„Wo bin ich?“, denkt er sich. „Was ist passiert?“ Nachdem sich seine Augen an das Dunkel um ihn her gewöhnen, kann er langsam etwas sehen. Die Tapeten hier sind wirklich anders. Auch die Möbel, Dinge, auch der Boden. Oder sieht er erst die Decke mit dem Loch darin, weil er noch auf dem Rücken liegt? Wie unbekannt und doch zugleich bekannt das Ganze. Wie fremd und doch wie alt vertraut, als wäre er vor langer Zeit als Kind schon einmal hier gewesen. Da tauchen auf einmal Bilder vor den Augen auf, fast wie aus der Kinderzeit, oder Bilder wie aus einem Buch, oder sind da Bilder von Gesichtern an der Wand in diesem Raum? Mal schauen. Steht er auf? Geht er nun langsam auf und ab? Geht er von Wand zu Wand und sieht sie, die aus Bildern hier nun zu ihm schauen? Geht er an das Fenster? Sieht er, wie er es von innen öffnen kann? Lassen sich die verstaubten Vorhänge zur Seite schieben? Kann er einen Fensterladen knarrend in den Angeln drehen bis das spinnwebendurchsiebte Licht von außen nach vielen Jahren wieder neu nach innen kommen kann, und die Bilder heller werden?
Es sind Bilder aus der ersten Zeit und von der ersten Liebe. Manche Bilder sind verhängt, sind umgedreht oder verstaubt, nach und nach und später erst werden die angeschaut, Bilder aus den Zeiten, wo geschehen ist, was noch verborgen bleiben muss. Immer heller fällt das Licht zuerst nun auf die Bilder jener ersten Zeit, der ersten Liebe. Fast geblendet ist er von der Pracht der Schönheit, von der Freude der Erinnerungen an Geborgenheit, an Mutter, Vater, Großeltern und andere.
Nach und nach gewöhnen sich die Augen an die Helle, und er weiß, er darf ja wiederkommen. Aber muss er immer wieder jenen Weg der Krise nehmen, der ihn aus dem Dach herunter purzeln ließ? Gibt es da eine Tür? Nur wo? Er schaut herum, und es kann sein, dass eine Tapete halb nur angeklebt ist oder dass ein Schrank in seiner Hinterwand eine geheime Öffnung hat, die ihn wohin führt? Ein Blick aus dem Fenster zeigt es: Er ist immer noch im eigenen Haus. Schön dass es das Fenster gibt, und diese Tür, und diese Schwelle, die Verbindung. Er erkennt in welchem großen, schönen und erfüllten Haus er wohnt. Das ist das Volle, Ganze. Ja, was erst unheimlich erschien, ist doch das ganze Glück, das sich nun zeigt, nach und nach, ganz langsam, nah und weit zugleich.
Lin wurde als dreijähriges Mädchen aus einem Flüchtlingslager in Ostasien geholt und mit einem Flugzeug voll anderer Kinder nach Osteuropa gebracht. Als Geste der Freundschaft der Regierung des osteuropäischen Landes zu einer ihr nahestehenden Rebellengruppe in Lins Heimat sollten die Kinder in der Ideologie der herrschenden Partei erzogen werden und dann als Führungskräfte in ihrer Heimat dienen.
Lin wuchs mit den anderen Kindern in einem Internat auf, wo sich Erzieherinnen und gute Lehrer liebevoll um sie kümmerten, wo es aber auch sexuellen Missbrauch durch Lehrer und erzwungene Abtreibungen gab. Lin sehnte sich nach ihren Eltern und wusste lange nicht ob sie noch leben. Die Eltern gehörten zu verschiedenen politischen Parteien und durften sich darum nur heimlich im Ausland treffen. Die Mutter besuchte Lin manchmal, doch erlebte Lin sie als unterkühlt und vorwurfsvoll. Nach einem Machtwechsel wurde Lin und ihre Gefährten, inzwischen junge Erwachsene, in einer Blitzaktion und oft ohne abgeschlossene Lehre oder Schule heimgeflogen. Lin hatte es schwer, daheim Wurzeln zu fassen. Das Verhältnis zur Mutter blieb distanziert und sie starb kurze Zeit danach.
Wir waren in Lins Heimatland eingeladen, ein Seminar mit Familien-Aufstellungen zu leiten. Lin wirkte auf uns kühl, hinter einer Maske aus vielem Reden. In ihrer Aufstellung stand Lin einer Vertreterin für ihre Mutter gegenüber, unterstützend stellten wir Stellvertreter für Geschwister und Lehrer dazu. Plötzlich brach Schmerz und Wut aus Lin heraus, die sich so lange in ihr angestaut hatten. Sie kniete sich zu Füßen der Mutter und begann zu weinen und so laut zu schreien, dass Freunde von uns es bis auf dem Gipfel eines einige Kilometer entfernten Berges, auf den sie gewandert waren, hören konnten. Dann kam Lin zum Frieden. Diese Aufstellung war für uns alle bewegend.
