Jules lachte bitter. Sie könnte sich heute noch ohrfeigen für ihre Blauäugigkeit.
»Trotz meines Misstrauens fühlte ich mich sicher und geborgen in dieser historischen Umgebung. Ich stellte mir vor, ich wäre eine Prinzessin und ein kühner Prinz auf einem weißen Pferd würde mir bald zur Hilfe eilen und mich befreien.« Sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals, aber fasste sich wieder.
»Ein anderes Tor öffnete sich. Es war jedoch kein Prinz, der eintrat. Eine riesige Gestalt mit langen pechschwarzen Haaren fixierte mich mit eisblauen Augen – spiegelnd und kühl wie zwei geschliffene Diamanten. Er maß bestimmt zwei Meter vom Scheitel bis zur Sohle und altertümliche Gewänder kleideten ihn. Seine Brust umfing eine Art Lederpanzer, der seine Muskeln nachformte und ein schwerer Umhang, der an seinen Schultern befestigt war, bedeckte den gewaltigen Rücken. Wie ein keltischer Krieger verdrängte er die Luft im Raum mit bedrohlicher Wirkung. Ich wollte weglaufen, wollte fliehen, aber die Angst lähmte mich. Schon stand er vor mir und packte mich mit seinen gewaltigen Pranken. Er schnüffelte an mir herum wie ein Bluthund, der einer Fährte nachspürte und knurrte auch genauso. Ich habe ihn angefleht, mich loszulassen, hab versucht, mich von ihm loszureißen, aber in seinem brutalen Griff gefangen, konnte ich mich keinen einzigen Zentimeter bewegen. Dieser Riese starrte mich an, als wäre er besessen von mir. Ich erschrak, als sich sein eisblauer Blick plötzlich in die glühenden Augen eines Dämons verwandelte. Seine nachtschwarzen Pupillen zogen sich zusammen, bis nur noch ein schmaler Schlitz zu sehen war. Seine Iris dagegen brannte lichterloh. ›Da hat mir Goblin nicht zu viel versprochen‹, waren seine letzten Worte, bevor er mir die Zähne in die Schulter rammte. Sein Biss war fürchterlich und meine Beine gaben nach. Doch er hielt mich so fest umklammert, dass ich in der Luft baumelte. Immer gieriger saugte er an meiner Schulter, bis ich dachte, jeden Moment reißt er mir das Fleisch von den Knochen. Schmatzend und grunzend stieß er immer wieder zu, um noch mehr Blut zu trinken. Ich fühlte mich plötzlich schwerelos, beinahe gleichgültig. Um mich herum wurde es dunkel und ich konnte spüren, dass dieses Monster das Leben aus mir sog. Die Wärme verließ mich und eine kalte Leere nahm meinen Körper in Besitz. An der sicheren Schwelle zum Tod fand ich mich mit meinem Schicksal ab und kämpfte nicht weiter gegen ihn an. Sanft ließ ich mich in dem eisigen Fluss treiben und bedrängte ihn, noch mehr von meinem Blut zu nehmen. In der Ferne hörte ich eine Stimme und ich wünschte mir, dass es meine tote Schwester war, die von der anderen Seite nach mir rief. ›Genug mein Herr, ihr bringt das Mädchen sonst um‹, vernahmen meine Ohren leise. Noch ein weiterer tiefer Zug und er ließ endlich von mir ab. ›Bring sie weg, Goblin!‹, fauchte er verärgert und warf mich zu Boden, als wäre ich eine leere Milchschachtel. Genüsslich leckte er sich danach das Rot von den Lippen und schnurrte zufrieden, dieser versoffene Scheißkerl. Dann steckte man mich zurück in die schmutzige kleine Zelle und ich erholte mich nur langsam von den Verletzungen.«
»Scheiße, das ist ja schrecklich.«
Ray war ganz flau im Magen. Irgendwie tat sie ihm leid, obwohl er sie gar nicht kannte.
»Das war schrecklich? Warts ab, das war noch lange nicht das Ende der Geschichte.«
Jules fuhr fort: »Die Jahre verliefen wie in einer Endlosschleife. Die meiste Zeit hockte ich alleine in dieser Zelle. Nur selten hatte ich die Möglichkeit, mit den anderen Mädchen zu sprechen, die mit mir gefangen waren. Wir mussten unsere Worte sorgfältig wählen, denn die Wände hatten Ohren. Manchmal redeten die Wachen mit mir. So sehr ich sie auch hasste, ich war froh über jede noch so kleine Konversation. Einer brachte mir hin und wieder heimlich Bücher vorbei. Manchmal sogar Schulbücher. Dennoch fürchtete ich, er würde irgendwann eine Gegenleistung dafür einfordern. In regelmäßigen Abständen brachte man mich wieder in das schöne Zimmer, um mich anschließend dieser schrecklichen Kreatur zu übergeben. Sie haben mich vorher immer mit vitaminreicher Kost gefüttert, damit ich diesem Wichser auch gut schmeckte. Irgendwann, keine Ahnung, wie viel Zeit bereits verstrichen war, hörte es auf. Ganz plötzlich. Ich habe ihn niemals wiedergesehen. Doch dafür viele andere. Denn als ich älter wurde, schickte man mir ›Besuch‹. Es waren Männer, nicht so wie diese Kreaturen, sondern ganz normale Männer, die dafür bezahlten, mit mir tun zu können, was auch immer sie wollten. Wie unser Freund Levy. So hieß er doch, oder? Levy Gumb?«
Ray nickte.
