Ray zog das Handy etwas näher an sein Gesicht und war fassungslos. Seine Pupillen waren kaum noch zu sehen. Schmale Schlitze teilten die Augen in der Mitte wie bei einem Alligator … oder einem Gecko … oder einer Katze bei Nacht. „Alien“ wäre ihm als nächstes in den Sinn gekommen.
Etwas Wildes und Gefährliches verbarg sich dahinter. Wie ein aufgewühlter rotgelber Ozean schwappte das Glühen hin und her und die Wellen überschlugen sich. Es war das flüssige Feuer aus seinen Venen, das nun langsam abkühlte, immer schwächer wurde und am Ende ganz erlosch. Nach ein paar Sekunden war nichts mehr zu erkennen.
Ray schnappte nach Luft und das heiße Blut floss quälend langsam zurück aus seinem Kopf und verteilte sich wieder im Körper.
Sollte diese verrückte Geschichte wirklich wahr sein? War das der Grund für sein ganzes beschissenes Leben? Dass er nicht normal war, hat er ja schon immer gewusst. Jedoch dachte er, dass es an ihm lag, dass er einfach nicht ganz richtig im Kopf sei.
Sollte seine Herkunft nur eine Lüge gewesen sein und er war nicht einmal menschlich? Rays Wange war nun nicht mehr rot, er war kreidebleich wie ein Gespenst.
»Geiler Scheiß was, Maple Leaf?«, rief Wesley von der Seite.
»Jungs, jetzt lasst ihm mal eine Minute«, tadelte Jules ihre Brüder. »Ihr seht doch, er steht unter Schock.«
»Sein Teint hat etwas Farbe verloren. Wir sollten ihm einen Skunk fangen, er braucht vielleicht ’ne kleine Stärkung«, provozierte der kahl geschorene Kyle und klatschte Wesley in die offene Hand.
Jules bemerkte nur einen kühlen Luftzug, als Ray schon vor Kyle stand und ihm sein Messer gegen den Schritt drückte.
»Noch so ein Spruch und du singst die Zauberflöte in einer anderen Tonart, verstanden?«
Kyle verzog keine Miene. Seine teerschwarzen Augen blinzelten nicht einmal.
»Wes, Knarre runter! Du, Messer weg! Und Kyle, du hältst jetzt die Klappe!«, schrie Jules wie eine überforderte Mutter. Sie sah ziemlich angepisst aus und alle drei ließen gehorsam voneinander ab.
Ray raufte sich die Haare. »Leute, ich muss das hier erst mal verdauen. Reden wir ein anderes Mal weiter.«
»Treffen wir uns morgen wieder?«, fragte Jules unvermittelt.
»Einverstanden, ich bin gegen Mitternacht hier.«
»Wie wär’s, wenn wir uns im Zombie treffen?«, warf Wesley ein und glitt sich mit den Fingern durch seinen buschigen Iro.
»Jetzt sag nicht …«
»Nein, es gibt keine Zombies. Zumindest kenne ich persönlich keinen«, beschwichtigte Jules Ray mit einem Lächeln im Gesicht.
»Ähm, Jules, was ist mit Ty? Bei dem wäre ich mir da nämlich nicht so sicher!« Ihr Blick schoss scharf zu Wesley und sie legte sich die Hand auf die Stirn, als hätte sie Kopfschmerzen. »Lass ihn das besser nicht hören.« Ihre zwei Brüder im Zaum zu halten war schwieriger, als einen Sack Flöhe zu hüten.
»Er meint das Zombie-Calyptica. Das ist ein Club in Glendale.«
»Unser Club«, fügte Wes mit vor Stolz geschwollener Brust hinzu.
»Alles klar, dann morgen im Z-o-m-b-i-e. Ich hoffe, Daryl Dixon kommt auch.«
»Daryl wer?«
»Ach, schon gut. Und hey, ich werde morgen viele Fragen haben, dass das mal klar ist«, prophezeite Ray und deutete mit der Hand nacheinander auf alle drei, bevor er in den Wald stapfte.
»Ey, Maple Leaf, wie heißt du eigentlich?«, brüllte Wesley in die Dunkelheit.
Mit einer raschen Handbewegung riss Ray sich das aufgenähte Ahornblatt von der Brust und trampelte es wüst in den Waldboden. »Ray … mein Name ist Ray Fox!«, hallte es leise aus der Ferne und die Brüder stürzten augenblicklich zu Jules, die beim Klang seines Namens zusammenklappte wie ein Kartenhaus.
Kapitel 5
»Was machst du hier?«, erkundigte sich Patt, als Ray ganz unerwartet im Büro auftauchte und eifrig mit seinem Stuhl an den Schreibtisch heranrollte.
