Solange verbrachte er die Nächte nun schon ohne sie und dennoch war sie alles, was seine Gedanken beherrschte. Das Erbeben seines Körpers beendete jäh seine Gedanken. Die Zähne noch tief im Hals der Frau vergraben, stöhnte er auf. Kaum hatte er jedoch seinen Hunger und die übrigen Bedürfnisse seines Körpers gestillt, ließ er die Hure los und stieß sie von seinem Schoß.
Mit einem verwirrten Aufschrei landete ihr bloßer Hintern auf dem schmutzigen Boden. Das Unverständnis in ihren Augen, und vor allem diese bedingungslose Hörigkeit, machten ihn wahnsinnig! „Scher dich weg!“, zischte er und die Augen der Frau wurden noch größer. Der scharfe Geruch von Angst erfüllte die Luft, als sie sich herumwarf und eiligst das Weite suchte.
Ira schnaubte abfällig, während er seine Hose zuknöpfte. Das Gefühl gesättigt zu sein konnte er nicht genießen. Es war kaum von langer Dauer. Sein Hunger verlangte etwas anderes, doch das war schlicht unerreichbar.
*
Oh, verdammt!
In meinem Kopf drehte sich alles. Die Welt um mich herum war undeutlich und verschwommen, als ich die Augen aufschlug. Mein Schädel dröhnte und mein ganzer Körper zitterte vor Schmerz. Als ich mich bewegte, schrie mein Magen in einem protestierenden Gebrüll auf.
Keuchend vor Übelkeit sackte ich zurück. Wo auch immer ich hier war ...
Ich roch nassen Asphalt. Regen und Dreck. Und Blut, aber das war wohl größtenteils mein eigenes. Scheiße, wie war ich denn hier hergekommen? Und was war passiert? Ganz langsam versuchte ich ein erneutes Aufstehen. Und siehe da, mein Körper rappelte sich stöhnend und keuchend auf. Blut tropfte auf den Boden. Meine Hand tastete hinter mich und fand eine Hauswand, an der ich mich abstützen konnte. Dann erst sah ich mich um. Es war dunkel um mich. Eine unbeleuchtete Seitengasse, wie es aussah. Mülltonnen und Unrat. Es wurde gerade wieder Morgen. Am fernen Horizont, den ich nur zwischen den Hausdächern hindurch erkennen konnte, zeichnete sich sanfte Farbe ab. Langsam ließ ich mich an die Wand hinter mir sinken. Ein Grinsen lag auf meinen Lippen.
Verdammt, mir tat wirklich jeder Knochen im Leib weh. Ich glaubte auch, dass einer meiner Knöchel gebrochen war. Schade, dass die Verletzungen nie von Dauer waren. Ein paar Stunden und der Bruch wäre Geschichte. Ebenso, wie die Muskelschmerzen und die äußeren Verletzungen. Trotz der permanenten Unterernährung heilte mein Körper immer noch ziemlich schnell. Viel zu schnell. Meine Fäuste droschen gegen den Backstein. Der Schmerz schoss in heißen, roten Fäden durch mich hindurch. Ich biss mir auf die Lippen, bis sie bluteten, damit ich nicht schrie. Der Schmerz tat gut. Ich wollte ihn. Genauso, wie die Prügelei, die ich letzte Nacht angezettelt hatte und wegen der ich jetzt in dieser Seitengasse aufgewacht war. Ich brauchte diese Gewalt und die Schmerzen, damit ich mich überhaupt noch spürte … Und es lenkte ihn von meiner Tochter ab. Empfand ich körperlichen Schmerz, spürte ihn auch mein Wächter. Und ich wollte, dass dieser Schmerz alles war, was er spürte.
Aber nun sollte ich langsam nach Hause, bevor mich noch jemand fand. Nachsehen, ob Er noch da war.
Vorsichtig stieß ich mich von der Wand ab und wankte aus der Seitenstrasse. Die Hauptstraße, auf die ich kam, erkannte ich wieder. Mal sehen, wo ich mein Motorrad geparkt hatte …
*
Nicolai fuhr mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Das tat er immer, wenn er zu Cassie wollte. Cassandra Emerald. Seine Freundin. Ein Mensch.
Seufzend lehnte er den Kopf gegen die Scheibe. Wie gern würde er sie zu sich nach Craven holen. Jedes Mal, wenn er zu ihr fuhr, drehten sich seine Gedanken um dieses Thema. Sooft in den zehn Jahren ihrer Beziehung hatte er Mark auf Knien angefleht und doch nur immer die gleiche Antwort bekommen: Nein.
