Nicht schlecht, die Kleine , dachte Jack und blinzelte zu ihr hinüber.
Seiner Schwester war der Blickkontakt nicht entgangen. Ein verschmitztes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Sie wussten beide, dass es sich um Mabel Wrightley und ihren Vater handelte, ein Landsmann und reicher Industrieller. Die beiden hatten sich am Morgen zu ihnen an den Frühstückstisch gesellt. So hatten sie erfahren, dass er mit seiner Tochter schon seit Wochen den Orient bereiste und sie Appartements auf demselben Flur im ersten Stock bewohnten.
Mabel warf energisch ihren Kopf in den Nacken und schien auf einmal nur Augen für ein großes, farbenprächtiges Mosaik zu haben, das neben der kleinen Varietébühne der Bar in die Wand eingelassen war.
Es stellte die geschickte Nachbildung des Reliefs ›Assurnasirpal II. auf der Jagd‹ dar. Das Original des Kunstwerkes war vor einigen Jahren in ›Niniveh‹ ausgegraben worden und stammte aus dem 9. Jahrhundert vor der Zeitwende. Der königliche Schütze hatte seinen Bogen auf einen Löwen angelegt.
Als der Professor seinem Lebensretter zutrinken wollte, stieß Mabel Wrightley plötzlich einen gellenden Schrei aus.
Sally, Jack und Atkins erstarrten in ihrer Bewegung.
Sie sahen, wie die junge Frau mit weit aufgerissenen Augen entsetzt und mit ausgestrecktem Arm auf den Bogenschützen zeigte.
Blitzschnell folgte Jack der angezeigten Richtung. Er erfasste als erster, dass das überlebensgroße Auge des Bogenschützen lebte, und dass sich durch dessen Mund ein Gegenstand schob. Er schimmerte metallen im flirrenden Licht der kristallenen Kerzenleuchter. Es war die kreisrunde Mündung eines Revolvers.
Mit einem harten Ruck riss Jack den Professor und seine Schwester mit sich. Sie kippten von den Barhockern und stürzten zu Boden und die Gläser zersprangen.
In der fallenden Bewegung konnte man erkennen, wie aus der Mündung eine Kugel auf ihre tödliche Bahn geschickt wurde. Die Gäste hörten den Schuss kaum. Lediglich eine Flasche auf der Theke unmittelbar neben dem Barmann sprang entzwei. In ihrer verlängerten Richtung hatte noch Sekunden zuvor Professor Atkins gesessen.
Jack war blitzschnell aufgesprungen. In der Hand hielt er seinen Webley-Revolver. Er zielte über den Thekenrand und schoss zweimal kurz hintereinander auf die Lücke in dem Mosaikbildnis.
Misstönend verstummte die Gruppe der Musiker auf der Varietébühne. Einige anwesende Gäste schrien in panischer Angst auf. Der Barmixer stand da wie gelähmt. Schlagartig verschwand das Auge des Bogenschützens und sein Mund gähnte leer.
Wie von einem Katapult abgeschossen, raste Jack zur Bühne. Mit ein paar Sätzen war er oben. Die Bauchtänzerinnen stoben kreischend auseinander.
Durch eine Seitentür sprang der junge Hemsworth die Treppenstufen empor und stand gleich darauf in einem dunklen Raum. Nur durch zwei kleine Öffnungen, das Auge und den Mund des Bogenschützens, fielen schwache Lichtstreifen schräg in die Kammer.
Eine Faust, vom einfallenden Licht erfasst, tauchte schemenhaft aus der Dämmerung auf. Die Faust zielte mit einem Revolver auf den jungen Engländer.
Instinktiv warf sich Jack zur Seite. Ein greller Flammenstrahl stach durch die Finsternis und zeigte ihm, wo sich der heimtückische Schütze befand.
Noch das Dröhnen im Ohr, kroch Jack schlangengleich seitlich auf den Gegner zu. Er vernahm ein Stöhnen. Dann sah er die Umrisse seines Gegners, der unter dem offenen Auge von den Bogenschützen am Boden hockte.
Jacks tastende Hände stießen gegen einen Stuhl. Verworren vernahm er das Geschrei aus der Bar und die schrillen Rufe der verängstigten Tänzerinnen von der Bühne her. Er griff in die Tasche seiner Jacke, fand eine Revolver-Patrone und warf sie in die gegenüberliegende Ecke des Raumes.
Mit dem Aufprall des Geschosses schnellte sein Gegner in diese Richtung herum und feuerte.
