Michael lachte. „Ja, ich erinnere mich an ihn. Das war wirklich ein geschickter Schachzug. Nun muss der Rat der Dämonen sich mit ihr und diesem Problem befassen. Was glaubst du? Werden sie ihr auf die Schliche kommen? Und es uns wohlmöglich noch einfacher machen?“
Raphael wiegte leicht den Kopf. „Das ist mein Plan, aber da diese hinterwäldlerischen Kreaturen so schwer einzuschätzen sind, rechne ich nicht unbedingt damit. Aber dafür habe ich ja Mariel. Sie ist meine Trumpfkarte. Sobald sie den Herrn der Schatten von ihr getrennt hat, wird es uns ein Leichtes sein, die Schwestern zu töten und zurück in den Himmel zu holen. Ach, wo wir gerade dabei sind: Wie steht es um die Fertigstellung ihrer Gefäße?“
Der andere Engel verlagerte sein Gewicht und schlug die Beine übereinander. In seinem schwarzen Anzug mit dem offenen, roten Seidenhemd sah er aus, wie ein irdischer Kredithai. Die dunkle Sonnenbrille tat ihr Übriges dazu.
„Die Konstruktionen sind fast abgeschlossen. Gerade heute, bevor ich mich mit dir traf, informierte man mich, dass die letzte Kristallschicht aufgetragen wird. Ich denke, spätestens in sieben Tagen sind die Gefäße fertig. Und stark genug, um die Seelen der Schwestern bis in alle Ewigkeit gefangen zu halten.“
Herrlich! , dachte Raphael und lehnte sich zurück. Sein ganzer Körper kribbelte in stiller Vorfreude. All seine so wohl geschmiedeten Pläne gingen auf. Er hob die Hand und winkte eine Kellnerin heran, um noch mehr Champagner zu bestellen.
*
Ich erwachte in einem warmen Raum. Das Geräusch eines kleinen Kaminfeuers kitzelte meine Ohren und mein müder Körper war in weiche, warme Wolldecken gewickelt. Es roch nach Sandelholz und Bergamotte. Begleitet von dem zarten Duft des Todes. Da war jemanden bei mir. Wer war das?
Langsam versuchte ich, die Augen zu öffnen. Das Licht war gedämpft. Lediglich das Feuer und ein paar Kerzen vertrieben die Schatten. Das machte es meinen Augen wesentlich angenehmer.
„Ahh ...“, hörte ich es neben mir, dann das Rascheln von Kleidung und Stoff, „Du bist wach. Schön.“
Ein warmer Körper kniete neben mir und ich wandte den Kopf. Nur um in eiskalte, blaue Augen zu sehen. „Connor!“
Mein Schrei gellte durch den Raum. Reflexartig versuchte ich aufzuspringen, um davonzulaufen, doch ich kam nicht weit. Mein Brustkorb wurde mit der Gewalt eines Lastwagens zurück auf das Sofa gepresst.
„Nicht so schnell.“
In seiner Stimme lag ein warnender Unterton, dunkel und tief genug, um mich tatsächlich innehalten zu lassen. Connor musterte mich mit diesen bitterkalten, wunderschönen Augen. Lange und schweigend, bis schließlich ein schmales Lächeln seine Züge weicher werden ließ.
„Mir scheint, du bist wieder da.“
Ich verstand kein Wort. Aber das war auch völlig egal. Ich musste hier weg!
„Bitte sag nicht, dass du mich mit zu euch genommen hast“, sagte ich leise und meine Stimme war rau. Connors Lächeln wurde schief.
„Doch.“
Ich fluchte und versuchte all die Bilder von Schmerzen und Monstern, die meinen Kopf fluteten, zu verdrängen. Gott sei es gedankt, konnte ich in meinem erschöpften Zustand kaum klar denken und das hielt auch die Panik fern.
Langsam versuchte ich mich erneut aufzusetzen, aber Connors Hand drückte mich wieder zurück.
„Das würde ich an deiner Stelle lieber noch lassen.“
„Lass mich aufstehen, Connor! Ich will gehen!“
Er schnaubte verächtlich, ließ mich aber los. „Du hast wirklich keine Ahnung, was letzte Nacht passiert ist, oder?“ Kommentarlos sank ich zurück in die Kissen.
„Natürlich. Es war Vollmond und ich … “
Erschrocken verstummte ich, als ich feststellte, dass ich mich nicht erinnern konnte. Ich konnte mich nicht erinnern!