Lin berichtete später dass es etwas bei ihr gelöst hatte. Sie ist auf einem Weg der Heilung, sorgt für jüngere Geschwister und arbeitet mit Kindern, denen sie Geschichten erzählt, was schon immer ihre Gabe war. Sie macht das auch für sich selbst: sie hilft Kindern und zugleich ihrem inneren Kind.
Sekundenschlaf eines Altenpflegers
Ein Altenpfleger hatte Nachtdienst im Altenheim. Es war gerade ruhig auf der Station. Er kannte alle Bewohner und kam mit allen gut aus. Alles Wichtige war schon erledigt. Er schaute auf die Uhr. Es war gerade 0.00 Uhr. Er setzte sich ins Stationszimmer, las eine Zeitung... und war eingeschlafen.
Er träumte, dass er Dienst hatte. Es musste Tagdienst sein, denn es war hell. Es war gerade ruhig auf der Station. Er kannte alle Bewohner und kam mit allen gut aus. Alles Wichtige war erledigt. Er schaute auf die Uhr. Es war gerade 12.21 Uhr. Er setzte sich ins Stationszimmer, las eine Zeitung... und war eingeschlafen.
Er träumte, und im Traum ging er von Zimmer zu Zimmer, um nach dem Rechten zu schauen.
Er ging durch die Tür des ersten Zimmers. Da wohnte auf einmal jemand anderes. Was war denn da geschehen? Hatten die Kollegen in der letzten Schicht jemanden verlegt, und hatten sie vergessen, es ihm zu sagen? Na gut. So was kommt vor.
Der Mann in diesem Zimmer kam ihm bekannt vor. Er wusste nur zuerst nicht, woher. Er begrüßte ihn, stellte sich mit seinem Namen vor, und fragte, ob er etwas für ihn tun kann. Er schaute sich nebenbei in dem Zimmer um. Da hingen Bilder an der Wand, Familienbilder, und es war, als würden diese Bilder immer mehr, auch sie kamen ihm bekannt vor. Fast schien es, als wäre er selbst auf einem Bild. Auch andere, die er kannte, seine Großeltern, und Geschwister. Auf einmal merkte er, der Mann in diesem Zimmer sah fast wie sein Vater aus. Die beiden schauten sich nun an, wie zum ersten mal nach langer Zeit.
Dann ging der Altenpfleger weiter, nach einem Abschiedswort, er würde ja nochmal vorbeikommen, und der Mann dürfe ja auf die Klingel drücken, wenn er etwas bräuchte.
Er ging durch die Tür des zweiten Zimmers. Da wohnte ja auch jemand anderes, eine Frau. Was war da geschehen? Hatten die Kollegen in der letzten Schicht jemanden verlegt, und vergessen, es ihm zu sagen? Na gut. So etwas kommt vor.
Auch die Frau hier kam ihm bekannt vor. Woher wohl? Er begrüßte sie, stellte sich vor, fragte, was er für sie tun kann, schaute sich im Zimmer um, und auf die Bilder an der Wand, Familienbilder, und es wurden auch diese Bilder immer mehr, und kamen ihm bekannt vor. Fast war ihm, als wäre er auf einem dieser Bilder, und auch andere, die er kannte, und auch Unbekannte. Auf einmal merkte er: Die Frau sah fast wie seine Mutter aus. Beide schauten sich nun an, wie zum ersten mal nach langer Zeit.
Dann ging der Altenpfleger weiter, nach einem Abschiedswort, er würde ja nochmal vorbeischauen, und sie dürfe auf die Klingel drücken wenn sie etwas bräuchte.
Er ging dann noch durch ein paar Zimmer. Immer wieder waren Menschen darin, die er kannte: alte, auch junge, sogar ein paar kleine Kinder. In einem Zimmer war ein Brutkasten, darin war ein Kind, das war so klein, es konnte noch nicht einmal geboren sein.
Er ging hin und her und dachte lange nach, schaute nach und nach in fast alle Zimmer, schaute wen er pflegen konnte, wem er sonstwie helfen konnte. Viele brauchten seine Pflege gar nicht, sie hatten einfach nur auf ihn gewartet, wollten von ihm gesehen werden, und es wurde dann bei ihnen etwas wieder gut.
Das dauerte so lange, als wäre er Jahre unterwegs in diesem Heim, das nun nicht mehr nur Altenheim war, es war ein Heim für viele, und er fühlte, das war ein Teil von ihm, und er ein Teil davon, so wie daheim.
Читать дальше