1 ...8 9 10 12 13 14 ...19 Während all dieser Monate auf der Alm kam zwar zusätzliches Geld rein, aber es hatte sich ja letztendlich nichts an meiner ursprünglichen Lage geändert. Die Sorge, dass die Kosten für das Haus all meine Einnahmen auffressen könnten, blieb bestehen. Ich hatte keinerlei Ersparnisse und bei der kleinsten Reparaturmaßnahme würde ich ins Straucheln geraten. Die Café-Idee war nicht gestorben, aber ich musste erkennen, dass sie nicht so schnell umzusetzen war.
Also zurück zur Ausgangssituation. Ich hatte Wohnraum übrig und brauchte zusätzliche Einnahmen. Was also lag näher, als mir einen Mitbewohner zu suchen. Ich wusste von meinen Kindern, dass es im Internet ein Portal „WG gesucht“ gibt und hatte mich schon früher durch die Seite geklickt, um zu sehen, was die Leute so anbieten. Auch hier bewahrheitete sich wieder, dass sich Dinge wunderbar ineinander fügen, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Ich musste mir nicht einmal die Arbeit machen und ein Angebot schreiben, weil ich in den Gesuchen genau das fand, was ich wollte. Ich holte mir Musik ins Haus. Ein junger Mann aus Tschechien, der in Bremen Musik studiert hatte, und jetzt an der hiesigen Musikschule als Gitarrenlehrer arbeitete. Sein Aufenthalt hier war zeitlich begrenzt, weshalb er ein möbliertes Zimmer suchte. Das passte mir gut. So konnte ich das WG-Leben ausprobieren und wenn es mir nicht gefallen würde, musste ich keine unangenehme Kündigung aussprechen, sondern einfach die Zeit abwarten.
Die Chemie stimmte auf Anhieb und entsprechend gut kamen wir miteinander klar. Ich liebte die Gitarrenklänge im Haus. Von oben die feinen Töne der klassischen Gitarre und aus dem Keller das kraftvolle, harte Spiel der E-Gitarre. Ich kam auch des Öfteren in den Genuss seiner Kochkünste und so sah ich über die manchmal unaufgeräumte Küche hinweg. Es war schön, wieder jemanden im Haus zu haben und dabei doch für mich bleiben zu können.
So verging die Zeit und mein eheliches Trennungsjahr war wie im Flug vorbei. Mein Mann hatte schon seit längerem eine Freundin. Ich kann mir die boshafte Bemerkung nicht verkneifen, dass er ja dann wieder versorgt war. Andererseits erleichterte es meine Schuldgefühle ungemein. Ich hatte ihm wehgetan und hoffte, die Frau würde ihm über seinen Schmerz hinweghelfen. Ich wünschte mir für uns beide, dass er mit seiner neuen Partnerin glücklich wäre. Zudem muss ich gestehen, dass ich auch gerne in mein altes Fahrwasser zurückgekehrt wäre, hätte meine italienische Affäre das zugelassen. War es einfach Glück, dass ich mir eine eher unkonventionelle Verbindung ausgesucht hatte, die kein Alltagsleben in Aussicht stellte? Oder hatte ich mir genau diese Situation geschaffen, weil ich mir sicher sein konnte, dass Luca kein Potential für eine wirkliche Beziehung hatte. Mein Noch-Ehemann wollte auf alle Fälle unsere Ehe so bald wie möglich offiziell beenden. Finanziell hatten wir uns darauf geeinigt, dass wir auf alle gegenseitigen Ansprüche verzichten würden. Jeder behielt sein Eigentum. Eine notarielle Beurkundung hatte das ganze Verfahren zeitlich wesentlich vereinfacht. Und nach Ablauf der vorgeschriebenen Trennungszeit habe ich sehr schnell die Vorladung zum Scheidungstermin erhalten. Das war wieder einer dieser Augenblicke, an dem die Dinge unaufhaltsam konkret wurden. Ich wusste, dass der Zeitpunkt kommen wird, war überzeugt davon, die richtigen Schritte zu tun und trotzdem versetzte es mir einen Stich, als es greifbar wurde.
Wir hatten uns fast auf den Tag 18 Jahre vor dem Termin beim Scheidungsrichter kennen gelernt. Es war Fasching und ich war mit einem die freie Liebe propagierenden Musiker liiert, der mir kurz vor unserer Abendverabredung mitgeteilt hatte, dass ihm etwas dazwischen gekommen sei. Ich war wütend und enttäuscht darüber und in einer Trotzreaktion entschloss ich mich, diese Gefühle auch auszuleben. Ich wollte ausgehen und ich entschied mich für eine Faschingsparty in einer Kneipe, in der ich schon als junge Frau unterwegs gewesen war. Anfangs war es ziemlich öde, ich kannte ein paar Leute, aber sie standen nur rum und tranken an ihrem Bier aus der Flasche. Die Stimmung war ganz und gar nicht das, wonach ich suchte. Meine Wut war verraucht und hatte sich in Selbstmitleid verwandelt. Ich fühlte mich schlecht und wollte nach Hause, um mich zu verkriechen. Auf dem Weg nach draußen, traf ich eine alte Bekannte. Sie freute sich total mich zu sehen und fragte erst gar nicht, ob ich nicht noch bleiben wollte. Sie hakte mich unter und zog mich zurück in die Bar. Sie überfiel mich mit Fragen und wollte im Grunde gar keine Antworten hören. Sie war in Begleitung von zwei Männern gekommen. Einer von ihnen sollte dann später mein zweiter Ehemann werden.
