Am Ende eines langen Ganges war dann noch ein Zimmer übrig. Es wurde ihm von irgendwo gesagt, darin liegt ein schwieriger Bewohner. Erst wagte er sich nicht dorthin, und dachte, wer wird das wohl sein? Er dachte an so manche Menschen, die für ihn mal schwierig waren, nicht nur in der Arbeit, auch woanders.
Als er dann vorsichtig bei diesem schwierigen Bewohner auf die Klinke drückte und hereinkam, standen in dem Zimmer nicht nur ein Bett, sondern zwei. In jedem lag ein Mensch. Einer war dem anderen ähnlich, und der andere war ihm selber ähnlich.
Zwischen beiden Betten war eine weiße Trennwand aufgestellt, ein Gestell aus Stangen, mit einem Tuch bespannt, so wie man es manchmal findet in den Mehrbettzimmern in den Altenheimen oder Krankenhäusern.
Das Fenster war geöffnet, und nun als er die Tür geöffnet hatte, fiel ein neues Licht herein von beiden Seiten auf die Trennwand, die langsam heller wurde und dann durchsichtig. Auf einmal war da nur noch ein Bett, nur einer lag darin, das war er selbst. Da sagte er sich: „Ich bin da.“
Auf einmal war er wieder wach. War er eingeschlafen? Er war doch im Dienst. Er schaute auf die Uhr. Es war 12.22 Uhr. Er sah sich beim Erwachen zu, wie er die Zeitung las, im Tagdienst, und in der Zeitung stand ganz groß: Du bist noch nicht ganz wach.
Auf einmal schüttelte es ihn. Auf einmal war er wirklich wach. Er erschrak erst: War er eingeschlafen? Er schaute auf die Uhr. Es war 0.01.
Nur eine Minute hat dieser lange Traum gedauert. Und so vieles war in ihm geschehen. Und es hat erst angefangen. Nun war er wieder da. Und das mehr als je zuvor.
Das Leben beginnt mit dem Nehmen. Wir nehmen es erst von der Mutter, sie bringt uns aufdie Welt. Bei ihr sind wir als kleine Kinder. Dann gibt uns die Mutter dem Vater. Der Vater bringt uns indie Welt. Darum ist die Glückszahl 2. Wir brauchen beide Eltern.
Für Mädchen gibt es nach der Vater-Phase noch eine Entwicklungsphase: Sie gehen noch einmal zur Mutter, und mit ihr in die Welt der Frauen, so werden sie Frauen. Dagegen bleiben die Söhne in der Welt der Männer und werden so Männer. So soll es sein.
Manchmal aber verlangen Eltern von uns zu viel. Wir müssen uns vor ihnen schützen. Das ist eine andere Ebene.
Wichtig ist zu wissen: Beide Ebenen sind wichtig. Erstens, innerlich die Eltern achten, uns sozusagen vor ihnen verneigen und ihnen danken für das Leben. Zweitens, uns von den Eltern lösen und unser Leben leben.
Das Erste ermöglicht das Zweite. Im Vorwurf können wir uns nicht von den Eltern lösen, das Gewissen treibt uns zurück. Es gelingt nur mit Liebe.
Das Zweite vervollständigt das Erste. Die Eltern achten heißt auch, sie in Ruhe zu lassen - sowohl mit sinnlosen Forderungen, als auch mit Helfen.
Ein scheinbar in sich widersprüchliches Bild verdeutlicht das: Ich verneige mich in meinem Zimmer in Gedanken vor meinem Vater und meiner Mutter, weil ich ihnen für das Leben danke. Zur gleichen Zeit sind sie beide betrunken und randalieren draußen an meiner Tür – und ich lasse die Tür zu. Mit Liebe.
Achten und Lösen, zwei Ebenen, die zusammengehören – wieder ist die Glückszahl 2.
Was passiert, wenn das zwei-fache Nehmen, das Achten und das Lösen noch nicht gelungen ist? Was kann man davon nachholen? Die nächsten drei Kapitel zeigen das mit Beispielen und erklären dabei drei häufige Verwechslungsmuster, die wir wissen müssen, um sie zu überwinden.
Unglück und Glück der Muttersöhne
Es gibt Männer, die trotz hoher Intelligenz und Begabung immer wieder vor Prüfungen versagen, Ausbildungen, Arbeitsstellen und Beziehungen abbrechen und von den Frauen verachtet werden.