Auf ihren Wimpern glitzerte etwas, doch sie wischte es hastig beiseite.
»Eines Nachts kam eine der Kreaturen zu mir. Es war einer ihrer Jäger, ich erkannte es an der Uniform, die er trug. Ich hatte keine Angst, denn es gab nichts, was man mir nicht schon längst angetan hatte. Er stöhnte vor Schmerzen und war offensichtlich schwer verletzt. Als er näher kam, sah ich die klaffende Wunde an seinem Bauch, wie sie eigentlich nur die Klinge eines Schwertes hinterlassen haben konnte. Er presste die Hände dicht an seinen Körper, damit die Eingeweide nicht herausfielen. ›Dein Blut wird mich retten‹, hatte er gekrächzt, bevor er zubiss. Er trank gerade mal zwei Schlucke von mir, als ich mit bloßem Auge zusehen konnte, wie die Wundränder sich wie von Zauberhand schlossen und alles nahtlos verheilte. Später belauschte ich die Wachen und erfuhr, dass man ihm den Kopf abgeschlagen hatte, weil er es wagte, die Nahrung des Königs anzurühren. Von da an beobachtete ich die Kreaturen aufmerksam und über die Jahre hatte ich ihre Strukturen und Bräuche verstanden. Ich gab mir selbst das Versprechen, es eines Tages dort rauszuschaffen. Dafür musste ich alles über sie lernen, sie studieren und verstehen.«
»Was sind sie?«, hakte Ray nach.
»Sie nennen sich selbst die Hotheri – ich nenne sie Kreaturen –, sie leben ähnlich organisiert wie ein Bienenstaat. Der König ist ihr Oberhaupt. Wir Mädchen waren ausschließlich für ihn und die ranghöheren Kreaturen vorgesehen und dienten ihnen abwechselnd als Nahrungsquelle. Meistens jedoch verlangte er nach mir. Mein Blut schien besonders wertvoll für ihn zu sein. Das Blut meiner Schwester war scheinbar nicht rein genug oder sie war schlichtweg zu alt. So überließ Goblin, seine rechte Hand, Anna damals seinen Männern und sie tranken sie leer bis auf den letzten Tropfen. Waren wir nicht mehr jung genug oder das Blut verunreinigt durch die Krankheiten der Menschenmänner, bekamen wir einen neuen Verwendungszweck und trugen ihre Babys aus. Oft verschwanden die Mädchen auch einfach und kehrten nie mehr in ihre Zellen zurück. Manchmal fütterten sie uns mit ihrem Blut, wenn wir krank waren, um uns zu heilen. Doch viele von ihnen verzehrten sich so sehr nach unserem Schmerz, dass sie uns lieber leiden ließen. Die Wachen waren für die Gefangenen verantwortlich und stellten sicher, dass keiner entkam. Ihre Jäger schwärmten jeden Tag aus, um frisches Blut zu finden. Reines Blut, aus einem perfekten Genpool. Die Soldaten unter ihnen waren präzise ausgebildete Kämpfer, einzig gezüchtet zum Schutz der Gemeinschaft. Doch die wichtigste Aufgabe hatten ihre Mischlinge. Diese Hybriden entsprangen der Verpaarung mit einer Menschenfrau. Die Nachkommen waren hochintelligent und körperlich absolut fehlerlos. Das Erbgut wurde sehr sorgfältig ausgewählt und nur die perfekteste DNA durfte sich vererben. Hochmoderne Labore und Wissenschaftler in ihren Kreisen erleichterten ihnen die Auslese. Die Hybriden lebten unbemerkt in der Menschenwelt – auch heute noch. Sie werden jahrelang auf ein Leben außerhalb der unterirdischen Verstecke vorbereitet. Dort agieren sie und manipulieren die Wirtschaftsspitze und die Politik zu ihren Gunsten. Doch sie sind schwer zu kontrollieren. Sie sind schlau und starrsinnig gleichermaßen. Der menschliche Teil lässt sie emotionaler denken und handeln. Sie sind in der Lage, Mitleid zu empfinden, zu trauern oder zu lieben. Und sie können hassen, selbst ihre eigene Art.«
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