„Papa, bin ich so hübsch genug für die Hochzeit? Soll mir Olivia noch einen Zopf machen oder ist es so okay?“ fragte sie.
„Du siehst sehr hübsch und erwachsen aus mit den offenen Haaren. Wenn wir nicht aufpassen, glaubt der Pfarrer, du wärst die Braut und fragt dich, ob du mich heiraten möchtest.“, schmunzelte Gustavo.
„Das geht doch gar nicht. Du bist mein Papa und viel zu alt für mich.“, erwiderte Carolina empört und verschwand so schnell wie sie gekommen war.
Olivia trat lautlos hinter Gustavo und lächelte ihn im Spiegel an. Zuvor hatte sie seinen wehmütigen Blick wahrgenommen, der ihr einmal mehr einen Stich ins Herz versetzte. Würde sie je eine Chance haben gegen Maria, ihre unsichtbare Begleiterin? Er hatte sie nicht kommen hören und war etwas erschrocken, als sie in seinem Blickfeld auftauchte. Dann lächelte auch er.
Wie glücklich war er, dass er diese Frau gefunden hatte, die ihn trotz seiner Macken und häufigen Träumerei bedingungslos liebte und vor allen Dingen Carolina eine sehr gute Ersatzmutter war. Das Mädchen war fröhlich und unbeschwert, neugierig und klug. Das war zu einem großen Teil Olivias Verdienst, die sich rührend um die Kleine kümmerte, ohne aufdringlich zu sein. Ihr Herz war am richtigen Fleck, davon war er überzeugt.
Jetzt würde alles gut werden. Er hatte eine neue Familie, einen guten Job bei Agustin in der Dachdeckerfirma und bald würde er anfangen sein eigenes Haus zu bauen, so wie er sich damals in Honduras erträumt hatte.
Sie saß in ihrem großen Wohnzimmer auf dem neuen dreisitzigen Sofa und öffnete sich eine Flasche Wein. Das erste Glas leerte sie in einem Zug. Sie wartete darauf, dass sich endlich ihre Anspannung legte und eine wohlige Wirkung eintrat.
Gloria schaute sich um. Alles fein und sauber; ordentlich sah es hier aus, ganz anders als in ihrem Innern. Die Möbel hatte sie sämtlich in den letzten Jahren angeschafft. Das Ambiente wirkte wie aus einem Wohnmagazin, alles war farblich aufeinander abgestimmt. Trotzdem fehlten eine warme Atmosphäre und Leute, die das Haus hätten beleben sollen.
Sie fühlte sich wieder einmal sehr allein, der Alkohol war zurzeit ihr bester Freund. Die meisten Menschen, die ihr einmal etwas bedeuteten, hatten sie verlassen. Jeder auf eine andere Weise. Der Kloß im Magen verdichtete sich und Tränen liefen unwillkürlich über ihre Wangen. Sie ließ sie auf ihre weiße Bluse mit dem United Airlines Emblem tropfen, die sie noch immer trug, seit sie vor einer Stunde von der Arbeit nach Hause gekommen war.
Julians Tod hatte ihr gänzlich den Boden unter den Füßen weggerissen. Er war doch ihr einziger Sohn gewesen und noch so jung, als er starb, gerade mal zwanzig Jahre alt. Warum nur war er allein in dieses brennende Haus gegangen, entgegen den Anweisungen seines erfahrenen Kollegen?
Es musste ein Missverständnis gewesen sein, ein schreckliches Missverständnis mit fatalen Folgen. Wahrscheinlich hatte er seinen Vorgesetzten wegen der Lautstärke am Brandort einfach falsch verstanden. Oder er wollte unbedingt den Hund retten, der wohl noch im hinteren Teil des Hauses gewesen war und gebellt hatte. Er war schon immer sehr tierlieb und ungeduldig gewesen. Manchmal wünschte sie sich nun, er hätte mehr vom Charakter seines Vaters geerbt, der eine ihr unbegreifliche Langmut aufbringen konnte und selbst bei hoher Frustration oder leidenschaftlichen Konflikten nie laut wurde. Offen zugeben würde sie diesen Gedanken aber niemandem gegenüber, am wenigsten ihrem Ex-Mann Anthony, den sie nicht einmal mehr hassen konnte. Es fehlte ihr die Energie. Er schien die unsägliche Trauer besser in den Griff zu bekommen, hatte nicht aufgehört an einen gerechten Gott zu glauben, der an seiner Seite stand. Sie hatte den geringen Glauben, den sie einmal besessen hatte, vollends verloren.
