Omar war zwar in Uruguay geboren, lebte allerdings schon viele Jahre mit seinen Eltern in New York und reiste regelmäßig zwischen den beiden Welten hin und her. Nachdem die beiden Männer ihrer Liebe nicht mehr ausweichen konnten, nahm Omar ein Studium der Kunstgeschichte in Montevideo auf und sie waren von nun an ein Paar, wenn auch unter getrennten Dächern. Irgendwann ging Omar notgedrungen zurück nach New York, wo es besser bezahlte Jobs gab, und ihre Beziehung reduzierte sich auf lange Briefe, in denen sie sich ihre Sehnsucht von der Seele schrieben.
Manuel folgte seiner großen Liebe, nachdem die Militärdiktatur in Uruguay geendet hatte und er sich endlich frei fühlte, auch von den Erwartungen seiner Familie. Die ersten Jahre in der Metropole New York, wo Menschen aller Couleur und Ausrichtung aufeinandertrafen, hätten so schön sein können, wäre da nicht das Gespenst AIDS wie ein gigantischer Menschenfresser in der homosexuellen Szene umgegangen und wären Manuels finanzielle Ressourcen nicht endlich gewesen. Er hatte aus Montevideo eine Menge alten Schmucks mitgebracht, den er gegen Kommission im Auftrag verkaufte oder von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte, um seinen Unterhalt zu bestreiten. Aber das Leben im Big Apple war teuer und er wollte sich nicht von Omar aushalten lassen. Bald neigte sich der Vorrat dem Ende zu; dann kam ihm der Zufall zur Hilfe.
Er schlenderte über den West Broadway, vorbei an Galerien und kleinen Geschäften, als ihn ein Japaner ansprach und nach dem Weg zum World Trade Center fragte. Manuel war in die gleiche Richtung unterwegs und bot dem Fremden an, ihn zu begleiten. Sie führten eine angeregte Unterhaltung über die Rolle der schönen Künste im modernen Leben, die beiden sehr wichtig war. Kazuo Sitaki war Galerist und Kunsthändler, auf der Suche nach neuen, frischen Künstlern, die für seine wohlhabenden Kunden in Japan interessant sein könnten. Er hatte auch ein Auge auf südamerikanische Maler geworfen, zu denen er bisher aufgrund der Sprachbarriere keinen Zugang hatte.
Die Begegnung war der Anfang einer mehrjährigen Zusammenarbeit, in der Manuel sehr viel über Kunst lernte, wie sie bewertet und vermarktet wurde, wer die wichtigsten Galeristen waren, wie man sich in der Szene bewegte und vieles mehr. Kazuo zahlte ihm ein ordentliches Gehalt und im Erfolgsfall auch eine anständige Beteiligung an der Kommission. Leider fand die Kooperation ein jähes Ende, als Kazuo wegen Steuerhinterziehung verhaftet wurde und fortan in einer Gefängniszelle sein Dasein fristete.
Manuel fing von vorn an, kontaktierte die japanischen Kunden aus Kazuos Datei, die ihm allesamt mit Skepsis entgegentraten. Lediglich ein Klient erklärte sich bereit ihn zu treffen, wenn er das nächste Mal in New York wäre. Als das Treffen Monate später in einer Hotelbar stattfand, war Manuel wieder einmal in höchsten finanziellen Nöten, selbst die Anrufe bei seiner Mutter hatte er auf größere Abstände terminiert.
Der Japaner behandelte ihn mit offensichtlicher Herablassung.
„Es ist ein Jammer, dass Herr Sitaki nicht mehr tätig ist. Er war gut und ich mochte ihn. Aber es gibt ja eine Menge renommierter Händler, mit denen man potentiell arbeiten kann. Für mich kommen allerdings nur die besten in Frage.“
„Ich habe viele Jahre mit Herrn Sitaki gearbeitet und eine Menge von ihm gelernt. Ich glaube, ich kann ihren Ansprüchen genügen.“, warf Manuel ein und lächelte mit gespielter Selbstsicherheit.
„Ich verlange von meinen Geschäftspartnern besondere Leistungen, nicht das, was alle können. Ich suche Objekte, die noch niemand in einer Ausstellung gesehen hat. Mich interessieren Künstler, die an der Schwelle zum Weltruhm stehen, aber noch nicht völlig verdorben sind, was ihre Preisvorstellungen angeht. Hier habe ich eine Liste interessanter Namen. Sehen Sie, Kunst ist für mich eine Passion, aber auch ein Geschäft. Ich investiere, um Geld zu verdienen. Dabei habe ich einen langen Atem, aber am Ende muss die Kasse klingeln.“
Manuel schaute die Liste an, auf der sich einige Namen befanden, über die in Fachkreisen bereits mit sabbernden Lefzen diskutiert wurde. Persönlich kannte er keinen von ihnen. Trotzdem nickte er zustimmend.