Blinde Panik schnürte mir die Kehle zu, als die Vergangenheit ihre Klauen nach mir ausstreckte. Das Rascheln von Papier drang an meine Ohren und plötzlich tauchte eine Tageszeitung vor mir auf. Das große Titelbild war rot. Blutrot und dunkel. In den blutigen Resten schimmerte rosa der Morgen.
Das völlig aus dem Zusammenhang gerissene Bild zog mich aus dem Strudel der Angst, in den ich zu geraten drohte. „Was …?“, fragte ich verwirrt und sah Connor an.
„Das warst du. Heute Morgen, um genau zu sein. Längst nach Dämmerung, wie du sicher sehen wirst. Ich finde ja, sie haben dich ganz hervorragend getroffen, nicht?“
Der Sarkasmus in seiner Stimme entging mir gänzlich, als ich das Bild erneut anstarrte und erst jetzt begriff, was genau ich mir da ansah. In den Schatten zwischen zwei Häusern glühten goldene Sterne, blicklos und wild. Ohne Verstand. Sie saßen im Kopf eines … Monsters.
Anders konnte ich die Kreatur nicht beschreiben, die dort schemenhaft hockte, über und über mit menschlichem Blut befleckt.
„Höllenhunde terrorisieren London!“
Die Schlagzeile brannte sich unwiderruflich in mein Hirn. Und die Wahrheit, die sich dahinter verbarg, war so grausam, dass sich mein Verstand schier weigerte, sie zu verstehen.
Das war ich.
Ich hatte die Kontrolle verloren.
Ich war zu diesem Monster geworden …
„Ich musste dich niederschlagen, damit du zur Besinnung kamst.“ Connors ernste, leise Stimme schnitt hart durch das Entsetzen in meinem Inneren.
„Du kannst von Glück sagen, dass ich da war und das wir uns nicht bei Sonnenaufgang zurückverwandeln, wie ihr. Du hast völlig den Verstand verloren, als du mich in der Gasse entdeckt hast.“
Er streckte den Arm aus und wies auf einen Haufen blutverschmierter Handtücher neben der Tür. Offenbar hatte ich ihn schwer verletzt. Zu sehen war von dieser Wunde nun nichts mehr. Dafür heilten Warge viel zu schnell.
„Du hast mich halb in Stücke gerissen, bevor ich dich außer Gefecht setzen konnte. Wärst du nicht so blind vor Mordlust gewesen, wäre es mir vermutlich gar nicht gelungen. Leider hast du vorher noch ein ganz schönes Massaker mit meinem Abendessen veranstaltet. Den Fotografen habe ich leider nicht einmal gesehen. Heutzutage hat ja aber auch jeder Depp ein Fotohandy. Schrecklich diese Technik. Als du dich verwandelt hattest, habe ich dich hierher gebracht, weil ich nicht wusste, wohin mit dir. Und liegenlassen konnte ich dich ja schlecht.“
Vollkommen verwirrt starrte ich ihn an, während mein Gehirn sich darum bemühte, seinen Worten einen Sinn abzuringen. Er hatte dafür gesorgt, dass ich keinen größeren Schaden anrichtete. Und mich davor bewahrt, von den Menschen entdeckt zu werden. Obwohl ich ihn verletzt hatte, hatte er mich mit hierher genommen.
„Wo sind wir hier?“, fragte ich ihn, als ich bemerkte, dass sonst niemand hier war. Connor lehnte sich zurück auf seine Fersen.
„Das hier ist meine Wohnung. Meine ganz private. Du musst dir also keine Sorgen machen, dass Ira gleich hereinplatzt. Er weiß nichts hiervon.“ Er hob die Schultern. „Wir haben also sturmfrei!“ Er grinste wie ein Teenager, der im elternfreien Haus eine Riesen-Party schmeißen wollte. Ich musste unwillkürlich lächeln. Von der Erleichterung, die mein Herz überflutete, ganz zu schweigen. Ira würde ich hier jedenfalls nicht begegnen, wenn Connor mich nicht anlog. Ira …
„Ich habe dich für ihn gehalten. Dort in der Gasse ...“, murmelte ich, kaum hörbar. Connor stieß in einem Seufzen die Luft aus. „Das erklärt wohl einiges.“
In einer schwungvollen, kräftigen Bewegung erhob er sich wieder auf die Füße. „Da du ja jetzt wach bist, werde ich mich auf die Suche nach etwas zu Essen für dich machen. Leider wirst du erst einmal mit normalem Essen vorlieb nehmen müssen, da es bereits Tag ist, aber bei Einbruch der Dunkelheit … “
Ich unterbrach ihn. „Danke. Aber ... Ich komme schon zurecht.“
Connor sah mich mit erhobener Augenbraue an. „So?“
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