1 ...7 8 9 11 12 13 ...19 Luca mied den direkten Kontakt zu mir und verschwand irgendwann zu später Stunde mit La Bella im Zelt. Ich fand einen Schlafplatz bei zwei lustigen Jungs, die nach jeder Menge Alkohol schon bald in Tiefschlaf fielen. Ich machte kein Auge zu und schlich mich gleich nach Sonnenaufgang still und heimlich davon. Ich wollte, ich könnte sagen, ich habe doch nichts Unrechtes getan. Ich bin unter außergewöhnlichen Umständen auf eine Party gefahren zu fröhlichen Menschen, die im Schnitt ca. 15 Jahre jünger waren als ich. Was war dabei?
Ich hatte in dieser Nacht schon genug Federn gelassen. Wenn ich nicht jeden Respekt vor mir selber verlieren wollte, musste ich mir wenigstens ehrlich eingestehen, dass diese Aktion, sorry, total Scheiße war. Luca schrieb nachmittags eine kurze Nachricht, dass sie mich vermisst hätten und ob ich gut heim gekommen sei. Als wir uns dann beruflich wieder gesehen haben, wurde die Grillparty nicht erwähnt, als wäre nichts geschehen. Ist denn überhaupt außerhalb meines Kopfes etwas geschehen? Es scheint nicht so, denn zwei Monate später, habe ich noch eins draufgesetzt.
Wir hatten eine ganztägige Firmenveranstaltung. Mir war klar, dass es ein geschäftliches Meeting war. Doch warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? Wenn es um mein Unglück geht, kann ich ziemlich hartnäckig sein. Es ist nicht verboten, sich in der Geschäftswelt mit all seinen Vorteilen zu präsentieren. Kompetent, positiv, weiblich und vielleicht eine kleine Spur sexy. Ich zielte nicht darauf ab, Luca „rum zu kriegen“. Ich wähnte ihn eigentlich verloren, aber ich spielte mit meinen Reizen und es machte mir Spaß. Und vor allem bot sich hier die Gelegenheit, mir nach meiner Erniedrigung etwas zu beweisen. Es war einer der Tage, an denen alles stimmt. Man steht am Morgen mit dem richtigen Fuß auf. In dieser Stimmung fühlte ich mich unwiderstehlich und genau das war ich dann auch. Am Ende des Tages landeten wir genau in dem Zelt, in dem er zwei Monate vorher mit einer anderen verschwunden war. Ging es mir danach besser? Nein. Ich hatte gesprüht vor Charme, aber anstelle mir selbst genug zu sein, habe ich mich wieder dem Löwen zum Fraß vorgeworfen. Letztendlich war ich diejenige, die alles gegeben hatte und es fühlte sich am Tag danach genauso an, nämlich einfach nur leer.
Sie war ein braves Kind. Ein stilles Mädchen, das sich über jede Aufmerksamkeit freute, die man ihr zu teil werden ließ. Ihre älteren Brüder hatten nicht viel Interesse an ihrer Schwester und der Altersunterschied zu meinen älteren Töchtern war zu groß, als dass sie als Spielkameradinnen in Frage gekommen wären. Obwohl Johanna ständig von Menschen umgeben war, musste sie sich alleine beschäftigen. Sie war da, aber doch nie wirklich beachtet. Ich hatte mit dem Haushalt, meinen Söhnen oder auf dem Hof zu tun und versorgte meine Tochter mit allem, was sie brauchte. Essen, Trinken, Kleidung, Spielsachen. Mehr war mir einfach nicht möglich. Ich habe versucht, sie nicht sehen zu müssen und mit ihr meine eigene Schwäche und meine Schuld.
Johanna - Suche nach neuen Erfahrungen
Mein Mann war weg und die Geschichte mit dem Liebhaber lief auch nicht sonderlich gut. Das Thema Beziehung hatte ich erfolgreich vermasselt und so wendete ich mich fast gezwungenermaßen einem anderen Thema in meinem Leben zu. Da war unter anderem meine Wohnsituation, an der ich über kurz oder lang etwas ändern musste. Ich hatte ein großes Haus mit einem noch größeren Garten. Das alles kostete Geld und machte jede Menge Arbeit. Ich verdiente nicht schlecht, doch ich wollte nicht nur zur Arbeit gehen, um die Erhaltungskosten für ein Haus abzudecken. Da gab es allerlei Ideen in meinem Kopf. Von Wohngemeinschaft bis hin zum Umbau in ein Café ließ ich nichts aus.
Der Plan mit dem Café gefiel mir immer besser und ich sah mich schon strahlend die Eröffnungsrede halten. Es sollte ein Platz zum Wohlfühlen werden, mit Leseecke, gemütlicher Wohnraumatmosphäre und kleinen romantischen Tischchen zwischen den Blumenbeeten in meinem Garten. Und natürlich mit dem weltbesten Kuchen. Denn Backen kann ich und vor allem weiß ich, wie ein guter Kuchen zu schmecken hat. Ich fragte mich oft, ob die Cafébetreiber eigentlich gerne bei sich selbst zu Gast wären oder ob sie nicht lieber woanders hingingen, nachdem sie ihre eigene Ware gekostet hatten. Bei mir würde alles stimmen, das Ambiente, der Service und die Qualität. Bedenken in Bezug auf Vorschriften, Konzessionen, Kosten und alles, was sonst noch an Unannehmlichkeiten mit so einer Unternehmung verbunden ist, verschob ich auf später. Aber ich wollte auch keine naive Träumerin sein und auf alle Fälle etwas tun, um meinem Ziel einen Schritt näher zu kommen. Ich hatte keinerlei Erfahrung in der Gastronomie und deshalb beschloss ich, das jetzt nachzuholen.