Es tat weh, aber Nick wusste, dass Mark recht hatte. Ein Rudel war kein Ort für eine Menschenfrau. Die Sitten waren hart, gerade für ihn als niedrigster in der Rangfolge. Eine Prügelei, bei der sie zwischen die Fronten geriet, und sie würde es wohl nicht überleben. Das Risiko war einfach zu hoch. Ihr Leben zu kostbar. Doch Cassie wusste, was er war, was die anderen in Craven waren und was ihr blühte, wenn sie dieses Geheimnis je verriet.
Das war wohl das schwierigste Jahr ihrer Beziehung gewesen. Nachdem Nick ihr gesagt hatte, dass er ein Werwolf ist. Natürlich wollte sie ihm partout nicht glauben. Welcher normal aufgewachsene Mensch würde das auch schon?
Er hatte es ihr beweisen müssen. Indem er eine Vollmondnacht in der Stadt verbrachte. Als sie das Unglaubliche dann in vollendeter, schwarzer Gestalt vor sich sah, war sie nicht schreiend davongerannt. Sie hatte nicht den Verstand verloren und auch nicht die Polizei gerufen.
Nein, Cassie, seine wundervolle, atemberaubende Cassie, war, wenn auch mit rasendem Herzen und Angstschweiß auf der Stirn auf ihn zu getreten und hatte ihre warme Hand auf seinen Kopf gelegt. „Ich erkenne dich. Das bist immer noch du, Nick.“
Ihre Worte widerhallten in seinen Ohren, wenn er daran zurückdachte. In diesem Moment war sein Herz ein für alle Mal an sie verloren. Nie wieder würde er ein anderes Wesen so lieben, wie diese Frau. Das schrille Klingeln kündigte die nächste Haltestelle an und Nick stieg aus. Cassie war Lehrerin an einer Grundschule in direkter Nähe vom Finsbury Park. Sie bewohnte dort mit einer Kollegin und Freundin ein kleines Reihenhäuschen. Vorgarten, Zaun, Terrasse. Alles, was dazugehörte. Sie führte ein solides, ehrliches Leben und nicht selten kam sich Nick vor wie ihr dunkles, kleines Geheimnis, der Schmutzfleck auf ihrer weißen Weste. Mürrisch stopfte er die Hände in die Taschen und lief den Weg entlang. In seinen Adern kochte bereits die wilde Vorfreude. Nur mit Mühe und Not hatte er sich von Mark die Erlaubnis erkauft, diesen letzten Tag vor Vollmond hierher zu dürfen. Viel Zeit blieb ihm auch nicht mehr, bis die Sonne unterging und seinen Körper zwang, sich zu verändern.
Hätte Cassie am Telefon heute früh nicht so aufgewühlt geklungen, wäre er wohl auch nicht hergekommen. Aber sie bat ihn darum, also war er gekommen. Ein düsterer Teil von ihm knurrte, dass es hoffentlich etwas Wichtiges und er den Weg nicht umsonst gekommen war. Er klopfte an ihrer Tür und trat einen Schritt zurück. Wenn Lydia, ihre Mitbewohnerin aufmachte, wollte er nicht wie ein bedrohlicher Schatten im Türrahmen lauern. Die Tür ging auf und Cassie erwartete ihn.
„Nick! Endlich!“ Sie fiel ihm um und Hals und drückte sich an ihn. Er konnte die Tränen noch an ihr riechen. Ihr ganzer Körper strahlte Schmerz, Angst und Anspannung aus. Sanft aber bestimmt ergriff er ihre Schultern und drückte sie etwas von sich. Er fing ihren Blick auf und hielt ihn fest. „Was ist los, Cassie? Was ist passiert?“
Er versuchte ruhig zu klingen, aber die Sorge um ihr Wohlbefinden ließ Zorn in ihm aufkeimen. Wenn ihr irgendjemand wehgetan hatte, dann …!
Er spürte, wie seine Augen die Farbe veränderten, und versuchte tief durchzuatmen. Sich in einer Vollmondnacht mit solchen Sorgen zu quälen hatte schon unzählige Leben gekostet.
Cassie sah ihn an und die Unsicherheit in ihrem Blick wuchs. Sie nahm seine Hände und zog ihn ins Innere des Hauses. Ohne ihn anzusehen, schloss sie die Tür und wies auf den Durchgang zur Küche. „Lass uns einen Tee trinken. Lydia ist nicht da. Wir haben also unsere Ruhe.“
Normalerweise sagte sie so etwas in einem leicht provokativen, sexy Tonfall, der sofort jedes Nervenende in ihm erregte, aber diesmal klang es viel zu ernst. Als müssten sie nun eine Beerdigung besprechen.
Wortlos und ihn höchster Alarmbereitschaft folgte er ihr in die kleine Einbauküche. Sein Blick suchte ihren Körper nach Anzeichen von Verletzungen ab, aber er fand nichts. Irgendetwas beunruhigte sie und er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um das zu ändern.
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