Der ›Fedajin‹ hielt die Augen geschlossen und antworte nicht mehr.
»Was willst du mit ihm machen, Jack?«
Ihr Bruder blieb ein paar Sekunden grübelnd im Zimmer stehen, ehe er ihr antwortete:
»Du verwahrst doch unsere Reisemedikamente. Ich gebe ihm eine ordentliche Dosis Schlafmittel. Dann wird er nur länger schlafen als sonst, und dass, ohne gleich im Paradies aufzuwachen.«
Sally nickte und verschwand, nur um eine Minute später mit der gewünschten Ledertasche zurückzukehren.
»Nimm bitte nicht Zuviel davon«, mahnte sie ihn. »Denk an Celestes Worte, als sie uns die Tasche gepackt hat.«
Jack nickte ihr zu und löste ein wenig › Barbital ‹-Pulver 12in einem Glas auf. Dann kniete er sich neben dem Eindringling nieder. Mit der linken hielt er ihm die Nase zu und zwang ihn auf diese Weise zu trinken.
Schon wenig später tat das starke Schlafmittel seine Wirkung.
»So, mein Freund! Jetzt haben wir die nächsten zwölf Stunden Ruhe vor dir!« Er wandte sich an seine Schwester. »Ich will vorsichtshalber nachsehen, ob wir noch anderen Besuch zu erwarten haben ... Du wartest hier!«
Jack öffnete die Fensterläden ein wenig und gab sich Mühe, möglichst vollkommen geräuschlos zu sein. Nachdem er nichts Ungewöhnliches ausmachen konnte, begab er sich zum Balkon. Auch hier war nichts zu sehen. Mit schussbereiter Waffe überstieg er das Eisengitter, das seinen Balkon von dem des Nebenzimmers trennte. Nur über den zu seiner Rechten konnte der Eindringling in sein Zimmer gelangt sein – das andere zur Linken gehörte Sally.
Die Tür des Nebenraumes stand halb offen. Der leichte Nachtwind, der ein wenig Kühle vom Tigris mitbrachte, spielte mit dem Vorhang. Entschlossen schnellte Jack in den unbekannten Raum hinein und ließ sich zu Boden gleiten …
… nichts geschah!
Regungslos blieb er liegen und erwartete den Feuerstrahl eines Schusses. Dieser Schuss blieb aus. Eine Minute später kroch er zum Bett hinüber und von dort zum Bad. Diese Tür stand ebenfalls einen Spalt auf. Aber auch hier befand sich niemand.
Erst als Jack sicher war, dass er sich allein in dem Appartement befand, schloss er geräuschlos die Fensterläden, zog die Vorhänge vor und entzündete den Docht einer Petroleumlampe.
Systematisch ging er dazu über den Schrank auszuräumen. Er durchwühlte die gesamte Kleidung. Dann kamen die Koffer an die Reihe. Doch auch hier war nichts zu finden, das ihm weitergeholfen hätte.
Unschlüssig wog er das Reisenessecaire in der Hand. Rein zufällig nahm er das Rasiermesser aus dem Etui. Als er die Klinge herausklappen ließ, fiel ein kleiner Zettel heraus, der mit winzigen arabischen Zeichen bedeckt war. Mit einem grimmigen Lächeln begann er, die Zeichen zu kopieren. Dann steckte er die Vorlage wieder in den Apparat zurück, klappte die Klinge ein und legte das Etui an den alten Platz zurück.
Er öffnete die Tür zum Flur, lehnte sie leicht an und kehrte über das Geländer des Balkons wieder in sein Zimmer zurück.
»Komm! … Hilf mir, Sally«, sagte er zu seiner Schwester, während er mit seinen Armen unter die Achseln seines Angreifers packte. »Nimm die Füße … Er hat sein Zimmer nebenan. Wir legen ihn auf sein Bett.«
Seine Schwester nickte ihm stumm zu.
Zehn Minuten später hatten sie den schlafenden Eindringling unbemerkt in sein Zimmer zurückgebracht und auf das Bett gelegt. Jack hatte ihm die Fessel gelöst und ihn dann zusammen mit seiner Schwester schlafend verlassen.
»Der wird sich noch wundern und denken, alles geträumt zu haben«, schmunzelte Jack.
»Hoffen wir es, Bruderherz!«, murmelte sie. »Wir sollten noch alle Anzeichen eines Kampfes beseitigen. Es sei denn, Du hast danach Verlangen, auf dem Präsidium wieder peinlichst befragt zu werden.«
»Womöglich werde ich sogar in Schutzhaft genommen«, meinte Jack. »Ich habe nicht vor, lange hier zu bleiben. Schließlich haben wir nur zwei oder drei Tage für › Niniveh ‹ vorgesehen, ehe wir nach Babylon zurückkehren wollten. Ich werde uns schon zu schützen wissen, Sally.«
Nachdem sie alle Spuren beseitigt hatten, holte er die Kopie der Notiz hervor, die er gefunden hatte.