Im letzten Jahr war ich auf eine Berghütte eingeladen worden, um dort Geburtstag zu feiern. Das könnte der perfekte Ort sein, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ich liebe es auf dem Berg zu sein und ich könnte gleichzeitig Erfahrungen im Gastgewerbe sammeln. Da gab es nichts mehr zu überlegen! Ich spazierte an einem Sonntagvormittag auf die Alm, um zu fragen, ob eine Aushilfe gebraucht würde. Ich bin immer wieder erstaunt, wie einfach die Dinge sind, wenn etwas stimmig und richtig ist. Es waren jede Menge Gäste da, die am Vortag hier eine Hochzeit gefeiert hatten und jetzt ihr spätes Frühstück genossen. Hier war eine ganz besondere Atmosphäre. Der Charme einer Alm gepaart mit gutem Essen und einem sensationellen Ausblick. Das Konzept stimmte und das Geschäft brummte. Vor dem Haus gab es noch einen kurzen Moment des Zögerns, doch was hatte ich schon zu verlieren. Hinter der Schenke bediente eine Frau gerade die Kaffeemaschine. Mit wenigen Worten erklärte ich ihr mein Anliegen. Dass ich unglücklich mit meiner Lebenssituation sei, neue Erfahrungen machen möchte und deshalb fragen wollte, ob sie eine Aushilfe für die Wochenenden bräuchten. Wir hatten den richtigen Draht zueinander. Kurzum, ich sollte ihr Bescheid geben, wann ich Zeit hätte, dann könnten wir es beide ausprobieren. Sie könnte mir nicht viel zahlen und ja, sie kannte die Lebensphase der Neuorientierung. Sie selbst sei genauso hier gelandet. Das war es schon und innerhalb von zehn Minuten hatte ich einen Job als Küchenhilfe, Servicekraft und Zimmermädchen. Es war ein Knochenjob und es machte einen Riesenspaß. Ich hatte tolle Kollegen und innerhalb kürzester Zeit das Gefühl, schon immer dazu zu gehören. Zu den Stoßzeiten arbeiteten wir wirklich hart. Wenn der Ansturm nachließ, spülten wir singend das Geschirr und putzten tanzend die Küche. Natürlich hat es auch dort „gemenschelt" und es kam zu dem ein oder anderen Zusammenstoß. Wie in so vielen Betrieben wurde bei Pannen nicht nach Lösungen gesucht, sondern zunächst die Schuldfrage geklärt. Der eine fühlte sich übervorteilt und der nächste wollte seine eigenen Vorstellungen durchsetzen. Der ganz normale Wahnsinn, wie überall, wo verschiedene Menschen zusammenkommen. Doch wir alle hatten eines gemeinsam, wir liebten die Alm und die Vorstellung, unseren Gästen diese Liebe weiterzugeben. Wir alle waren trotz Jammern und Schimpfen überzeugt davon, den besten Arbeitsplatz der Welt zu haben. Ich hatte anfangs geplant, einmal im Monat ein Wochenende zu arbeiten. Immerhin hatte ich während der Woche einen Fulltimejob, von Haushalt und Garten gar nicht zu reden. Ich war so gerne dort auf dem Berg und unter diesen Menschen, dass ich bald jedes zweite Wochenende oben war. Die Hütte war über Monate mit Hochzeiten und Geburtstagsfeiern ausgebucht. Während der Woche diente sie Unternehmen für Seminare und Fortbildungen.
Leider sollte es nur eine Sommerliebe bleiben. Der Besitzer des Hauses freute sich zwar über die gute Auslastung, doch er war unzufrieden mit der Rendite und wollte Vorschläge hören, wo Potenzial bestünde, um sparen zu können und seine Gewinne zu maximieren. Da ich ja von der betriebswirtschaftlichen Seite kam, stellte ich des Öfteren Fragen zu den administrativen Arbeitsabläufen und den praktizierten Kontrollinstrumenten der Finanzwirtschaft. Wir führten einige Gespräche dahingehend und ich erhielt auch Einblick in die Geschäftsbücher. Ich bin wahrlich kein Experte, doch ich merkte schnell, dass ich im nächsten Chaosbetrieb gelandet war. Cordula, die Geschäftsführerin und gute Seele des Hauses, hatte gute Arbeit geleistet und die Rückmeldungen der Gäste sprachen für sich. Doch dies reichte dem Inhaber nicht. Im Laufe der Zeit hatten sich die Ideale des Hüttenwirts verändert. Aus der ursprünglichen Idee eines gemütlichen Rückzugortes in den Bergen war eine Goldgrube geworden. Es stand ein Umbruch an und hinzukam, dass Cordula schwanger war. Man fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, ihre Nachfolge anzutreten. Dadurch dass ich hautnah miterleben konnte, mit welchen Problemen unsere Chefin zu kämpfen hatte, war ich sehr skeptisch, ob das eine gute Idee wäre. Doch allem voran traute ich es mir schlicht und ergreifend nicht zu. Und so endete mein Ausflug in die Gastronomie mit meiner letzten Schicht an Silvester. Es war nicht offiziell so geplant, doch die Unstimmigkeiten in der Führung des Hauses übertrugen sich auch auf uns Mitarbeiter und das eingeschworene Team zerfiel. Ich habe von zu Hause aus noch ein paar Stunden an Auswertungen und Tabellen gearbeitet, doch mit Abschluss dieser Tätigkeit war dann endgültig Schluss.
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