Gleichzeitig mit dem Mündungsfeuer sprang Jack auf. Den Stuhl im Hochschnellen mit einer Handbewegung zur Seite fegend, landete er krachend auf dem Rücken des unheimlichen Angreifers. Gleichzeitig landete seine mit dem Webley-Revolver bewaffnete Faust auf dessen Arm. Der Mann heulte vor Schmerz auf und die Waffe des hinterhältigen Schützen fiel polternd zu Boden. Ein Schlag gegen den Schädel ließ ihn endgültig zusammensacken.
Schnaufend kam jemand die Treppe herauf, gefolgt von weiteren Schritten.
»Jack, wo stecken Sie?«, vernahm er die Stimme des Professors.
»Um Himmels Willen, Jack!«, rief Sally bestürzt.
»Ich bin hier! … Kein Anlass zur Besorgnis.«
Im Licht der Kerzen, das vom Gang in den Raum fiel, erblickte Jack ein Fenster, dessen Läden geschlossen waren. Als er sie aufriss lag eine gleißende Helligkeit im Raum.
Professor Atkins ließ die Flasche sinken, die er schlagbereit in der erhobenen Rechten hielt, als er Jack in der Tür stehen sah. Befreit atmete er aus.
»Mann Gottes! Ich dachte erst, Sie wollten mit mir ringen, als sie mich so unvermittelt zu Boden zogen«, entfuhr es Atkins.
»Galt der Schuss wieder ihm?«, meldete sich Sally, die hinter dem Professor stand.
Jack nickte ernst.
»Und diesmal wäre es fast zu spät gewesen, Professor. Wenn Miss Wrightleys Schrei mich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte …«
»Da scheint Sie jemand nicht zu mögen, Professor«, spöttelte Sally und beseitigte eine Strähne ihres blonden Haares, die ihr ins Gesicht gefallen war.
»Es sieht wohl ganz danach aus, Sally«, grinste Atkins.
»Aber meine Dame, meine Herren! … Was soll denn dieser Lärm? … Waren Sie es, der geschossen hat?« Der Geschäftsführer des Hotels erschien mit erhobenen Händen im Gang.
Jack trat zur Seite und forderte ihn mit einer Handbewegung zum Eintreten auf.
»Kennen Sie diesen Mann?« Jack deutete auf den am Boden liegenden Bewusstlosen.
Der Geschäftsführer fluchte grimmig. Er sprang mit einer Behändigkeit nach vorn, die ihm keiner zugetraut hätte und riss den eben wieder zu sich Kommenden in die Höhe. »Verbrecher!«, schrie er empört. Seine Hand klatschte dem Benommenen ins Gesicht. Der Kopf des Mannes zuckte zur Seite. Und nun sah auch der Geschäftsführer, dass die linke Gesichtshälfte des Mannes blutüberströmt war. Aus einer Platzwunde über dem linken Auge sickerte Blut.
»Lassen Sie das!«, meinte Jack. Er stand schon bei dem Verletzten. Mit kundigem Blick erkannte er, dass die Kugel aus seiner Waffe diesen heimtückischen Schützen nur gestreift hatte. Von unten aus der Bar schräg nach oben abgefeuert, hatte sie den Mann nicht lebensgefährlich verletzt.
Der Verwundete öffnete die Augen und starrte den Geschäftsführer, der mit geballten Fäusten vor ihm stand, mit glasigen, fanatisierten Augen an.
»› Haschaschinen ‹ 1!«, stammelte er entsetzt. Der Geschäftsführer wäre in die Knie gegangen, hätte Aktins nicht umgehend zugegriffen.
»Was wird das denn schon wieder?«, wandte sich Jack an den Professor.
»Sieh Dir seine Augen an!«, kam Sally dem alten Archäologen zuvor.
Jack hob ein Augenlid des Mannes an, und da erkannte er, dass auch dieser Mann durch Haschisch aufgeputscht worden war.
»Platz da!«, überschrie plötzlich ein Befehl das Stimmengewirr. Die Menge, die sich am Aufgang zu den Garderoben zusammengeballt hatte, wich zögernd zurück. Zwei Polizeibeamte in Zivil kamen die Treppe herauf, gefolgt von zwei uniformierten Riesen.
»Wer sind die Herren hier? Was geht hier vor?«, wandte sich einer der Beamten in Zivil an den Manager. Der Geschäftsführer nannte die Namen seiner Gäste.
»Ein bedauerlicher Zwischenfall, Herr Kommissar«, legte er dann los. »Eine Einmaligkeit in der ruhmreichen Geschichte des Hotels.«
»Machen Sie es kurz, Herr Sa‘im«, winkte der Kommissar ab.
Mit gestenreichen Ausschmückungen begann der Geschäftsführer zu berichten.
Читать дальше