Diese Frage stellt Herbert Grönemeyer in einem seiner Lieder. Die verblüffende Antwort: Wenn er den Vater genommen hat.
Männer brauchen Mutter und Vater. Sie brauchen weibliche und männliche Energie. Wenn ein Sohn den Vater achtet, kann er die männliche Energie nehmen.
Also schau mit Deinem inneren Auge Deinen Vater an. Gib ihm einen Platz in Deinem Herz. Egal wie er ist oder war. Egal ob er weg ist oder nicht mehr lebt. Auf der tiefen Ebene zählt: Du hast einen Vater, er ist Dein Vater, Du bist sein Sohn, und seines Stammes. Ist er ein Gott? Nein, er ist ein Mensch, und hat fast die gleichen Fehler wie Du. Wenn Du nur ein bisschen Familienforschung machst, wirst Du verstehen, in was er verwickelt war: Frühere Schicksale wirken nach, an seiner Stelle wärst Du wie er geworden. Also lass die Vorwürfe, erinnere Dich an Deinen Mut und sag ihm in Gedanken:
„Du bist mein Vater. Ich bin Dein Kind. Danke für das Leben. Ich achte Dich und das Größere, das Dich führt. Bitte schau freundlich auf mich und meinen Erfolg.“
Spürst Du, wie von ihm eine männliche Kraft zu Dir und durch Dich fließt, die Dir vorwärtsgehen hilft? Nun gibst Du Kraft weiter an Deine Familie, und in Deinem Beruf. Dein neues inneres Bild von Deinem Vater wirkt in Dir. Du schaust die Welt anders an, und die Welt schaut anders zurück. Auch die Frauen.
Hier ist noch ein Bericht über eine Familienaufstellung: Stefan möchte noch einmal seinen Vater „anschauen“, der vor 17 Jahren gestorben ist. „Vater“ ist überhaupt sein Thema. Er selbst hatte so einige Beziehungen... ob er da noch öfter Vater wurde, als er weiß? Stefan war hinter seiner leutseligen Art schwermütig, war aus Eheproblemen heraus in den Alkohol geflüchtet, und fuhr mit dem Auto selbstmörderisch durch die Gegend.
Stefan stellte Stellvertreter auf: für sich rechts neben seine Mutter, sehr nah, für den Vater gegenüber. Herausfordernd sah der Sohn den Vater an. Zärtlich sah die Mutter den Sohn an, und schaute dann triumphierend den gegenüberstehenden Mann an...
Der Kursleiter setzte als paradoxe Intervention erst einmal Ist-Sätze ein, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen:
Zum Sohn: Sag mal zum Vater „Ich bin besser als Du!“ - Sag mal zur Mutter: „Ich bin der bessere Mann für Dich!“
Zur Mutter: Sag mal zu Deinem Mann „Er ist besser als Du!“ - Und dann: „Ich halte ihn fest, auch wenn er dabei draufgeht!“
Wir befragten nach diesen Sätzen die Stellvertreter, wie es ihnen geht? Nicht gut. Der Vater: „Ich könnte ihm in die Fresse hauen“. Der Sohn fühlte sich aufgeblasen, abgeschwebt, zugleich schwach, nicht am richtigen Platz.
Die Konfrontation brachte den Ernst, der nötig war, damit das Folgende gelingen konnte:
Statt des Stellvertreters stellte sich Stefan selbst hinein. Das musste und konnte er selbst machen. Er ging auf seinen Vater zu, schaute ihm lange in die Augen. Der Vater schaute mit Freude auf seinen Sohn. Stefan sagte „Mein Papa – ich bin Dein Sohn“ und der Vater sagte „Bist ein rechter Kerl geworden.“
Die beiden standen lange so, eine Kraft konnte vom Vater auf den Sohn fließen. Beide umarmten sich. Danach lehnte sich Stefan mit dem Rücken an seine Eltern an und schaute nach vorn, in die Zukunft. Wir stellten noch einige Personen dazu als Vertreter für seine Kinder- die bekannten und die unbekannten.
Einen guten Rat bekam er noch, der eigentlich überflüssig war, Stefan wusste das selbst: „Na dann mach Dich mal auf die Suche!“
Was sagte Stefan später? „Es war erlösend für mich. Endlich angekommen.“
Vor kurzem erreichte mich diese Rückmeldung:
„Vor einigen Jahren habe ich eine Familienaufstellung für mich mitgemacht. Ich war schon vorbereitet durch Bücher und durch Familienforschung. Die Aufstellung brachte mir Verständnis für meinen Vater, der selbst für seine Mutter und Familie Leid übernommen hatte und darum nicht so für mich da war, wie ich es mir als Kind gewünscht hatte. Das zu begreifen, wirkte auf mich heilend und bewegend.
