Typ 1 – Die Chefsekretärin: steht auf finanzkräftige Männer, sehr gute äußere Erscheinung, macht auf unnahbar, luxuriös und exquisit. Sie ist dezent-berechnend, hochwertig gekleidet, feiert Partys, gibt sich tolerant und weltoffen.
Typ 2 – Die unabhängige Frau: 50 Jahre, alleinstehend; intime Verhältnisse zu diversen Kollegen, raucht, trinkt, lesbische Veranlagung.
Typ 3 – Die Blondine, gesellig, offenherzig, selbstbewusst, 35 Jahre, häufig wechselnder Geschlechtsverkehr, charmant, witzig, leicht ironisch, sie weiß, dass sie mit ihrer Art bei den Männern ankommt.
Typ 4 – Die Studentin: 20 Jahre, ledig; macht auf Männer einen starken sexuellen Eindruck. Sie ist gut aussehend, charmant, flirtet gern.
Typ 5 – Die Schülerin: jugendlich, 17 Jahre, festes Verhältnis zu einem geschiedenen Mann. Sie nimmt an Sexpartys teil, lässt sich von mehreren Jungen am Abend vernaschen, raucht, trinkt, liebt es, öffentlich unsittlich berührt zu werden.
Damit konnte ich noch einigermaßen umgehen, doch dann zeigte mir Anika, was weibliche Intuition und sexuelle Erfahrung zu bewerkstelligen vermochten. Anika war eine alternde Blondine mit einem unförmigen Po, schweren Brüsten und langem Haarzopf. Sie hatte den Zenit ihrer Jugend schon lange überschritten, dafür war sie sexuell erfahren und mit allen Wassern gewaschen. Sie führte mir eine ausgewählte Serie an Pornofilmen vor, die zeigten, wie professionelle Frauen jeglichen Wunsch ihrer männlichen Kunden erfüllten. Ich war gewiss nicht prüde, aber die Filme schockten mich. Zum ersten Mal begann ich zu begreifen, auf was ich mich eingelassen hatte. Ich erfuhr von sexuellen Praktiken, deren Existenz ich mir vorher nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hatte vorstellen können. Anika gab mir eine Tonbandaufnahme, in der sie mir Instruktionen gab, wie ich mit den Männern umzugehen hatte. Diese Instruktionen klangen wie Grundregeln für die weibliche Kunst des Verführens oder wie Pflichten, die eine devote Frau zu erfüllen hatte.
Berühre ihn mit den Händen, gleite unter sein Hemd, unter seinen Gürtel, fahre mit den Fingernägeln über seinen Brustkorb, seinen Bauch, seine Schenkel. Öffne seine Hose. Streife leicht über die Gegend seiner Geschlechtsteile. Zieh deinen Slip aus und hebe den Rock. Lass den Rocksaum über verschiedene Gegenstände gleiten, seine Arme, seine Beine. Zeig es ihm, wie du es dir machst. Fahre mit deinen Händen über deinen Körper, knie nieder, spreize die Beine. Stöhne und erkläre ihm, dass du es ganz allein für ihn machst. Beschreibe deinen Orgasmus. Frage ihn, was er gern mag. Ruf ihn an und sag ihm, dass du nackt auf der Couch liegst, ein Kissen zwischen die Beine geklemmt hast und mit dir selbst spielst. Bitte ihn, dich nicht so lange allein zu lassen.
Das KGB beauftragte seine Sex-Agentinnen, private Beziehungen mit ausgewählten Männern einzugehen. Zum Aufgabenbereich dieser Damen gehörten Sex, gemeinsame Aufenthalte im kapitalistischen Ausland oder in Städten der Nato-Staaten. Auf diese Weise gewann der sowjetische Geheimdienst Erkenntnisse über westliche Diplomaten, Journalisten und Wirtschaftsvertreter, die er als ‚operativ-interessante Ausländer‘ bezeichnete.
Aber noch war die Theorie eben nur Theorie, und ich hoffte inständig, gewisse sexuelle Praktiken niemals in der Praxis anwenden zu müssen.
