, das dämpft sie nicht. „Billige Flittchen pimpern tut der, und vielleicht andere krumme Geschichten?!“
„Sie gehen zu weit, liebe Frau.“
„Zum Henker mit der Liebe“, macht Corinna weiter, und die Lüge setzt ihr zu, und auch das macht sie wütend, ein Verrat an sich selber ist diese Lüge, sie macht sie zum billigen Flittchen, diese Lüge, „gepimpert in einem dreckigen Puff.“ Sie greift nach der Handtasche, ihre Finger krallen sich in den Stoff, die Stickerei schneidet sich ins Fleisch, sie wirft den Kopf zurück und starrt an die Decke. Herrje , auf was hast du dich da eingelassen, Verhaltensmuster in der Humanbiologie, und wenn das einer nicht begreifen will, dann knall ihn ab, komm nur her du.
„Scheint Ihnen ja mächtig zuzusetzen“, sagt Schleyer, der die Situation beruhigen will und nicht weiß, wie er das anstellen soll, „pimpern, wer sagt denn so etwas.“
Sie lacht, kurz und hysterisch, lässt den Kopf fallen, ihr Blick ist jetzt hart. „Kann ein jeder sagen, wie er will.“
„Vorher, als ich hier aufgeschlagen bin und Sie waren schon da, da kamen Sie anders daher, Sie waren ...“ Er sucht nach dem passenden Ausdruck. „... bescheiden. Sie waren bescheiden.“ Er lacht. „Stand Ihnen gut, aber diese Tour hier steht Ihnen auch nicht schlecht.“ Sein Lachen wirkt gekünstelt. „Ich will Ihnen etwas sagen.“ Er sieht an ihr runter und denkt sich, dass die Frau ein Kaliber ist und mächtig reif für ihr Alter, sie denkt und sagt, was sie für richtig hält, und er begreift nicht, wie sich so eine auf einen wie Sailor einlassen kann. Er sagt: „Wenn Sie sich auf so einen wie Sailor einlassen, dann kommen Sie mit Bescheidenheit nicht weit.“
Читать дальше