Mechthilde Böing - Septemberblau

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New York City, die Stadt die niemals schläft, der Schmelztiegel der Welt, ein Symbol der multikulturellen Vielfalt, Toleranz und des respektvollen Miteinanders. Hier treffen Menschen verschiedenster Herkunft, Rasse oder Religion aufeinander, begegnen sich flüchtig oder immer wieder, bleiben unbemerkt oder hinterlassen tiefe Spuren im Leben des Anderen. Ein Sehnsuchtsort, an dem jeder seinen individuellen Visionen hinterherjagen kann, sei es beruflicher Erfolg, Geld, Macht, Anerkennung, Ruhm oder nur ein bescheidenes Häuschen am Rande der Stadt.
So, wie es die Menschen in diesem Roman tun, die es aus diversen Gründen an diesen besonderen Ort verschlagen hat. Sie alle tragen den mehr oder minder schweren Rucksack ihrer Biografie mit sich und suchen den Einstieg in ein besseres Leben. Sie kommen aus allen Teilen der Welt, sind arm oder reich, legal oder illegal, mit besten Absichten auf ihrem Weg Wandelnde oder Verirrte auf dem vermeintlichen Pfad zum Gipfel der Erlösung. Sie alle folgen ihrem ganz persönlichen Traum vom Glück.
Am 11. September 2001 wird dieser Traum für sie zum Albtraum, als ein Ereignis unvorstellbaren Ausmaßes ihr aller Leben aus den Fugen geraten lässt. Ihr Schicksal hängt am seidenen Faden, der manchmal reißt und manchmal auf wundersame Weise hält. Wer diesen Tag in New York City überlebt, wird ihn nie mehr vergessen.

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Die Brautleute lachten sich an und schüttelten den Kopf.

„Danke für dein Angebot, Agustin. Wir lieben unsere Heimat und wollen es erst einmal hier probieren. Aber wer weiß, vielleicht kommen wir später darauf zurück.“

So hatten sie zunächst ernsthaft alles darangesetzt, sich in Honduras ihr Leben aufzubauen, aber Marias Gehalt als Hausmädchen und Gustavos Einnahmen als Tagelöhner reichten nicht aus, eine eigene Wohnung zu finanzieren. Sie lebten weiterhin im kleinen Haus von Marias Eltern, wo von Privatsphäre keine Rede sein konnte und die Enge an den Nerven aller Bewohner zerrte. Als sich dann auch noch Nachwuchs ankündigte, begann das Paar von einer besseren Zukunft in den reichen USA zu träumen, wo es ihnen als ehrliche, fleißige Menschen bestimmt gelingen würde, ihren Kindern eine Chance auf Bildung und einen bescheidenen Wohlstand zu bieten. Nachts lagen sie auf ihrer Matratze und malten sich aus, wie sie abends nach der Arbeit glücklich in ihr kleines, in honduranischem Blau gestrichenes Haus zurückkehrten und die Kinder ihnen fröhlich entgegenliefen, um von ihrem aufregenden Tag in der Schule zu erzählen. Am Wochenende würden sie sich mit Agustin und weiteren Freunden aus der Heimat in einem Park zu einem Picknick treffen und ihr Glück kaum fassen können, so ein schönes Leben zu führen.

Baby Carolina kam gesund zur Welt und entwickelte sich prächtig. Schon bald reichte ihr die Milch ihrer Mutter nicht mehr und sie bestand mit Nachdruck auf ihrem Recht auf feste Nahrung und Kleidung. Maria verlor bald darauf ihre Arbeit, als der Ehemann ihrer Chefin ins Ausland versetzt wurde, und es gab wenig Hoffnung auf neue.

Der Zeitpunkt war gekommen, eine Entscheidung zu treffen. Agustin schickte im nächsten Monat zweitausend Dollar extra, um ihnen die lange Reise mit dem Kleinkind möglichst unter Zuhilfenahme von Transportmitteln zu ermöglichen. Mit klopfendem Herzen und vielen Tränen verabschiedeten sie sich von ihren Familien und ihrer Heimatstadt, denn sie wussten, es würde wahrscheinlich ein Abschied für immer sein.

Auf ihrer Flucht vor der Armut, die sie sich selbst innerlich als aufregendes, riesiges Abenteuer verkauften, war zunächst alles gut gegangen. Sie erreichten den Süden Mexikos mithilfe einiger freundlicher Menschen, die sie mit Rat und Tat unterstützten und sie vor habgierigen Menschenausbeutern warnten. Auf dem Weg in die Grenzregion im Norden wurde das Unterfangen fühlbar gefährlicher. Jeder, der ihnen Unterkunft oder Auskunft gewährte, verlangte eine horrende Summe für seinen Dienst. Das Geschäft mit der Angst und Unwissenheit der illegalen Emigranten, die überwiegend aus ländlichen Regionen stammten und ihren Gegenübern schutzlos ausgeliefert waren, blühte und wurde in der Zwischenzeit von mafiaähnlichen Organisationen kontrolliert. Gustavo, der in den Straßen Tegucigalpas in die Lehre gegangen war, ließ sich nicht so schnell einschüchtern. Er suchte gezielt Informationen von einfachen Leuten in kleinen Läden oder auf Baustellen, um den skrupellosesten Kriminellen an den üblichen Anlaufstellen aus dem Weg zu gehen. So bekam er auch den Namen eines Schleusers, der sie zusammen mit etwa zehn weiteren Ausreisewilligen durch unwirtliches, aber für gesunde Fußgänger in vier Tagen machbares Gebiet auf die andere Seite des Zaunes in Arizona bringen würde.