Sie sind vordergründig sanft und unsicher, tiefer heimlich aggressiv. Oft liegt die „Muttersohn“-Konstellation zugrunde. Bewusst oder unbewusst waren diese Männer von Kind auf der Mutter nah, aber nicht nur mit den Gefühlen eines Kindes, sondern auch mit anderen Gefühlen – so als würden sie heimlich innerlich denken: „liebe Mama, ich bin der bessere Mann für Dich“.
Das Rezept, wie man(n) Muttersohn wird
In vielen Familien fehlt der Vater, und / oder er wird von der Mutter verachtet. Weil Kinder „immer lieb“ sind und die Fehlenden ersetzen wollen, kommt der Sohn dann in die Partner-Ersatz-Rolle für die Mutter. Doch das kostet ihn einen hohen Preis. Er spürt in sich, dass das gegen eine Ordnung verstößt, und bestraft sich unbewusst selbst, indem er scheitert.
Manche Mutter bemerkt das, verwechselt aber in ihrer Deutung des Geschehens Ursache und Wirkung und sieht Versagen, Schwäche, Sucht des Jungen als Grund, ihn übertrieben nah bei sich zu halten. So verhindert sie, ohne es zu merken, seine Loslösung und Entwicklung. Durch (Für-)Sorge hält sie ihn schwach. Und er kommt erst recht nicht in die Pötte.
In einigen Fällen, wenn die Beziehung der Eltern schwierig ist, schaut das fast so aus, als ob die Mutter aus Rache ihren Sohn am Wachsen hindert, als müsste er für seinen Vater tragen, was die Mutter ihm unbewusst Schlimmes wünscht... und was manchmal dann auch geschieht. Das ist schrecklich, aber wahr. Später werde ich Lösungswege für diese Verwicklung erklären.
Weil der Sohn die Mutter liebt, fällt es ihm schwer, sich zu lösen. Selbst wenn er flieht, auf höchste Gipfel, ins Wildwasser, auf den schnellsten Motorrädern, in die schärfsten Abenteuer oder zu tief ins Glas …
Eigentlich ist „Muttersohn“ gar nicht das richtige Wort. In Wirklichkeit fehlt ihm die Mutter. Durch die Partner-Ersatz-Rolle kann er nicht wirklich Kind sein und wie ein Kind die Liebe der Mutter nehmen.
Der Muttersohn und die Frauen
Vielleicht sucht er eine Frau, aber da er innerlich noch nicht von der Mutter gelöst ist, bringt er den Konflikt in die Beziehung mit: er kämpft gegen die Frau, als wäre sie die Mutter... wie reagiert sie darauf? Mit Verachtung.
So setzt sich das Muster fort in die nächste Generation. Ihre Söhne werden wieder Muttersöhne.
Und ihre Töchter werden Vaterstöchter (siehe nächstes Kapitel). Muttersöhne und Vaterstöchter finden einander gern als Partner. Gleich und gleich gesellt sich gern... und die Scherben sind vorprogrammiert.
Verfolgungsjagd mit Muttersohn
Sabine macht sich Sorgen um ihren 25-jährigen Sohn, der nicht in die Gänge kam. Er wohnte noch bei ihr zuhause, hatte Probleme mit Geld, Arbeitsstellen und Freundinnen. Sabine lebt getrennt von ihrem Mann und machte ihm Vorwürfe.
Einmal macht Sabine eine Familienaufstellung. Diese Methode half hier, ans Licht zu bringen, was im Unbewussten abläuft. In einer Gruppe helfen wir einander als „Stellvertreter“, uns in Personen einzufühlen. Sabine wählt eine Vertreterin für sich und einen Vertreter für den Sohn aus und stellt sie beide eng nebeneinander. Der Sohn (gemeint ist hier immer der Stellvertreter) bewegt sich sofort seitlich weg, geht rückwärts und geht immer weiter von der Mutter weg. Die Mutter verfolgt ihn. Das geht so eine ganze Weile, die beiden ziehen große Kreise durch den viel zu kleinen 100m² großen Seminarraum. Es ist ein endloses Spiel. Dann wird noch ein Stellvertreter für den Vater dazugestellt. Der Sohn geht zu ihm, die Vertreterin von Sabine steht gegenüber. Sie versucht den Sohn vom Vater wegzuziehen, die Verfolgungsjagd geht weiter bis die Aufstellung abgebrochen wird. Es schien lustig, doch es ist eigentlich ernst.
Jemand hat keine Freundin.Er klagt dies einem Freund hin.Der rät: „Lös Dich von Mutter!“ Das tut er.Das Ergebnis erstaunt ihn.
Wann ist ein Mann ein Mann?
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