Das glaubte er ihr gerne. Doch ehe sie sich versah, hatte Ray ihr das Messer abgenommen und sie ungalant vom letzten Felsen geschubst.
Sie fiel einen Meter, landete geradewegs auf ihrem Hintern und schnaubte wie ein durchgegangenes Pony. Als sie den Mund öffnen wollte, um mit ihren Drohungen fortzufahren, streckte Ray ihr hilfsbereit seine Hand entgegen.
Ohne danach zu greifen, richtete sie sich auf und klopfte sich den Dreck von ihrer Hose. Mit einer stummen Handbewegung deutete Ray auf ihren Po und räusperte sich. Ein grüner Fleck zierte nun herzförmig ihre Rückseite.
»Ganz toll, da geht man einmal in Zivil auf die Straße …«, fluchte sie leise, während Ray schon wieder den Rückzug antreten wollte.
»Herrgott, jetzt warte doch mal, ich muss was mit dir besprechen.«
Er sah sie emotionslos an: »Dann rede!«
»Ich würde das lieber an einem privateren Ort tun.«
»Rede oder ich bin weg.«
»Wes, Kyle …«, rief sie laut in den Wald hinein und zwei hünenhafte Gestalten traten aus der Böschung. Beide steckten in seltsamen schwarzen Overalls mit dazugehörigen Jacken, die sie offen trugen. Ihre Kleidung bestand aus einem Stoffgewebe, das Ray in dieser Form noch nie gesehen hatte. Aggressiv und kampfbereit fokussierten ihre Augen jede seiner Bewegungen.
Eine geballte Ladung Testosteron kroch Ray in die Nase. Breitschultrig, grimmig und muskelbepackt hinterließen sie die Präsenz von Elitesoldaten einer Kampfeinheit und begafften ihn mit mordlüsterner Miene. Die Burschen waren definitiv auf Krawall gebürstet.
Wieso eigentlich nicht? Gegen eine kleine Rangelei, in der die Fäuste flogen, hatte Ray nichts einzuwenden. Er drehte sich zu ihr und das Fragezeichen stand ihm auf die Stirn geschrieben.
»Das sind meine Brüder – Wesley und Kyle«, deutete sie von rechts nach links. »Sie wollen sicherstellen, dass du mir nicht an die Kehle springst.«
Die will mich wohl verarschen, dachte Ray.
»Deine Brüder, ja?«
»Ganz genau!«
Rays stechend grünen Augen schwangen hin und her wie bei einem Pingpong Spiel.
»Ich glaube, euer Daddy hat die Jungs zu oft in der Sonne spielen lassen«, bemerkte er schneidend, als er zu den beiden Nubiern rüber sah. Ein eindeutiges „Fick Dich“ formte sich auf den Lippen des Typs mit Irokesen -Frisur.
»Aha, ein Pantomime.« Ray schüttelte den Kopf und wollte verschwinden, doch sie packte ihn fest am Arm und sah ihm befehlend in die Augen. Zum Glück erwischte sie nur den aufgerissenen Ärmel seiner Jacke und er stieß erleichtert die Luft aus.
»So schnell kommst du mir nicht wieder davon. Erst reden wir, komm!« Sie zog ihn weiter auf die Lichtung.
»Ganz klar, wer bei euch in der Familie die Hosen anhat.« Ray tapste brav hinter ihr her und sie kletterte auf den Stamm einer umgestürzten Eiche. Seine geschärften Sinne witterten den Geruch von lange getrocknetem Blut an der Rinde des Baumes und auf dem Boden, welches an dieser Stelle einmal vergossen wurde. Wahrscheinlich hatte ein Jäger hier irgendwann mal einen Hirsch erlegt.
Ihre Aufpasser verblieben am Rand der Lichtung auf ihrem Wachposten. Der gefährliche Glatzkopf behielt seine Hände dicht an den Waffen und sah nicht sonderlich begeistert aus, dass sich seine angebliche Schwester so weit von ihnen entfernt hatte. Ray legte die Hände in die Hüften und wartete.
»Wer genau bist du?«, fragte sie nun in einem sanfteren Ton.
»Ich bin Immobilienmakler.«
»Und ich bin eine berühmte Ballerina. Verkauf mich nicht für dumm!«
»Dafür bist du viel zu kurvig.«
»Wie bitte?«
»Fürs Ballett … du bist … ähm … nicht knochig genug.« Er verzog das Gesicht, als er das Fettnäpfchen bemerkte. Ihr hingegen blieb die Spucke weg bei so viel Dreistigkeit.
»Okay … ich bin ein miserabler Immobilienmakler und das ist die reine Wahrheit«, räumte er ein und fuhr sich verlegen mit der Hand über den Nacken.