Zufällig war wenige Tage nach dieser Familienaufstellung das Begräbnis eines Onkels, und zwar in dem Grab wo auch mein Vater begraben ist. Man konnte symbolisch Erde auf die Urne werfen. Ich warf dann noch Erde „daneben“ für meinen Vater, weil ich noch nie an diesem Grab gewesen war, auch nicht beim Begräbnis meines Vaters vor 35 Jahren. Dann konnte ich zum ersten mal aus ganzem Herzen meinen Vater beweinen und ihm sagen, dass ich ihn lieb habe.
Später fuhren wir mit dem Auto noch einmal an dem Friedhof vorbei. Es war als ob mein Vater da am Zaun steht und winkt und mir zuzwinkert. Als ob er sagen würde: „Wir sehen uns wieder! Es geht mir gut!“
Einmal wohnte ich mit einem Freund zusammen, der einen durch einen Motorradunfall gelähmten Arm hatte. Manchmal schockte er mich und andere Kumpels, indem er mit der gesunden Hand den toten Arm nahm und einem von uns von hinten überraschend um den Hals legte, oder ihn uns ins Gesicht warf. Das fühlte sich kalt und leblos an, unheimlich. Und er lächelte triumphierend. War das schwarzer Humor, oder Liebäugeln mit dem Schrecklichen?
Einmal hab ich ihm gleich zweimal den Kopf gewaschen. Einmal, weil er so zynisch war, und einmal buchstäblich, im Waschbecken, mit warmem Wasser und Shampoo, weil er meinte, dass er das mit einem Arm allein nicht kann.
Lange schon bewege ich in meinem Herz die Frage: Warum passierte gerade ihm das? Dummer Zufall, dummer Unfall? Aber sagt man nicht, manche Leute ziehen Unfälle an? Welche Kräfte wirken da?
Ich dachte wieder an den Freund, als mir eine Frau von ihrem Mann erzählte, der einen Arm im Krieg verloren hatte. Er verdiente als Briefträger sein Geld. Es ist hart für einen Mann, nur einen Arm zu haben. Die Frau musste Holz sägen und hacken, Haus und Garten in Ordnung halten, alles wozu man zwei Arme braucht. Sie war auf den Mann nicht gut zu sprechen und sprach auch nicht gut von ihm zu ihren vier Kindern.
Einmal hat sie beim Holzhacken einen roten Ohrring verloren, er war im Sägemehl verschwunden. Nachdem sie eine Zeitlang suchte, gab sie auf und wurde wütend, riss sich den anderen roten Ohrring vom Ohr und feuerte ihn ebenfalls ins Sägemehl. Ihr Mann hatte ihr einmal diese Ohrringe geschenkt. Dann kaufte sie sich andere Ohrringe, weiße.
Jahre später besuchte die Frau eine Wahrsagerin, bei der sie vorher nie gewesen war. Die sagte etwas Merkwürdiges: „Du hast zwei schöne weiße Ohrringe. Hattest du nicht mal rote? Wo sind die?“
Drei Söhne dieser Frau sind Alkoholiker. Einer davon, ein Maurer, fiel vom Gerüst und verletzte einen Arm so, dass er trotz vieler Operationen steif geblieben ist. Wahrscheinlich hat man diesen Arm inzwischen amputiert. So geht es ihm nun ähnlich wie seinem Vater, er ist durch ein gleiches Schicksal mit ihm verbunden. Fühlt er sich nun einarmig zweisam besser als zweiarmig einsam?
Wie kommt es, dass sich in manchen Familien ein schweres Schicksal wiederholt? Hängt da mehr zusammen, als wir denken?
Zeigt die Wut, mit der die Frau den Ohrring ins Sägemehl geworfen hat, wie sie wütend war auf ihren Mann? Hat die Wahrsagerin das gespürt, wollte sie daran erinnern, versteckt in ihrer Frage? Hat die Verachtung einer Frau gegen ihren Mann Einfluss auf das Schicksal der Kinder?
Vordergründig verachten die Kinder den Vater dann auch, sie sind ja der Mutter nahe und fühlen wie sie. Aber heimlich, innerlich, fehlt ihnen etwas – doch wissen sie nicht, dass der Vater ihnen fehlt. Werden sie darum süchtig nach Ersatz, zum Beispiel Alkohol – wie hier die drei Söhne?
Und manchmal scheint ein Kind, wie dieser Maurer, das Schicksal seines abgelehnten Vaters anzuziehen und zu wiederholen. Er wird ihm so ähnlich, als ob sein Leben an ihn erinnern soll. Welche Kräfte wirken da!
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