Er sollte seines Lebens nicht mehr froh werden. Sie hatte mehr Kampfkraft als er. Während des Scheidungsverfahrens setzte sie alles daran, dass ihm nichts mehr blieb, was ihm lieb und teuer war. Die Kinder waren ein probates Mittel, ihn an ihrer langen Leine zappeln zu lassen und sie genoss ihre Macht über ihn. Aber glücklich wurde sie dadurch nicht. Der Hass vergiftete sie innerlich, doch sie konnte nicht von ihm lassen. Nach und nach wandten sich Freunde und Verwandte von ihr ab. Ihr Sohn war der Nächste in der Familie gewesen, der es nicht mehr mit ihr aushielt.
Julian war zu seinem Vater gezogen, sobald das Familiengericht es ihm erlaubte. Da war er indes bereits ein materiell verwöhnter und emotional tief verunsicherter, pubertierender Teenager. Sein Vater versuchte ihm Halt zu geben, konnte und wollte ihm aber nicht fortwährend die neuesten Statussymbole seiner Generation kaufen, also ließ der Junge seine Wut ungebremst an ihm aus. Er schwänzte die Schule, die ihn nicht mehr interessierte, trieb sich in der Stadt herum und geriet in so manchen Streit. Er war aufgrund seiner Sichelzellenanämie körperlich schwächer als seine Altersgenossen, was er nicht akzeptieren wollte. Er begann täglich in ein Fitnessstudio zu gehen. Tatsächlich bauten sich seine Muskeln mächtig auf, wenngleich seine Kondition eingeschränkt blieb. Beim Sport lernte er zwei angehende Feuerwehrleute kennen, die mit Begeisterung von ihrem Beruf schwärmten. Besonders liebten sie den speziellen Zusammenhalt dieser exklusiven Männergesellschaft.
Julian wollte nichts mehr, als irgendwo dazuzugehören, voll akzeptiert zu werden und endlich seine latente Aggression in positive Energie umwandeln zu können. Auch er wollte ein Held der Feuerwehr werden. In der Schule holte er auf, machte einen anständigen Abschluss und bewarb sich direkt beim Brandschutz. Er trainierte wie ein Besessener, um die Eingangstests zu bestehen, was ihm erstaunlicherweise ohne größere Schwierigkeiten gelang. Nur als man ihn zu einem Bluttest schickte, schien sein Traum in Gefahr. Er bat heimlich seine Oma Elsa um Hilfe, die ihm keinen Wunsch abschlagen konnte.
Glorias Mutter war inzwischen ausgebildete Krankenschwester und arbeitete in einem privaten Labor. Sie besorgte Julian die Blutprobe eines gesunden Arbeiters, der den obligatorischen Drogentest bei einem Jobwechsel einwandfrei bestanden hatte. Er hatte die Ampulle in der Tasche, als sein Blut abgenommen wurde, täuschte Schwindel vor und vertauschte die Proben, als die Arzthelferin den Raum verließ, um ihm einen Kaffee zu holen. So blieb seine Krankheit unentdeckt und er präsentierte sich stolz an seinem ersten Arbeitstag.
Julians Eltern wussten nichts von alledem. Sie hatten Bedenken geäußert, aber als er sämtliche Eingangsvoraussetzungen scheinbar problemlos gemeistert hatte, freuten sie sich für ihn. Endlich schien sein Leben in ordentliche Bahnen gelenkt zu werden, mit einer Aufgabe, die ihm Freude und Wertschätzung einbrachte. Sie konnten nicht ahnen, dass er schon bald an seine Grenzen stoßen würde.
Zuerst wollte Julian bei seinen gleichalterigen Berufskollegen nur Eindruck schinden, in dem er sich über Andere mokierte, von denen er glaubte, dass man sich im Team gern über sie lustig machte. Er übertrieb es. Irgendwann ging allen zudem seine ständige Angeberei auf den Wecker. Die angeblichen sexuellen Abenteuer mit älteren Frauen glaubten sie ihm sowieso nicht. Als er es schließlich auf eine körperliche Auseinandersetzung mit einem durchtrainierten Alphatier ankommen ließ, hatte er keine Chance und verließ wie ein geschlagener Hund das Schlachtfeld.
Danach war er nicht mehr derselbe. Er zog sich zurück, wurde zum gemiedenen Außenseiter. Er hielt sich lediglich an seinen älteren Kollegen Luigi, der ihn unter seine Fittiche nahm, bis zu diesem schrecklichen Tag, als Julian bei einer Brandbekämpfung allen Direktiven zum Trotz allein in das brennende Haus stürmte und nicht mehr lebend hinauskam.