»Wieso hast du das Arschloch gestern getötet?« Sie baumelte mit den Beinen in der Luft und von der gestrigen Angst war nichts mehr zu spüren.
»Wieso wolltest du ihn denn töten?«, wollte Ray im Gegenzug wissen.
»Wir können das Spiel noch ewig weiterspielen, aber um deinetwillen solltest du langsam anfangen zu reden!«
»Sonst was? Hetzt du mir Mr. T und 50 Cent da drüben auf den Hals? Du willst doch nicht, dass ich deinen ›Brüdern‹ wehtue, oder?«
Aus dem Sitz sprang sie auf ihre Beine, sah majestätisch von ihrer erhöhten Position aus auf ihn nieder und zeigte mit dem Finger auf seine Brust.
»Versuch es und du wirst dein blaues Wunder erleben! Die haben schon etliche von deiner Sorte fertiggemacht! Doch erst mal musst du an mir vorbei …«
Ihre Augen blitzten raffiniert. Diese Frau war risikobehafteter als ein Schießeisen – in jedweder Hinsicht.
»Was genau meinst du mit ›meiner Sorte‹?«, erwiderte Ray und wollte jetzt selbst den Job des Quizmasters übernehmen.
»Du weißt es wirklich nicht, oder?« Ihre Stimme klang ehrlich, als wäre ihr in diesem Moment ein Licht aufgegangen.
»Das sage ich doch die ganze Zeit. Ich habe das Gefühl, du sprichst in einer kryptischen Sprache, die ich nicht verstehe.«
»Okay, dann werde ich dir mal eine kleine Geschichte erzählen.«
Ray sprang neben sie auf den Baumstamm und sie zuckte zusammen, weil sie mit seiner schnellen Bewegung nicht gerechnet hatte – dumm von ihr.
Er setzte sich hin, lehnte sich mit dem Rücken an die hochragenden Wurzeln und winkelte gemütlich die Beine an.
»Ich liebe Geschichten. Dann schieß mal los, Schätz… ähm, wie war noch gleich dein Name?«
»Jules … sie heißt Jules, du Arschloch!«, rief es im Chor aus der Böschung.
Sie verdrehte kurz die Augen und wandte sich dann wieder Ray zu.
»Ich war sieben Jahre alt, als man mich den Armen meiner Schwester entrissen hatte und mich verschleppte. Der Ort, an dem man mich gefangen hielt, war dreckig, stickig und es war bitterkalt.«
»Ja, wirklich traurig, aber …«
»Willst du es nun hören oder nicht?«
»Also gut, erzähl weiter.« Ray lehnte sich wieder zurück und deutete ihr an, dass er nun seinen Schnabel halten würde.
»Monatelang ließ man mich alleine und schob das Essen durch rostige Gitterstäbe. Die Zeit verschwamm vor meinen Augen. Irgendwann wusste ich nicht mehr, welcher Tag war und ich lebte mit der Gewissheit, dies war die Endstation. Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte man mich aus der nassen Zelle in ein Zimmer. Dort war es sauber, es gab ein weiches Bett mit kuscheligen Spitzenkissen und es hatte sogar ein Badezimmer. Ich verbrachte Stunden in der Dusche und wärmte mich unter dem heißen Wasserstrahl. Goldene Armaturen und ein Waschbecken aus weißem Marmor ließen mich beinahe vergessen, wo ich die letzten Wochen verbracht hatte. Dann öffnete sich plötzlich eine zweite Tür und man sagte mir, ich müsse den langen Tunnel bis zum Ende durchschreiten. Ein feuchter Wind wehte mir um die Nase, obwohl ich mich tief unter der Erde befand. Piktische Symbole durchzogen die hellgrauen Felswände zu allen Seiten. Sie verwandelten das sonst karge Gestein in ein uraltes Geofakt, welches vom herunterhängenden Wurzelwerk umwoben wurde, als wollten die Pflanzen es bis in alle Ewigkeit vor dem Zahn der Zeit bewahren. Ich lief auf lehmigem Untergrund, der von vielen kleinen Füßen festgetrampelt worden war. Nur mit einer Kerze in der Hand und großer Furcht wagte ich mich weiter in die Finsternis. Am Ende des Weges empfing mich ein ehrfurchterregendes Tor und ich betrat einen herrschaftlichen Saal von monumentalem Ausmaß. Alles war hell erleuchtet und wunderschöne blaue Glasgebilde, die das Licht in alle Himmelsrichtungen reflektierten, formten die hohe Decke. Wandteppiche fielen hoch oben vom Gewölbe und ein Königsthron auf einer Empore verlieh diesem Saal etwas unglaublich Mächtiges. Ein verwunschenes Märchenschloss dachte ich damals. Was war ich doch naiv!«
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