Mein einarmiger Freund, von dem ich am Anfang schon erzählte, war auch süchtig. Jetzt, Jahre später, verstehe ich ihn, und wünsche ihm, dass er zu seinem Vater findet. Ob er wohl selbst schon Vater ist?
Ich habe noch einen einarmigen Freund. Ich sage zu ihm so, aber er ist nur ein Figürchen. In meiner Arbeit, als Therapeut, mache ich manchmal auf dem Tisch Familienaufstellungen mit Figürchen. Er ist eins davon. Ihm fehlt ein Arm. Was kann er uns lehren? Seltsam ist, er wird oft als Stellvertreter für einen Vater ausgesucht. Der fehlende Arm ist symbolisch für irgendeinen Fehler, den der Vater hat, wie jeder Mensch, wie Du und ich. Stell Dir deinen Vater vor, und was ihm fehlt – und immer noch ist er Dein Vater. Durch ihn kam das Leben zu Dir, durch ihn bist Du da. Das Leben ist das Große. Im Vergleich dazu sind alle Fehler Deines Vaters klein. Wenn Du es so betrachtest, welche Kräfte wirken da? Heilende Kräfte.
Sascha, 15, leidet seit zwei Jahren unter einer Spinnenphobie. Er hatte Angst, in sein Zimmer zu gehen, weil dort Spinnen sein könnten. Einmal redete er mit einem Freund darüber. Der bekam eine eigentümliche Eingebung und fragte: „Sind es männliche oder weibliche Spinnen, vor denen Du Angst hast?“ Saschas Antwort: „Weibliche Spinnen.“
Dieses kleine Gespräch brachte Sascha auf eine merkwürdige Idee. Das nächste mal, als er in seinem Zimmer war, stellte er sich vor, es wäre außer den weiblichen Spinnen auch noch eine männliche Spinne da, um ihn zu beschützen. Und auf einmal hatte er keine Angst mehr vor den Spinnen. Einmal hat er sogar eine Spinne in seinem Zimmer gesehen und sie ohne Angst vorsichtig mit einem kleinen Besen auf eine Schaufel befördert und nach draußen getragen. Es war gar nicht schlimm. „Spinnen sind ja auch ganz gewöhnliche Tiere“, emailte er dann seinem Freund. Sascha kann nun in seinem Zimmer gut schlafen.
Natürlich war das Ganze nicht zufällig. Saschas Eltern leben getrennt. Unbewusst klammert sich in solchen Fällen manchmal die Mutter an einen Sohn. Das nimmt manchmal sogar erotische Züge an. Eine Spinnenphobie weist oft auf sexuelle Gefühle und Ängste hin.
Für einen Jungen hilft die geistige Nähe zu seinem Vater, und zu den Männern überhaupt, sozusagen die männliche Kraft, um dem unbewussten weiblichen Klammergriff zu entgehen. Vielleicht hat darum der Gedanke an eine männliche Spinne Sascha geholfen. Er hat bei dem Wort „männlich“ an seinen Vater gedacht – und das hat ihm Sicherheit gegeben. Der Vater darf nun auch da sein.
Lösungswege für die Mutter
Bei allem Respekt muss die Mutter eines „Muttersohnes“ konfrontiert werden: Als Ersatz für wen (miss-)braucht sie ihren Sohn? Oder: Was bürdet sie ihm auf?
Vielen Müttern von Muttersöhnen tut die Wahrheit, die hier ans Licht kommt, erst einmal weh. Und sie erfordert Handeln. Es wird klar, dass sie den Sohn aus der verkehrten Rolle entlassen müssen.
Heilsame Gedankenübung: Gib dem Vater dieses Sohnes in deinem Herz einen Platz. Auch dann, wenn Du von ihm getrennt und enttäuscht bist. Für das Kind bleibt er immer der Vater. Wenn dann das Kind zu Dir kommt und sozusagen seinen Kopf an Deine Brust legt (in echt, bei kleinen Kindern, oder in Gedanken, wenn es schon groß ist), ist sein Vater auch da drin, und es geht dem Kind gut.
Heilsam für Dich als „Muttersohn“ ist: Es bleibt immer wichtig, die Mutter zu achten, unabhängig von ihren Fehlern, aber gleichzeitig, entgegen ihrem Verbot, solltest Du lernen, Deinen Vater genauso zu achten – unabhängig von seinen Fehlern.