Wir waren uns vor diesem Abend noch nie begegnet, hatten aber schon voneinander gehört, weil wir seit Jahren gemeinsame Freunde hatten. Es gab nicht viel zu sagen. Es war auf mysteriöse Weise klar, dass wir gemeinsam etwas zu erledigen hatten. Ich fand ihn damals toll. Er war gerade aus den USA zurückgekommen, wo er studiert hatte. Er war voller Ideen und Zukunftspläne und hatte gerade einen Job in London angeboten bekommen. Der Mann verkörperte für mich all das, was ich mir erträumt und nicht auf die Reihe bekommen hatte. Ich war fasziniert von der Mischung aus weltoffen und doch heimatverbunden. Er kam aus einer alteingesessenen Familie in einer kleinen Stadt und war sehr stolz darauf. Es schlugen zwei Herzen in ihm. Das eine für die Abenteuerlust und dafür, die Welt zu erobern. Das andere hielt ihn zurück und band ihn an seine Familie und vor allem an die Werte, die man ihm vermittelt hatte. Und genau diese Eigenschaften machten unsere Beziehung möglich. Ich konnte ihn für all seine Aktivitäten bewundern und hatte einen Mann an meiner Seite, der aus jeder Pore Sicherheit ausstrahlte. Er bekam eine Frau, die seine Sehnsucht nach dem Abenteuer teilte und ihm gleichzeitig alle Annehmlichkeiten eines warmen Zuhauses schuf. Dass ich zwei Kinder mitbrachte, war kein großes Thema in Bezug auf die Entscheidung, ob wir zusammen bleiben wollten, es war einfach so. Für meine Kinder war es nicht so einfach, doch vieles davon konnte oder wollte ich nicht sehen. Ich wollte überzeugt davon sein, dass es auch für meine Kinder eine Bereicherung ist, wenn dieser Mann Teil unseres Lebens wird. Ich war froh wieder jemanden zu haben. Ich war dreißig Jahre alt und mit diesem Mann an meiner Seite gehörte mir die ganze Welt.
Von unseren gemeinsamen Träumen war 18 Jahre später nichts mehr übrig geblieben. Wie unendlich traurig das ist! Ich hatte die Nase nicht nur voll von ihm, sondern ich konnte uns nicht mehr ertragen. Ich wollte meinen Weg lieber alleine weiter gehen. Nichtsdestotrotz musste ich mich am Tag vor dem Scheidungstermin in der Arbeit krank melden. Mein Körper ließ nicht zu, dass ich so tat, als wäre alles wie immer. Mein Kopf hämmerte wie verrückt. Es fühlte sich an, als wollte ich, dass es mir schlecht ging. Den Trennungsschmerz im wahrsten Sinn des Wortes fühlen und auch der Traurigkeit und den Schuldgefühlen einen Platz geben. Ich war viel zu früh am Gericht. Das war nicht schlecht, weil ich so etwas Zeit hatte, meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Ich lief Gefahr, dass ich nicht ein Wort würde sagen können, ohne in Tränen auszubrechen. Mein Noch-Ehemann und ich hatten eine gemeinsame Anwältin und weinende, sehr emotionale Frauen sind ihr bestimmt nicht fremd. Sie hatte auf alle Fälle ein Gespür dafür, dass mir nicht nach Smalltalk zumute war und sich auf Informationen über den Ablauf der „Ehe-Auflösungs-Zeremonie“ beschränkt.
Mein Mann saß als „Kläger“ mit der Anwältin auf der einen Seite des Tisches, ich alleine auf der anderen. Hätte man ihn Antragsteller genannt und hätten wir nebeneinander gesessen, hätte ich mich nicht ganz so aussätzig gefühlt. Der Richter verlas die Akte. Nach der Passage mit der gegenseitigen Verzichtserklärung auf Unterhalt, machte er ein paar Anmerkungen auf Kosten von Männern, die sich den Haushalt führen lassen und dann die Frauen ohne finanzielle Unterstützung sitzen lassen. Von meinem Mann wollte er daraufhin wissen, ob er auch so einer wäre, wobei er wohl nicht wirklich eine Antwort erwartete. Doch was für eine unerwartete Wendung! Die Tatsache, dass da jemand war, der mich nicht automatisch als die schuldhafte Ehebrecherin abstempelte, hat mir geholfen, mich besser zu fühlen. Es hat mich ein wenig abgelenkt von meinem Schmerz und mir sogar ein leises Schmunzeln entlockt.
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