1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 Als Lucia in ihrer siebten Lebensdekade feststellte, dass ihr die Hände und Füße taub wurden und sie Koordinierungsprobleme in ihren Bewegungen bekam, diagnostizierte sie sich selbst mit einem Gehirntumor. Einem langsamen Verfall wollte sie sich nicht aussetzen und nahm sich eines Tages mit Schlaftabletten das Leben. Sie mixte die Pillen in ihre Thermoskanne mit Mate-Tee, setzte sich auf eine Parkbank mit Blick auf den Rio de la Plata und genoss ein letztes Mal den bitteren Trank, der über viele Jahre ihr Lebenselixier gewesen war. Dann schlummerte sie für ewig dahin.
Lita war zu jener Zeit bereits mit Ernesto verheiratet und hasste fortan die Aussicht auf den Fluss, der so breit war wie das Meer.
Die Tochter hatte die fortschrittliche Lebenssicht ihrer Mutter Lucia abgeschaut und auch ihren Sinn für Ästhetik geerbt. Lita war wunderschön und unterstrich ihre Attribute mit einer eleganten, modernen Kleidung. Die Männerherzen flogen ihr zu, aber einer hatte es ihr besonders angetan.
Sie hatte Ernesto, der bereits auf die Vierzig zuging, 1942 bei einem Pferderennen kennengelernt und mochte seine etwas altertümliche Art, mit der er sie umwarb. Er war zurückhaltend, galant, ganz ein Gentleman alter Schule und sandte ihr an jedem Wochenende Blumen. Er stellte sich ihren Eltern vor, präsentierte, was er zu bieten hatte, und bat schließlich um ihre Hand.
Lita war einundzwanzig, als sie ihren Ernesto heiratete mit seinem zwölfjährigen Sohn Julio, dessen Herz sie ebenfalls im Sturm eroberte. Ihre Ehe war nach allgemeinen Maßstäben eine gute. Ernesto war der unbestrittene Herr des Hauses. Wenn er zwei Tage in der Woche in der Stadt verbrachte, dann war sein Wort Gesetz. Lita jedoch war eine Meisterin der Manipulation. Sie steuerte mit sicherem Gespür alle Menschen in ihrem Umfeld unbemerkt in die gewünschte Richtung, ihren Ehegatten eingeschlossen; eine süße Verführerin. Die Familie ihres Mannes, noch immer von Schuldgefühlen geplagt nach dem Desaster mit der ersten Frau, nahm sie mit offenen Armen auf und unterstützte sie in jeder erdenklichen Weise. Onkel und Tanten gingen bei ihr ein und aus, jeder kümmerte sich um ihre Kinder Gabriela und Manuel, besonders um den Kleinen, der jahrelang sehr krank war.
Manuel war bei weitem das jüngste Kind des Clans; sämtliche Cousinen und Vetter waren schon Teenager oder älter, als er geboren wurde. Seine blonden Locken verzückten alle, bis auf seinen Vater, der sich eine männlichere Version eines Jungen gewünscht hätte. Eine Schar von Dienstmädchen und Gouvernanten kümmerten sich um den Kleinen, der stets niedlich herausgeputzt und nur in Begleitung Erwachsener zum Spielen vor die Tür gelassen wurde.
Manuel glaubte, dass es ein Leben lang so weitergehen würde. Jeder würde ihn lieben und sich um ihn kümmern. Solange er in seiner Familie lebte, hatte er nie Verantwortung für sich übernehmen müssen. Stets gab es jemanden, der ihm half, der seine Fehler oder Unbedachtheit ausbügelte, selbst als er sich in den Zeiten der Militärdiktatur in enorme Schwierigkeiten brachte.
Auf der Welle vieler linker Bewegungen in der gesamten Welt gründete Manuel 1970 als Zwanzigjähriger mit einigen Freunden eine Studentengruppe, die auf demokratischem Weg eine gesellschaftliche Veränderung herbeiführen wollte, weg von den oligarchischen Strukturen, hin zu mehr Selbstbestimmung und höheren Einkommen für die Arbeiterklasse. Mit ihrer friedlichen Ausrichtung unterschieden sie sich von den Tupamaros, die sich an den kommunistischen, kubanischen Ideologien von Fidel Castro und Che Guevara orientierten, und bald eine gewaltsame Auseinandersetzung mit dem Militär heraufbeschworen, die grausam für die Rebellen endete. Viele junge Radikale wurden gefangen genommen, gefoltert und getötet oder verschwanden auf Nimmerwiedersehen.
