Er sah sich selbst durch den Wald eilen, leicht angeheitert und mal wieder viel zu spät dran. Nach den etlichen Gläsern billigen Fusels wäre jeder andere bestimmt vom Stuhl gefallen. Ray hingegen konnte Unmengen von Alkohol trinken und kam gerade mal bis zum Gute-Laune-Level. Der Kater am nächsten Morgen blieb ihm wiederum nicht erspart. Die Schöpfung hatte manchmal eine eigensinnige Interpretation von Humor.
Leichtfüßig rannte er durch die dunkle Nacht zu dem Treffpunkt, den er mit Levy ausgemacht hatte. Dort sollte es enden, so sehr es ihn auch schmerzte. Zumindest hätte es das getan, bis Levy Ray unbewusst zeigte, wer er wirklich war. Ein Schweinehund, der es nicht verdiente, zu existieren.
Schon den ganzen Tag hinweg hatte Ray gegrübelt, wie das Ganze vonstattengehen sollte. Auf jeden Fall schnell, soviel war sicher. Er wollte das Thema endlich hinter sich lassen und ein sauberer Abschluss musste her – ein gerader Schnitt, bildlich gesprochen.
Ray grinste.
Dieses Mal würde er sich nicht mit Fragen nach dem „Warum“ aufhalten. Er wollte es nicht wissen. Keinen Ton wollte er von diesem Verbrecher mehr hören, da es nichts gab, was seine Taten rechtfertigen konnte.
Ein wenig aus der Puste kauerte er sich hinter den Joggingjacken verschlingenden Wildrosenbusch und blickte auf die Lichtung.
Levy stand unter der Felsformation und starrte gereizt auf seine Uhr. Kein Wunder, Ray war seit zwanzig Minuten überfällig und Mr. Oberkorrekt mochte keine Unpünktlichkeit.
Vorsichtig zog Ray sein Messer aus dem ledernen Gürtel und machte sich bereit, zuzuschlagen. Der Metallgeruch der Stahlklinge kitzelte in seiner Nase und gab ihm das fantastische Gefühl von Vergeltung. Levy würde ihn nicht einmal kommen sehen.
Ein Waldkauz trompetete sein Lied, als wollte der Vogel zum Angriff blasen.
Als Ray zum Sprung ansetzte, ließen ihn Stimmen zurückschrecken. Geräuschlos kroch er auf allen Vieren über den Waldboden und grüne Schlieren zogen sich über die Knie seiner neuen Jeans. Das erklärte im Nachhinein einiges.
Mit gesenktem Kopf robbte er zur anderen Seite des großen Busches und spitze Dornen liebkosten nun seinen Arm der Länge nach. Die Nacht konnte wohl kaum beschissener laufen.
Durch ein Loch im Gestrüpp blickte er wieder auf die offene Ebene vor ihm. Levy stand noch immer unten am Felsen, doch er war in Gesellschaft.
Ray konnte nicht viel erkennen, also schlängelte er sich noch weiter ins Gezweig hinein und schnaubte wütend, als seine Haut aufs Neue malträtiert wurde.
Hoch oben auf dem Felsen stand eine junge Frau.
Mit dem Mondschein im Rücken und der dunklen Bekleidung sah sie aus wie ein todbringender Engel. Ihre wild gestikulierenden Arme verstärkten die Wirkung noch und erinnerten an pechschwarze Flügel, die sich hoben und senkten, als würde sie sich gleich in die Lüfte erheben.
Mit hasserfüllter Miene redete sie erkennbar mit Levy oder besser gesagt, sie schnauzte ihn an.
Ray kommandierte einen Schwall heißes Blut zu seinen Ohren und lauschte interessiert dem Dialog. Er war sich sicher, dass die Person oben auf dem Felsen im Moment nichts zu befürchten hatte, da Levy annehmen musste, dass Ray hier bald aufkreuzen würde. Mit Leichtigkeit blendete er die Geräusche des Waldes aus und richtete seine volle Aufmerksamkeit zum Felsen.
»Du mieser Drecksack, endlich habe ich dich gefunden«, beschimpfte die aufgebrachte Frau seinen Kumpel – falsch, Ex-Kumpel. Er rutschte noch einen Meter näher heran. Na hallo, jetzt wurde es aber spannend.
»Ach, du erinnerst dich nicht mehr an mich? Soll ich dir auf die Sprünge helfen, du elendes Stück Scheiße?« Levy zeigte ihr seine opalweißen Zähne und grinste.
»Verpiss dich, du kleine Nutte, ehe ich zu dir rauf komme und dich übers Knie lege«, bellte er zurück.
»Komm hier hoch und ich schneide dir dein dämliches Grinsen aus dem Gesicht!«
Er leckte sich über die Lippen.