Als sie den Marsch durch die mexikanische Wildnis begannen, sangen Maria und Gustavo alte Volksweisen und wechselten sich ab, Carolina in einem Tuch auf dem Rücken oder vor der Brust zu transportieren. Sie genoss die Nähe ihrer Eltern und gluckste oft vor Vergnügen, wenn sie ordentlich hin- und hergeschaukelt wurde. Sie trugen außerdem einen Rucksack mit ihren wenigen Habseligkeiten und Proviant, der für ca. eine Woche reichte, wenn sie sich auf das Nötigste beschränkten. Der Schleuser hatte offensichtlich Kontakt mit lokalen Bauern, die an bestimmten Punkten Wasserbehälter versteckten, die die Gruppe entlang der Strecke vor Dehydrierung bewahrten.

Sie erreichten den Grenzzaun in einer klaren Nacht im September 1990. Die Sterne standen hoch am Himmel und der Mond schien sichelförmig auf sie herabzulächeln. Der Schleuser schnitt mit einer Drahtschere ein kleines Loch in den Maschendraht und verschwand lautlos auf dem Weg, den sie gekommen waren. Carolina fing an zu weinen, denn die Aufregung der Menschen um sie herum übertrug sich auf die Kleine. Gustavo versuchte sie zu beruhigen, schaffte es aber nicht. Maria nahm das Baby in ihre Arme, gab Gustavo den Rucksack und wies ihn an, als erster von ihnen durch den Zaun zu kriechen. Sie kümmerte sich derweil um das Kind.

Plötzlich gleißendes Licht. Riesige Scheinwerfer schweiften über sie hinweg und sie hörten lautes Hundegebell auf sich zukommen. Maria wickelte Carolina fest ein und reichte sie durch das Loch. Dann kroch sie selbst auf den Boden und schob sich durch die kleine Öffnung. Ihr langer Zopf verfing sich in den Zacken des zerschnittenen Drahtes. Verzweifelt versuchte sie sich zu befreien. Sie schaffte es nicht. Gustavo wollte zurücklaufen, um ihr zu helfen, aber sie schrie ihn an,

„Renn, renn, wir sehen uns in Nogales in der Kirche. Ich liebe dich.“

Dann erfasste sie ein fixer, greller Scheinwerferstrahl und zwei massige Grenzpolizisten in voller Montur mit Knüppeln und Pistolen liefen direkt auf sie zu.

Das war das letzte Mal, dass Gustavo Maria in seinem Leben gesehen hatte. Auch ihre Familie hatte nie mehr von ihr gehört. Ihre Spur verlor sich irgendwo in Mexikos Grenzstadt Sonoyta, wohin man sie zusammen mit vielen weiteren Unglücklichen mit einem Transportbus brachte, nachdem man sie wegen illegalen Grenzübertritts verurteilt hatte und mit zwanzig Jahren Gefängnis bedrohte, sollte sie einen weiteren Versuch unternehmen, in das Gebiet der USA einzudringen.

Einheimische vermuteten, dass sie einem Menschenhändlerring zum Opfer gefallen war, der deportierte Frauen bereits am Busbahnhof abfing, ihnen ihre Ausweispapiere nahm und sie zur Prostitution zwang. Die Opfer wurden unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und geschlagen, bis sie willenlos ihr Schicksal annahmen oder, wenn sie sich als unbeherrschbar erwiesen, einfach ermordet und irgendwo in der Wildnis verscharrt wurden. So wie Gustavo seine Frau einschätzte, war die zweite Variante die wahrscheinlichere. Er konnte nur hoffen, dass sie ihren Frieden gefunden hatte, jeder andere Gedanke verbot sich wie von selbst. Seinen hatten sie ihm für immer genommen.

Gustavo hatte wochenlang auf Maria an der Kirche zum Heiligen Herzen in Nogales gewartet, ständig auf der Hut vor der Polizei oder Grenzbeamten, die auch ihn ohne Aufhebens nach Mexiko deportiert hätten. Er achtete darauf, gut und sauber gekleidet zu sein und allen Menschen freundlich zu begegnen. Agustin hatte ihm über Mittelsmänner mehr Geld zukommen lassen, damit er sich und Carolina versorgen konnte. Er hatte auch Kontakte nach Mexiko geknüpft, um mehr über Marias Schicksal zu erfahren. Aber alle Anstrengungen hatten nichts bewirkt. Maria war und blieb verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Schließlich ließ sich Gustavo dazu überreden, zu Agustin nach New York zu kommen. Maria kannte die Adresse ihres Bruders und würde sicher bei ihm auftauchen, sollte sie jemals den Weg in die USA finden. Ansonsten gab es das Haus ihrer Eltern als festen Anlaufpunkt. In Honduras vertrauten die Verwandten auf den Willen Gottes und beteten täglich für Marias Wohlergehen und irgendwann, als sie still die Hoffnung auf ein Wiedersehen aufgegeben hatten, für ihre Seele, die sie unbedingt im Himmel wähnten.

Carolina stürmte zur Tür herein und zeigte sich in ihrem neuen weißen Kleidchen, das sie mit Olivia nach vielem Hin und Her ausgesucht hatte, denn sie wollte das schönste Blumenmädchen aller Zeiten sein. Ihre Ähnlichkeit mit Maria war frappierend und manches Mal fiel es Gustavo schwer, ihren Anblick zu ertragen, auch wenn er sie über alle Maßen liebte. Es machte die Sache auch für Olivia nicht leichter, die sich ständig im Wettbewerb fühlte mit dieser unerreichbaren, idealisierten Frau und Mutter, die überall wie ein wortloser Schatten neben sie trat. Nur viel guter Wille aller Beteiligten, gepaart mit Carolinas Unbedarftheit und sonnigem Gemüt, machten das Zusammenleben der neuen Familie möglich.

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