In einer anderen Szene kann ich seine Stimme hören, nein, nicht wirklich hören, aber ich weiß die Worte, die er gesprochen hat. Es war an dem Tag, an dem mein älterer Bruder verunglückte. Er hatte einen Unfall mit dem Motorrad ganz in der Nähe unseres Elternhauses. Wir alle waren am Unglücksort und er wurde mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Nach vielen Stunden im Operationssaal kam dann gegen Mitternacht der Anruf. Mein Vater kam in das dunkle Zimmer, das ich mit meiner Schwester teilte und sagte: „Euer Bruder ist tot.“ Das war alles, er drehte sich schweigend um und ging wieder. Es wurde kein weiteres Wort darüber gesprochen. Hilflosigkeit auf der ganzen Linie.
Dann weiß ich eine Geschichte über ihn, als eine Freundin bei mir übernachtete. Wir waren ungefähr zwölf oder dreizehn Jahre alt. Der Vater meiner Freundin hatte ein Alkoholproblem und kam angetrunken zu uns, um seine Tochter abzuholen. Es gab einen Riesenkrach und mein Vater ließ meine Freundin nicht zu ihrem Vater ins Auto steigen. Er rief die Mutter an, sagte dass das Mädchen bei uns schlafen würde und er sie morgen zu ihr nach Hause bringen würde. Da war er mein absoluter Held.
Weiter kann ich mich erinnern, dass ich in der siebten Klasse wegen Latein und Englisch durchgefallen war. Mein Vater fuhr am ersten Schultag nach den Ferien kommentarlos mit mir zum Gymnasium, meldete mich ab und brachte mich zur Realschule, wo ich zukünftig weiter zur Schule gehen würde. Kein Geschimpfe, keine Vorwürfe, keine Fragen, wieso ich plötzlich so schlecht in der Schule war und schon gleich gar nicht, was ich denn eigentlich wollte. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich gehört worden wäre, wenn ich den Mund aufgemacht hätte. Heute habe ich großes Verständnis für das ungewollte, missbrauchte Mädchen, das gerade den Bruder verloren hatte und bin voller Mitgefühl für den vollkommen überforderten Vater.
Bei meiner nächsten Erinnerung war ich dann schon 18 Jahre alt und hatte einen Freund. Ich kann mich nicht mehr an den Auslöser erinnern, aber mein Vater hat sich über den jungen Mann furchtbar aufgeregt und ihn mit allen möglichen Kraftwörtern bedacht. Mich beschimpfte er, mit welchem Nichtsnutz und Tagedieb ich mich da abgebe. Seine Wortwahl kam aus der untersten Schublade und hatte ich als Kind noch so etwas wie Loyalität ihm gegenüber verspürt, war damit jetzt Schluss. Nach dieser Schimpftirade empfand ich nur noch Verachtung für ihn.
Die letzten Erinnerungen sind aus der Zeit, als seine Krebserkrankung schon im Endstadium war. Er hat über nichts anderes mehr gesprochen, als seine Kriegserlebnisse. Sein ganzes Leben war nur noch Krieg. Schließlich habe ich noch das Bild von ihm im Krankenhaus vor Augen. Er war nur noch selten bei Bewusstsein, immer dann, wenn die Wirkung des Morphiums nachließ und er eine neue Dosis brauchte. Ich stand an seinem Krankenbett und er war furchtbar unruhig, wollte sich von seinem Katheter befreien und dabei war die Bettdecke verrutscht. Da bemerkte er, dass ich an seinem Bett stand. Ein Moment des entblößt Seins, nackt und voller Scham. Es war das letzte Mal, dass wir uns bewusst gesehen haben. Ich war 22 Jahre alt und es liegt jetzt mehr als 20 Jahre zurück. Er war ein gut aussehender, stattlicher Mann gewesen. Aus Erzählungen von meinen Geschwistern und Verwandten weiß ich, dass er immer sehr gerne gefeiert hat. Er muss durchaus ein lebensfroher Mensch gewesen sein. Warum habe ich keine Erinnerung an sein Lachen oder dass er mich im Arm gehalten, sich für mich interessiert hätte. Und auch nicht das Gefühl, dass sein Leben etwas mit mir zu tun gehabt hatte.
Ich kannte das System der Familienaufstellung schon. Die Suche nach Antworten auf ungeklärte Fragen. Die Hoffnung auf Informationen und Verständnis warum das Leben so ist wie es ist. Das Aussuchen von Platzhaltern für die verschiedenen Rollen und Personen einer Situation. Das langsame Herantasten an eine gestellte Frage, indem man den Impulsen und Gefühlen der Rolleninhaber nachgeht. So würde ich das sehr laienhaft beschreiben. Wer schon einmal an einer Aufstellung teilgenommen hat, der weiß, wie tief man in manchen Rollen fühlen kann. Bevor ich von der Aufstellung erzähle, möchte ich hier sagen, dass ich nach wie vor glaube, dass es ein sehr gutes Werkzeug ist, um zu neuen Sichtweisen auf vergangene Erlebnisse zu gelangen. Aber alles, was zum Vorschein kommt, wird interpretiert und unterliegt dem Filter aller Beteiligten. Angefangen von den Formulierungen und den Worten, die jemand beim Beschreiben seiner Befindlichkeit findet, bis hin zur Wahrnehmung und Interpretation des Moderators. In meinem Fall muss ich mich auch fragen, in wie weit ein Ergebnis durch das beeinflusst werden kann, was derjenige, für den man die Aufstellung macht, an Überzeugungen und Erwartungen mitbringt. An meinen Worten kann man schon erkennen, dass der Ausgang meiner Familienaufstellung jede Menge Material für neue Fragen, Zweifel, aber auch Erklärungen mit sich brachte.