Die einzige Religion, der Gloria in ihrem Leben bedenkenlos gefolgt war, war das Geld. Sie hatte von je her ihr seelisches Heil im Kaufen gesucht, das ihr jahrelang viel Freude bereitet hatte. Heute hielt der Kick maximal ein paar Stunden an, dann trat die schmerzende Leere erneut ein.
Gloria hatte schon als kleines Mädchen gelernt, dass man die Zuneigung oder die Last des schlechten Gewissens der Erwachsenen an der Größe der Geschenke messen konnte, die man bekam. Wirkliche Liebe hatte sie wenig zu spüren bekommen. Ihre Mutter Elsa, eine junge Frau aus der Dominikanischen Republik, war mit ihren Eltern in den vierziger Jahren nach New York ausgewandert und war dort im Stadtteil Queens auf einem guten Weg gewesen, sich ein erfolgreiches Leben aufzubauen. Sie war clever und strebsam und eröffnete einen kleinen Kiosk, in dem sie auch selbstgebackene Empanadas verkaufte. Das Geschäft lief hervorragend, viele junge Arbeiter aus ihrer Heimat gingen bei ihr ein und aus. Einer von ihnen, Juan, schlich sich in ihr Herz und schwängerte sie im Hinterzimmer. Jugendlicher Leichtsinn mit Folgen.
Juan hatte keinerlei Absicht, Elsa zu heiraten oder zum Unterhalt ihrer gemeinsamen Tochter beizutragen. Wie viele seiner Landsmänner sah er das nicht als seine Aufgabe an. Über die Jahre setzte er mehrere Kinder mit verschiedenen Müttern in die Welt, kümmerte sich allerdings um keines. Elsa war auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen, die den unehelichen kleinen Balg eher widerstrebend beaufsichtigten und die kleine Gloria spüren ließen, dass sie eigentlich unerwünscht war. Elsa arbeitete viel und hatte ständig Gewissensbisse ihrer Tochter gegenüber, die sie durch Mitbringsel aus dem Kiosk besänftigte. Juan tauchte alle Jubeljahre einmal auf, übergab der Kleinen dem Alter völlig unangemessene Präsente, genoss für ein paar Minuten den Status des Helden in den Augen des Kindes und war wieder verschwunden. Es kostete Elsa jedes Mal sehr viel Mühe, mit den Nachwirkungen seiner Besuche umzugehen, die noch Wochen danach nichts als Ärger und Konflikte in das Mutter-Tochter-Gespann hineintrugen.
Glorias Erkenntnis aus ihrer Jugenderfahrung war erstens, dass man sich auf Männer grundsätzlich nicht verlassen konnte und sie allenfalls zur Befriedigung materieller oder sexueller Bedürfnisse zu gebrauchen waren und zweitens, dass man wunderbar mit den Gefühlen von Menschen spielen konnte, um seine Ziele zu erreichen. Über die Jahre verfeinerte sie ihr Repertoire an psychologischer Kriegsführung, aber an ihrer grundsätzlichen Lebensphilosophie änderte sich nichts. Ihr Motto hieß: Ich will, was ich will und das sofort! Empathie lernte sie leider nie. Daher konnte sie sich auch nie in die Gefühlswelt ihres Ex-Mannes Anthony versetzen.
Anthony musste viele Jahre, bis zu seiner Scheidung und darüber hinaus, als Prellbock herhalten für Glorias Unzufriedenheit. Ihn machte sie vornehmlich für all ihre Probleme verantwortlich. Sie wusste nicht mehr, warum sie ihn überhaupt geheiratet hatte. Wirklich geliebt hatte sie ihn zu keiner Zeit. Sie war dem Ratschlag ihrer Mutter gefolgt, die in dem jungen Mann das Potential sah, beruflich weit zu kommen und einer Familie ein sicheres Auskommen zu bieten. Bedenken bekam sie schon vor dem Hochzeitstag. Sie waren schlicht zu unähnlich in ihrem Temperament. Meist kommunizierten sie auf unterschiedlichen emotionalen Ebenen und kamen nicht auf einen Nenner.
Sie hatte trotzdem nie verstanden, warum Anthony sie verlassen hatte und ihr das Haus bedingungslos überließ. Allerdings war Zuhören auch nicht ihre Stärke, wenn sie miteinander kommunizierten. Als sie sich plötzlich ihres bequemen Lebens beraubt sah, begann sie ihn mit ungeahnter Leidenschaft zu hassen. Er war der Grund dafür, dass Julian krank war. Er hatte ihr ein zweites Kind gemacht, obwohl sie keines mehr wollte. Er weigerte sich, das Limit auf ihrer Kreditkarte zu erhöhen, als sie den dringenden Wunsch verspürte, nach fünf Jahren eine neue Küche anzuschaffen.
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