„Wenn ich sie richtig verstehe, suchen sie einen Spürhund, einen Detektiv in der Kunstwelt, der sich relativ unbemerkt in der Szene bewegen kann und im richtigen Moment zuschlägt. Da sind Sie bei mir richtig. Ich kann mich unter dem Radar bewegen, habe keine Visitenkarte mit einem wichtigen Firmennamen darauf, der Begehrlichkeiten weckt.“
„Genau das ist es, was ich suche. Ich gebe Ihnen eine Chance. Rufen Sie mich an, sobald Sie etwas Interessantes gefunden haben.“, sagte der Japaner und schickte sich an, vom Tisch aufzustehen.
„Eine solche Arbeit verlangt einen hohen Einsatz an Zeit und viel Reisetätigkeit. Ich würde es begrüßen, wenn Sie die Ernsthaftigkeit Ihres Anliegens mit einem Vorschuss unterstreichen würden.“
Manuel machte seinen Rücken gerade und schaute seinem Gesprächspartner direkt in die Augen. Sein Gesicht strahlte Zuversicht aus, während sein Herz so laut klopfte, dass er befürchtete, man könne es meterweit hören.
„Ich verstehe.“
Der Japaner zückte sein Scheckbuch, schrieb die ungeheure Summe von fünftausend Dollar in die Betragszeile, unterschrieb mit einem kräftigen Schwung und reichte ihm das wertvolle Papier.
„Ich erwarte erste Ergebnisse in drei Monaten. Wir können den Betrag mit der Kommission verrechnen. Sollten Sie nichts zustande bringen, erwarte ich mein Geld unverzüglich zurück. Und wagen Sie es nicht zu verschwinden. Ich finde Sie überall. Guten Tag.“
Damit erhob er sich und verließ das Lokal mit raschem Schritt.
Manuel blieb ungläubig zurück. Seine Gefühle fuhren Achterbahn. Auf der einen Seite war er glücklich, dass die nächsten Monate gesichert waren, auf der anderen Seite verspürte er einen ungeheuren Druck, der sich wie ein riesiger Felsbrocken auf seine Schultern legte.
Nun, ein Quartal später, war das Geld bis auf die letzten hundert Dollar ausgegeben. Der größte Teil war für sein tägliches Leben draufgegangen, der Rest für ein paar Reisen und unzählige Telefonate, in denen er versucht hatte, zu den entscheidenden Spielern auf dem Kunstmarkt vorzudringen. Alles vergeblich. Er war keinen Deut weitergekommen.
Und jetzt lief er bei Omar auch noch Gefahr, aus seinem kleinen, wohligen Nest geschubst zu werden. Auf keinen Fall wollte er als gescheiterter Held zu seinen Eltern zurückkommen. Lieber würde er sich von dieser Welt verabschieden. Aber einen Abend gab er sich noch, die hundert Dollar würden für ein paar ordentliche Cocktails in einer guten Bar reichen.
Er wusch sich das verheulte Gesicht, zog seinen besten Anzug an und machte sich auf den Weg in die Dragon Bar, wo sich gut situierte Schwule und Heterosexuelle gleichermaßen trafen. Er setzte sich an die Theke, bestellte einen Martini und schaute zum Fernseher über dem Barkeeper, wo ein Baseballspiel live übertragen wurde.
Ein neuer Gast setzte sich neben ihn. Er warf seinen schicken, hellen Trenchcoat über die Lehne des Hockers, öffnete den Knopf seiner Armani Jacke und streckte zur Entspannung seine Arme, wobei eine sündhaft teure Patek Philippe Uhr sichtbar wurde. Manuel hatte ihn in Sekundenschnelle taxiert, er hatte einen untrüglichen Blick für Klasse.
Im Fernseher brachten sie einen Werbespot für die neue Lotterie, bei der zum ersten Mal ein Hauptgewinn von einer Million Dollar ausgeschüttet würde. Die Menschen an der Bar diskutierten, was sie alles mit so viel Geld anfangen würden, ein Haus kaufen, einen geilen Ferrari oder doch erst einmal ein Urlaub in der Karibik. Manuel beteiligte sich nicht an diesen Fantasien, er sah keine Zukunft vor sich.
Der elegante Mann an seiner Seite bemerkte Manuels miese Stimmung. Er sprach ihn an.
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