»Ich geb dir hiermit die letzte Verwarnung, Weib. Hau ab oder ich vergesse, warum ich eigentlich hier bin und werde mein geplantes Abendprogramm umgestalten.«
Ray verfolgte das Gespräch mit Neugierde und konnte kaum glauben, was er zu hören bekam.
»Du hast zum letzten Mal deine kranken Fantasien auf Kosten kleiner Mädchen gestillt – sie unter deinen abartigen Körper gezwungen und mit der Klinge verstümmelt.« Der schwarze Engel war wirklich angefressen und kochte vor Rage. Ein Geruch von Zorn und Verachtung breitete sich über dem Felsen aus wie die Schwingen eines Greifvogels.
»Da hast du ja Glück, dass du mir zu alt bist, du Miststück.« Beim Blick in ihr bissiges Gesicht fiel es Levy auf einmal wie Schuppen von den Augen.
»Diese Narbe …«, sagte er beflissen. Er erkannte scheinbar die sichelförmige Narbe auf ihrer Stirn, die sich durch eine Augenbraue bis hin zur Schläfe zog. Weiß und blutleer entstellte sie ihre sonst so liebliche Erscheinung.
»Aber natürlich, jetzt erkenne ich dich wieder, du Teufelsweib«, stellte Levy fasziniert fest und bewunderte voller Freude sein Meisterwerk. Purer Stolz leuchtete aus seinem Gesicht.
»Du bist diese kleine Göre aus dem Club in den Höhlen. Wie lange ist das her, sechs Jahre?«
»Eher Sieben!«, berichtigte sie ihn.
»Oh, du hast mich scheinbar ebenso vermisst, wie ich dich. Mir tun immer noch die Eier weh von deinem Gestrampel«, keifte er aggressiv. »Ich hatte nach einem Kätzchen verlangt und sie gaben mir einen tollwütigen Tiger für mein schwer verdientes Geld. Wie schade, dass wir nur so wenig Zeit hatten. Hätten sie mir ein paar Minuten mehr mit dir zugestanden, würdest du jetzt nicht mehr so frech daherreden. Was machst du eigentlich hier, ich nahm an, du wärst längst verreckt in diesem Dreckloch?«
Ihre Augen waren nur noch schmale Schlitze, obwohl sie die markante Augenbraue sarkastisch in die Stirn zog.
»Ach, weißt du, ich hatte solche Sehnsucht nach dir, da dachte ich mir, ich büxe aus, finde dich und dreh dir deinen stinkenden Hals um!«
Ray hörte ihren jagenden Puls und spürte, dass sie jedes Wort genauso meinte. Er hatte den ganzen Abend schon Lust gehabt, dieses Schwein fertigzumachen, aber jetzt konnte er sich kaum noch zurückhalten. Sie wusste über Levy Bescheid und allem Anschein nach hatten sie eine gemeinsame Vergangenheit.
Mit einem lauten Fauchen sprang sie die drei Meter vom Felsen und landete geschmeidig direkt vor Levys Nase. Anmutig umkreiste sie ihn, wie ein Haifisch seine Beute.
Selbstsicher lächelte Levy sie weiter an und war die Ruhe in Person. Der Gestank von protziger Überheblichkeit dampfte ihm aus den groben Poren. Ray wurde ganz schlecht von dem beißenden Aroma.
Im nächsten Augenblick ging Levy zum Angriff über und stürzte sich ungestüm auf die Fremde.
Mit einer galanten Drehung sprang sie zur Seite, duckte sich und schoss ihm mit dem rechten Fuß die Beine weg.
Er schlug hart auf.
Ein geschickter Satz von ihr und sie saß auf seinem Rücken, riss seinen Kopf an den Haaren zu sich und hielt ein gezacktes Messer an seine Kehle. Damit hatte er wohl nicht gerechnet.
»Kätzchen, der liebe Levy hat doch nur Spaß gemacht. Komm schon, nimm das Spielzeug weg und lass uns wie Erwachsene reden«, presste er mit weit aufgerissenen Augen panisch hervor.
Sie drückte ihm ihr Knie noch fester in den Rücken und er japste nach Luft. »Reden? Du wolltest doch sonst nie mit mir reden! Lass uns doch einfach da weitermachen, wo wir beim letzten Mal aufgehört haben«, träufelte sie wie Gift in sein Ohr, als sie mit dem Messer die Muskeln in seiner Wange zerschnitt.
Levy quiekte und wand sich wild unter ihr. Die Frau knallte sein entstelltes Gesicht gnadenlos auf den Boden und ließ sich nicht abschütteln.
Ray machte es sich etwas bequemer in seinem Busch, um das Schauspiel noch eine Weile zu genießen. Hilfe schien sie ja nun wirklich nicht zu benötigen.
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