Mein Anliegen war also die Klärung des Verhältnisses zu meinem Vater. Wer oder was war er? Ich hatte Platzhalter für mich und meine Eltern ausgesucht. Das Szenario, das sich mir zeigte, war mir wohl bekannt und fühlte sich sehr echt an. Mein kleines Selbst saß in der Ecke und weinte bitterlich, die Eltern standen so weit wie möglich voneinander entfernt und in entgegengesetzte Richtungen blickend. Es war heftig, die eigene traurige Wahrheit vorgespielt zu bekommen. Ich möchte nicht ins Detail gehen. Ende des Liedes war, dass ich irgendwann in meine Rolle einstieg, am Boden kauerte und zu meinem Vater hochschaute. Ich hab ihm in die Augen gesehen und gefragt „Bist du denn mein Vater?“. Er hat total verwirrt geschaut und ich sah, dass er die Frage gar nicht wirklich erfassen konnte, so unglaublich musste sie ihm erschienen sein. Zeitgleich brach meine Mutter in Tränen aus und schluchzte laut heraus, dass die Wahrheit nun endlich ans Licht gekommen sei. Wenn ich mich an diesen Moment erinnere, hatte ich vor allem ein Gefühl der Erleichterung. Endlich hatte ich eine Erklärung für meine Traurigkeit, für mein Gefühl nicht dazu zu gehören. Ich weiß nicht, wie viele Gedanken mir zeitgleich durch den Kopf schossen, aber vorherrschend war diese Erleichterung, endlich zu verstehen.
Unser Seminar war zu Ende und ich musste mit dieser neu gewonnenen Erkenntnis allein nach Hause gehen. Mein Gehirn erholte sich langsam aus einer ersten Schockstarre und allmählich sickerten die ersten Fragen in mein Bewusstsein. Wer war dann mein leiblicher Vater? Mein Gott, was bedeutet das für die Beziehung zu meinen Geschwistern? Es kam mir sogar in den Sinn, ob mein Erbe dann noch rechtmäßig war. Das war der Moment, an dem ich lachen konnte über die eigenartige Situation, in die ich mich schon wieder manövriert hatte. Und auch über meine ausschweifende Fantasie, die wieder mit mir durchging.
Ich musste dringend mit jemandem darüber sprechen und beschloss meinen Kindern davon zu erzählen. Es muss mir wirklich ein Bedürfnis gewesen sein, denn sie hatten mich schon oft belächelt, wenn es um übersinnliche und spirituelle Themen ging. Ich telefonierte also mit meiner Tochter und ihr erster trockener Kommentar dazu war: „Oma, du kleines Luder!“. Soviel zu meiner Tochter. Lilly ist herrlich direkt und bringt die Dinge oft ohne großes Trara auf den Punkt. Ganz sachlich diskutierte sie mit mir die Wahrscheinlichkeit, ob es tatsächlich wahr sein könnte. Die Reaktion meines Sohnes war ähnlich pragmatisch. Er meinte, er hätte sich diese Frage auch schon öfter gestellt, also in Bezug auf seinen Vater. Die konnte ich ihm nun persönlich beantworten und bestätigen, was mir mit meinen Eltern leider nicht mehr möglich war. Mein Sohn führte das Ergebnis der Familienaufstellung auf meine fehlende Bindung zu meinem Vater zurück. Es war sehr interessant, die Einstellung meiner Kinder dazu zu hören und ohne Gefühlsduselei mit ihnen darüber zu sprechen. Aber das war noch nicht ausreichend, ich brauchte noch mehr Meinungen und Sichtweisen dazu. Irgendwie wollte ich, dass es die Wahrheit sei, weil es mir vieles leichter machte. Es tut immer gut, wenn man etwas oder jemandem die Schuld oder Verantwortung für Dinge geben kann, die im Leben nicht gut laufen. Doch es gab auch jede Menge Zweifel in mir und deshalb lud ich vier Freunde zum Abendessen ein und erzählte die Geschichte. Ich war in einer seltsamen Stimmung. Sie dachten, sie kämen einfach zu einem netten Abendessen, doch ich fühlte diese Erregung in mir, die man verspürt, wenn man eine Sensation zu verkünden hat. Der Widerhall auf das Gehörte war aber nicht wie nach einer tollen Freudenbotschaft, sondern meine Freunde zeigten mir mit ihren Fragen meine eigenen Zweifel auf. Das war irgendwie enttäuschend. Sie brachten mich zurück auf den Boden der Tatsachen und das bedeutete, dass es zu viele Ungewissheiten gab. Wollte ich tatsächlich Bescheid wissen, würde ich um einen DNA Test mit meinen Geschwistern nicht herum kommen. Damit ließ ich das Thema zunächst auf sich beruhen.
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