»Was hast du da?«, wollte seine Schwester wissen.
»Schau es dir an.«
Gemeinsam begannen sie am Sekretär, die arabischen Schriftzeichen zu entziffern. Dabei gratulierten sie sich zu ihrem › heldenhaften ‹ Studium der arabischen Sprache und der verteufelt krausen Schrift.
Als sie am Ende ihrer Übersetzung waren, verdüsterten sich ihre Gesichter.
»Wenn der Professor morgen seinen Ausflug zur ›Sargonsburg‹ macht, wird es ihm das Genick brechen«, sagte Sally erschrocken und Jack las:
›Nach Erledigung Auftrag Jack Hemsworth, sofort neuer Einsatz ›Sargonsburg‹. Punkt Steinerner Löwe, über Wildstier und Abu.‹
»Wir sollten jetzt etwas schlafen, Schwesterherz«, suchte er Sally aufzumuntern. »Morgen werden wir weitersehen. Wir werden uns dort umschauen. Vielleicht entdecken wir den Professor und dann sollen diese komischen Vögel ruhig kommen.«
Er begleitete sie in ihr Zimmer und blieb, bis sie sich hingelegt hatte. Dann huschte er in sein Appartement, kontrollierte noch einmal die Fensterläden und prüfte die Tür. Anschließend warf auch er sich aufs Bett und schlief gleich darauf ein.

Kapitel 5
Mossul,
Hotel, Gartenhaus
A
uf der Terrasse bewegten sich Bauchtänzerinnen zur Musik des kleinen Orchesters, das verborgen hinter einer Hibiskushecke saß.
Jacob Hemsworth betrachtete mit offensichtlicher Bewunderung die junge Frau, die soeben über die Terrasse des Gartenhauses herunterkam. »Da sind Sie, Miss Mabel!«
Ein paar Stufen über ihm blieb Mabel Wrightley stehen. Sie sah bezaubernd aus. Ihr Kleid war aus einem hellen Baumwollstoff. Ihre makellosen Schultern hoben sich gebräunt aus dem Dekolleté, und das dunkle Haar glänzte im Licht der zahlreichen Lampen, die die Terrasse und einen Teil des Parks erhellten.
»Hallo, Jack! Sie langweilen sich wohl?« Sie musterte ihn, dem sie gerade einmal bis zur Nasenspitze reichte.
»Jetzt nicht mehr«, sagte er lächelnd und bekam dafür von seiner Schwester, die gerade auf sie zugekommen war und seine Bemerkung vernommen hatte, einen leichten Knuff in die Seite.
»Hallo, Mabel!«, grüßte Sally die junge Frau.
»Hallo, Sally!«, gab sie zurück, wandte sich aber direkt wieder Jack zu. »Ich habe schon gestern gewusst, dass Sie frech werden würden … Aber mein Vater bestand darauf, Sie, ihre Schwester und den Professor einzuladen.«
»Umgekehrt wird ein Schuh daraus, Mabel«, korrigierte sie William Wrightley, der unbemerkt zu ihnen getreten war.
Sally schätzte ihn auf Anfang fünfzig. Sein hageres Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen und durch den langen Aufenthalt im Orient von der Sonne verbrannt. Es strahlte etwas Sympathisches aus.
Wrightley deutete mit einer Geste seiner Rechten auf die Terrasse. »Nun, Mister Hemsworth, was sagen Sie zu den Tänzerinnen? Oder ist dieses Schütteln und Zucken nichts für Sie?«
»Wenn das keinen Regen gibt, dann weiß ich nicht, welche Zaubermittel noch helfen sollen«, entgegnete er und machte deutlich, dass er dem Bauchtanz nichts abzugewinnen vermochte.
»Ich finde es himmlisch!«, gab sich Mabel backfischhaft und brachte damit Sally unweigerlich zum Schmunzeln.
»Seien Sie ein Gentleman, Mister Hemsworth und achten ein wenig auf meine Tochter, während Sie dem Bauchtanz zuschaut«, bat Wrightley. »Ich muss zum Professor, damit die lieben Gäste nicht denken, ich sei ein Banause, der nichts von Kunst im Allgemeinen und von Archäologie im Besonderen hält.« Er bot Sally seinen Arm an. »Wenn Sie mich begleiten mögen, Miss Hemsworth.«
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