Gloria hatte das Geschehene hart getroffen. Sie war sich nie sicher gewesen, ob sie überhaupt so etwas wie Liebe empfinden konnte. Nun war sie auf grausame Weise eines Besseren belehrt worden. Der Schmerz in ihrer Brust war unermesslich, die sich unentwegt im Kreis drehenden Gedanken im Kopf machten sie wahnsinnig, alles zusammen führte zu totaler Apathie. Über Monate war sie unfähig zu funktionieren, ließ sich krankschreiben und kümmerte sich nicht um ihre dreizehnjährige Tochter Marie, die sich mit ihrer eigenen Trauer alleingelassen fühlte. Da war es nur folgerichtig, dass auch sie zu ihrem Vater zog. Gloria hatte dem emotional nichts mehr entgegenzusetzen.
Nun, zwei Jahre nach Julians Ableben war sie zurück in ihrem Alltag als Flugbegleiterin, reiste so viel sie konnte, um nicht allein in ihrem schönen Haus zu sitzen, das ihr ohne die Kinder nichts mehr bedeutete.
Nach ihrer „erfolgreichen“ Scheidung vor sieben Jahren hatte sie noch einmal durchstarten wollen, mochte endlich das tun, was ihr Spaß machte. Sie bewarb sich bei United Airlines, die mit einer Großanzeige in der Zeitung Flugpersonal suchten und wurde sofort eingestellt. Ihre attraktive Erscheinung zum Bewerbungsgespräch war sicherlich ein Faktor gewesen. Sie hatte ihre langen Beine mit hochhackigen Schuhen und einem gerade geschnittenen, kurzen Rock betont. Oben herum trug sie eine enganliegende Bluse, die ihre weiblichen Kurven zur Schau stellte, ohne zu viel Haut zu zeigen. Der Interviewer war offensichtlich beeindruckt und stellte nur wenige Fragen, die allesamt keine Herausforderung waren für eine versierte Selbstdarstellerin.
Die mehrmonatige Ausbildung fand in der Nähe des Flughafens statt, der nur zehn Minuten von ihrem Haus entfernt lag. Als sie in den Flugdienst aufgenommen wurde, engagierte sie ein illegales dominikanisches Hausmädchen und genoss die neue Freiheit. Sie flog kreuz und quer durch die USA, war manchmal in einer Woche in Miami, Kansas, Chicago und Los Angeles.
Sie mochte das Unverbindliche der Begegnungen in ihrem Beruf. Nicht nur die Passagiere wechselten mit jedem Flug, auch die Crew wurde für jede Reise neu zusammengestellt. Man traf sich, redete freundlich miteinander, verbrachte vielleicht sogar einen Abend zusammen an einer Hotelbar und trennte sich. Keine emotionale Anstrengung notwendig! Es lohnte sich nicht, sich über jemanden zu echauffieren oder einen Streit vom Zaun zu brechen, ein paar Stunden später ging jeder seiner Wege. Manchmal ließ sie sich zu einem One-Night-Stand mit einem Fremden hinreißen, war dann aber froh, wenn am nächsten Tag die Reise weiterging. Nie tauschte sie Telefonnummern aus oder versprach ein Wiedersehen.
Sie füllte ihre Tage, aber ihr Herz blieb leer. Am besten verstand sie sich mit Omar, ihrem schwulen Kollegen, mit dem sie gern zusammen unterwegs war. Ohne sexuelle Schwingungen in der Luft konnte sie in seiner Nähe einfach so sein, wie sie war. Sie musste sich nicht verstellen, brauchte keinen bestimmten Eindruck zu hinterlassen. Er war unvoreingenommen und verurteilte sie nicht, wenn sie ein risikoreiches Abenteuer mit einem Unbekannten einging, und tröstete sie, wenn es schiefgegangen war. Einmal war sie an einen Perversen geraten, der sadomasochistische Neigungen zeigte und äußerst rabiat wurde, als sie ihm seine Wünsche nicht erfüllen wollte. Gott sei Dank war Omar im Nebenzimmer und rettete sie, als er eine laute Auseinandersetzung hörte. Danach war sie ihm ewig dankbar und versuchte nach Möglichkeit auf den gleichen Flügen eingesetzt zu werden wie er.
Gloria und Omar wurden irgendwann wie gute Freundinnen. Sie teilten die Liebe zum Shopping, konnten sich stundenlang in Kaufhäusern aufhalten und berieten sich in der Wahl ihrer Mode. Sie erzählten sich ihre Geheimnisse und passten gegenseitig aufeinander auf. Es tat ihr gut, einen vertrauten Menschen zu haben, der nichts von ihr wollte, außer mit ihr Spaß zu haben. Unter ihren privaten Kontakten gab es keine ihr bekannten Überschneidungen. Das erlaubte ihnen hemmungslos zu tratschen und über ihre Freunde herzuziehen. Man fühlte sich so viel besser, wenn man gemeinsam schamlos über Andere lachen konnte!
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