Auch Manuel geriet ins Fadenkreuz des Militärs, das in der Zwischenzeit nicht mehr zwischen den linken Gruppen unterschied und gnadenlos gegen alle vorging, die Veränderungen propagierten. Sein Name stand bald auf einer Liste politischer Feinde, die in den nächsten Tagen verhaftet werden sollten. Sein Onkel Edmund, ein dem Militär nahestehender Jurist, der seit einiger Zeit daran arbeitete, die rechtliche Grundlage für einen Coup d’Etat unter demokratischem Deckmantel zu schaffen, wurde von einem Oberst angerufen, der ihn hinter vorgehaltener Hand warnte, dass sein Neffe demnächst von Zuhause abgeholt werden würde. Er gab ihm zwei Stunden Vorsprung.
Edmund rief Lita an, die ihren Sohn ohne weitere Fragen mit ein paar wertvollen Schmuckstücken und allem Bargeld ausstatte, das sie in der Kürze der Zeit auftreiben konnte. Sie schickte ihn mit dem Familienauto, dessen langjähriger Chauffeur unbedingt vertrauenswürdig war, in Richtung Rinderfarm, zweihundert Kilometer von Montevideo entfernt. Sie kamen mitten in der Nacht an und schlichen sich ins Herrschaftshaus, wo sich Manuel in einem geheimen, dunklen Keller versteckte. Das Militär rückte mit großem Aufgebot drei Tage später an, fand ihn jedoch nicht.
Seine Tante Patricia, eine Schwägerin seines Vaters, beschloss schließlich, dass das Leben im dunklen Keller für ihren Neffen unerträglich sei und sie nun endlich eingreifen müsse. Sie war seit vielen Jahren die Angebetete des obersten Generals, der aus einer befreundeten Familie stammte und sogar der Patenonkel ihres Sohnes war. Sie besuchte den Mann im Krankenhaus, wo er sich von einer leichten Lungenentzündung erholte. Sie sprachen für eine ganze Weile unter vier Augen. Keiner wusste später, was der General als Gegenleistung gefordert hatte, aber er erklärte sich bereit, Manuel davonkommen zu lassen, wenn er sich künftig an die Regeln hielte.
Der rebellische Student wagte es nicht ein zweites Mal, seinen Kopf aus dem Fenster zu strecken. Zu viele seiner Freunde waren im Gefängnis, tot oder im Exil. Auch die Familie machte ihm klar, dass er von nun an seine Rolle würde spielen müssen, um Gefahr von sich und anderen fernzuhalten. Er trat die ihm zugeordnete als Lehrer an, unterrichtete fünfzehn Jahre lang politische Wissenschaften, wobei ihm genau vorgeschrieben wurde, wie dieses Wissen auszusehen hatte.
Seine Homosexualität war eigentlich nie ein wirkliches Problem gewesen. Sie blieb lange von der Familie unbemerkt und wurde auch später nie diskutiert. Es konnte nicht sein, was nicht ausgesprochen wurde. Lita würgte ihn jedes Mal ab, wenn er Ansätze machte, mit ihr über das Thema zu reden. Sie wollte keine Fakten hören, so konnte sie mit gutem Gewissen jegliche Spekulationen unterbinden. Das war ihr erprobter Modus Operandi. Wann immer ihr schlüpfrige Details über Familienmitglieder zugetragen wurden, inklusive möglicher Affären ihres Ehemanns, stoppte sie einfach den Überbringer der Nachrichten, noch bevor er Einzelheiten preisgeben konnte. Je weniger sie wusste, umso besser. Denn wie hieß es doch so treffend: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
Manuel hatte viele Freundinnen aus seiner Zeit an der französischen Schule und anfangs, in den Sechziger Jahren, war es ihm egal, mit wem er ins Bett ging. Es war die Zeit der sexuellen Befreiung, alles war aufregend, alles war erlaubt. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass er Männer bevorzugte. Irgendwie lag mehr Spannung in der Luft, wenn sie sich annäherten. Das Flirten hatte neben der körperlichen Attraktion zusätzlich den Reiz des Verbotenen. Er fand seine Liebhaber überall und in allen Altersklassen, unter seinen Freunden, Kollegen, Geschäftsbeziehungen seines Vaters, Ledige und Verheiratete. Er war sehr diskret und nie hatte es Schwierigkeiten gegeben.
Das erste Mal, dass sich Manuel mit Haut und Haaren verliebte, war seine Begegnung mit Omar. Er hatte ihn in einer Schlange an der Kinokasse kennengelernt und sich erst einmal fernhalten wollen, denn der schöne Knabe war offensichtlich wesentlich jünger als er. Manuel hatte soeben die Dreißig überschritten und Omar zählte gerade mal achtzehn Jahre. Aber er war unerbittlich in seinen Annäherungsversuchen und ließ sich nicht abschütteln. Er hatte das Selbstbewusstsein eines weltgewandten Teenagers, konnte stundenlang interessant und kultiviert reden, hatte sogar schon eine eigene Radioshow als Filmkritiker. Das imponierte Manuel mächtig. Wer war er, dass er es ausschlagen konnte, von so einem Menschen begehrt zu werden, auch wenn der nicht aus der gleichen Oberschicht stammte wie er selbst?
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