Solche „Lösungssätze“ können das unterstützen, wenn sie ernstgemeint innerlich gesprochen werden:
„Liebe Mama, ich bin nur Dein Kind.“
„Bitte erlaube mir, dass ich meinen Vater so liebe wie Dich.“
„Bitte gib mir deinen Segen, wenn ich mich von Dir löse, mein eigenes Glück finde, und meine eigene Familie gründe.“
Ein Sohn hat einen guten Stand, wenn er bei seinem Vater, und bei den Männern steht. Die männliche Kraft macht ihn anziehend für die (erwachsenen) Frauen, und sie achten ihn.
Scheinglückliche Vaterstöchter
So wie es „Muttersöhne“ gibt, so gibt es auch „Vaterstöchter“. In gewissem Sinne ist das symmetrisch. Beides ist eine partner-ähnliche emotionale Beziehung zwischen einem Kind und dem gegengeschlechtlichen Elternteil.
Und auch die Auflösung ist ähnlich, wie die folgenden Beispiele zeigen. Das Kind muss Kind sein dürfen und muss die Eltern Eltern sein lassen. Es muss zurück zur Mutter finden, nicht mehr als Rivalin, sondern als Kind.
Das klingt auf dem Papier einfach. Es ist aber eine lange und schwere seelische Arbeit nötig, bis es gelingt.
Die Frau mit dem schmachtenden Blick
Manuela hat viele unglückliche Männerbeziehungen hinter sich. Ihr schmachtender Blick hat immer wieder Männer angezogen und enttäuscht. Er galt etwas Anderem.
Sie kommt zu einem Selbsthilfe-Seminar, weil wieder einmal eine Beziehung am Zerbrechen ist.
Manuelas Vater hatte sich bei ihr ausgeweint, schon als sie noch sehr jung war. Ihre Mutter hatte sie als abwesend erlebt.
Bei einer Familienaufstellung stellt Manuela ihre Stellvertreterin neben den Vertreter ihres Vaters. Die Vertreterin der Mutter stellt sie abseits. Die Stellvertreter fühlten sich eine Zeitlang ein und bewegten sich dann langsam nach ihrem Gefühl. Manuelas Vertreterin schaut immer zur Mutter, ging langsam zu ihr hin. Die Vertreterin der Mutter schaut auf den Boden. Weil das oft ein Zeichen für eine unvollendete Trauer ist, fragte die Leiterin der Aufstellung nach, wer in der Familie früh gestorben ist. Die Mutter von Manuelas Mutter starb, als diese vier Jahre alt war. Wirkte Manuelas Mutter darum immer „abwesend“?
Manuela erkannte den Zusamenhang und verstand nun ihre Mutter besser. Nun begann sie, ihre Mutter zu achten. Sie konnte zu der Vertreterin ihrer Mutter ganz nah hingehen und ihr in die Augen schauen.
Am Ende der Aufstellung schlug die Leiterin Manuela vor, zu ihrem Vater zu sagen: „Du bist mein Vater. Ich bin nur Dein Kind.“ (Gemeint ist: „nicht die bessere Frau für Dich, wie ich als Kind, in blinder Liebe, Dir sein wollte!“) und zu ihrer Mutter: „Jetzt sehe ich Dich. Ich achte was Du trägst. Jetzt gebe ich Dir einen Platz in meinem Herz. Du bist meine Mutter. Ich bin nur Dein Kind.“ (Gemeint ist „und nicht Deine Rivalin!“)
Für Manuela klingen diese Sätze erst ungewohnt, aber als sie sie langsam spricht, wirken sie bewegend, befreiend. Sie behält sie. Später sagte sie die Sätze innerlich immer wieder den Eltern.
Manuela kann nun das Leben, die Liebe und die weibliche Kraft von der Mutter immer mehr annehmen.
Liebe fließt, wie Wasser, nur von oben nach unten, von der Mutter zum Kind. So wird aus dem Mädchen eine Frau werden. Das Mädchen hat geflirtet, mit Männern gespielt, und sich wieder aus der Verantwortung gezogen. Der Frau gelingt es, eine tiefe Beziehung zu einem Mann einzugehen, mit Geben und Nehmen, und den Kindern eine liebevolle Mutter zu sein.
Diese Geschichte schildert, beispielhaft und übertrieben, Wesenszüge mancher „Vaterstöchter“, und einen möglichen Hintergrund. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind absolut zufällig und nicht beabsichtigt...
Meine Nichte ist Glücksverkäufer-Lehrling beim Glücksverkäufer. Einmal, nach Feierabend, hat sie mir erzählt: Eine Frau kam schnellen Schrittes zum Glücksverkäufer in den Laden, ihre Haare flatterten, ihre Schuhe klapperten, ihre Stimme plapperte sehr schnell, dazu sprachen auch die Hände, musikalisch ausgedrückt im Tremolo, Presto oder mindestens Allegro.
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