»Arbeiten, was sonst! Wir haben einen Job zu erledigen, schon vergessen?« Ray sah ziemlich fertig aus. Dunkle Augenringe kennzeichneten sein ausgemergeltes Gesicht und die blasse Haut spannte sich straff über seine kantigen Wangenknochen.
»Bist du sicher, dass du das schon schaffst? Geht’s dir auch wirklich gut?«, hinterfragte Patt zaghaft.
»Klar, alles bestens. Mir fehlt nur etwas Schlaf.«
Sie kannte ihn viel zu gut und spürte gleich, dass er ganz und gar nicht in Ordnung war. Aber gerade weil sie ihn so gut kannte, wusste sie, dass man mit Druck bei ihm nicht weiterkam.
Als Ray damals in ihr Leben stolperte, war er ein verunsicherter Junge gewesen, der nicht wusste, wer er war und was das Leben für ihn bereithalten mochte. Der nicht klarkam mit dem, was das Schicksal ihm an großartigen Geschenken darbot.
Nach außen gab er sich selbstbewusst und tapfer, aber im Inneren war er leer und zerfressen und sehnte sich nach Zuneigung. Patt gab Ray nie das Gefühl, schwach oder verrückt zu sein. Sie gab ihm jenes Zuhause, welches er sich erträumte. Hauchte seinem traurigen Dasein wieder Leben ein und unterstützte ihn mit solch einer Hingabe, dass es ihn tief bewegte.
Er hatte ihr nie gesagt, wie wichtig sie ihm war und das wäre auch nicht nötig gewesen. Denn sie fühlte es in jedem Augenblick, den sie zusammen verbrachten. Sie verlangte keinen Dank dafür. Sie wollte einfach nur, dass er glücklich war.
»Na gut, mein Lieber, dann legen wir mal los«, instruierte sie Ray und legte ihm einen Umschlag auf den Tisch. »Das kam heute früh per Kurier. Dreimal darfst du raten von wem.« Das braune Kuvert trug Dooleys Firmenanschrift als Absender.
»Das nenne ich mal geschäftstüchtig«, bemerkte Ray sichtlich beeindruckt. Er öffnete den Umschlag und zog zunächst ein schwarzes Prepaid-Handy hervor. Als nächstes kam eine prall gefüllte Akte zum Vorschein. Ganz oben drauf klemmte ein Brief, der an Ray gerichtet war:
Mr. Fox,
hier erhalten Sie wie vereinbart den ersten Auftrag. Ich erwarte, dass Sie die Person auf dem Foto für mich ausfindig machen. Nähere Informationen entnehmen Sie dem Dossier. Rufen Sie mich an, wenn Sie meine Post erhalten haben. Benutzen Sie ausschließlich das beiliegende Telefon, um mich zu kontaktieren. Meine Nummer ist in der Wahlwiederholung gespeichert.
J. Dooley
PS: Einen Scheck für die Anzahlung finden Sie ebenfalls im Umschlag.
Ray und Patt wechselten einen überraschten Blick.
»Ich soll eine Person finden? Hat er vergessen, dass ich Immobilien suche und keine Menschen?«
Patt zuckte nur verständnislos mit den Schultern und wühlte weiter im Umschlag. »Schau doch erst mal in die Akte.«
Ray schlug die erste Seite auf und erspähte das Foto eines Mannes, welches mit einer silbernen Büroklammer befestigt war. Er hatte ein sehr eklatantes Gesicht und musste um die Dreißig sein. Die goldblonden Haare fielen ihm zottelig bis zum Kinn und trotz des ungepflegten Äußeren, war er keineswegs unansehnlich. Im Gegenteil, er sah sogar außerordentlich gut aus für einen Mann seines Kalibers.
Das Bild zeigte ihn nachts auf einem Parkplatz und es erweckte nicht den Eindruck, als hätte er sich freiwillig zum Fotoshooting gemeldet. Gestrüpp ragte weit in die Aufnahme hinein, als hätte sich der Fotograf in einem Busch versteckt, was vermutlich die beste Entscheidung seines Lebens gewesen war. Denn dem massiven Körperbau nach zu urteilen, war dieser Typ im Zuhälter- oder Drogenmilieu zu Hause. Ganz wahrscheinlich sogar schloss das eine das andere nicht aus.
Der Riese reichte weit über das Dach des schwarz-glänzenden SUVs hinaus und hinterließ den Eindruck eines ranghohen Mitglieds der russischen Mafia. Groß, blond und mit derart skrupellosem Look, erfüllte er alle Klischees beispiellos.
Ray blätterte eine Seite weiter und las verschiedene Firmennamen, die nach Prioritäten aufgelistet waren. Ganz oben und fett unterstrichen stand das Unternehmen G.R.E. – Genoir Real Estate .
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