Oktober 2002
Oktober 2002
Auf der anderen Seite des Fuchsbaus lagen die Waschräume und die Toiletten. Ich verließ den Ort, der mir die schlimmsten Qualen meines Lebens beschert hatte. Die Räume mit den sanitären Anlagen sahen genauso trostlos aus wie alles andere in dem ehemaligen Erziehungsheim. Die Metallteile waren stark verschmutzt, oxidiert oder lagen herausgerissen auf dem staubbedeckten Boden. Ich blickte auf die alten blassblauen Fliesen. Wie hässlich sie waren. Genauso hässlich wie das, was hier mit mir geschehen war. Genau an dieser Stelle war ich von einem der männlichen Erzieher unsittlich berührt und vergewaltigt worden. Noch nicht einmal in den Waschräumen hatten sie mir eine gewisse Intimsphäre zugestanden. Ich fühlte eine innere Leere in mir. Da war kein Gefühl mehr, einfach nur ein leeres Nichts. Ich hatte mich damals beinahe daran gewöhnt, missbraucht zu werden. Jetzt bedeutete es mir nichts mehr. Ich hegte keine Hassgefühle gegen meine Peiniger. Viel wichtiger war das, was danach kam – mein neues Leben im Westen.
Die ersten Gehversuche fielen mir schwer. Ich war eine gerade flügge gewordene Spionin, und Westdeutschland war halt doch ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Sicher, ich hatte durch Oberst Kurganow eine vorzügliche Ausbildung genossen, und danach hatte mir Anika gezeigt, wie ich auf die sexuellen Fantasien der Männer reagieren musste, doch die Realität sah zunächst ganz anders aus. Ich reiste über den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in den Westsektor Berlins ein. Natürlich mit neuen Papieren, die erstklassig waren. Die Sowjets machten keine halben Sachen. Eine neue Identität besaß ich auch, und einen neuen Namen: Larissa Orloff. Dafür war ich extra mit meinem Betreuungsoffizier nach Kaliningrad gefahren, hatte mir jedes Dorf, jeden Hof und jede landschaftsspezifische Eigenschaft eingeprägt. Gemäß meinen neuen Dokumenten stammte ich aus Akulowo. Dort hatte es sogar mal eine Larissa Orlow gegeben, aber die war längst tot. Ich hatte ihr Grab auf dem kleinen Dorffriedhof gefunden. Alles Weitere hatte der örtliche Bürgermeister für mich arrangiert – unter anderem, meinen neuen Namen in sämtliche Register eintragen lassen. So war quasi aus dem Nichts eine neue Larissa Orlow alias Orloff als Tochter einer deutschen Landarbeiterin auferstanden. Mein Pass war so echt, wie er nur echt sein konnte. Das hatte ich wiederum einem von Oberst Kurganow im Polizeirevier Lichtenberg eingeschleusten Kontaktmann zu verdanken.
Von Westberlin aus fuhr ich mit dem Reisebus zu meinem ersten Einsatzort – nach München. Meine Aufgabe war schlicht und einfach. Ich sollte Westbürgerin werden und mich in die westdeutsche Gesellschaft integrieren. Neben meinem Pass bekam ich eine Geburtsurkunde, einen Taufschein, die Sterbeurkunde meiner Mutter, eine Arbeitserlaubnis und ein wenig Startgeld. Das war alles. Von nun an war ich auf mich allein gestellt. Das heißt, nicht ganz. Es gab noch den Betreuungsoffizier Ogoneck und die zweimal wöchentliche Kontaktaufnahme seitens der Russen mittels verschlüsseltem Funkspruch über Kurzwelle.
Ich kam in München an, als die zweite Generation der RAF den Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, ermordete. Dies geschah am 30. Juli 1977. Das RAF-Mitglied Susanne Albrecht war mit dem Bankier persönlich bekannt, sodass dieser sie in seinem Privathaus in der Oberhöchstadter Straße in Oberursel empfing. Susanne Albrecht, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar erschienen in Pontos Villa, um ihn zu entführen. Als sich Ponto zur Wehr setzte, schossen Klar und Mohnhaupt fünf Mal auf ihn, woraufhin er im Krankenhaus verstarb.
Die Zeiten waren unruhiger geworden. Etwas Unheimliches ging in Westdeutschland vor sich.
Ich saß ich in einem Café an der Pestalozzistraße und trank einen Kaffee. Draußen war es ungewöhnlich warm, oder kam mir das nur so vor, weil ich jetzt weit im Süden war?
Alles, was ich besaß, war meine neue Identität und einen alten Lederkoffer mit ein paar Habseligkeiten. Das war nicht gerade viel. Was ich jetzt am dringendsten benötigte, war eine Unterkunft und eine legale Arbeit.
„Am besten, Sie suchen sich etwas Öffentliches, wo Sie persönlichen Kontakt zu den Menschen bekommen, Katharina“, hatte mir Oberst Kurganow eingebläut.
Nun, der Oberst war weit weg, und ich hieß auch nicht mehr Katharina, sondern Larissa. Dafür musste ich mich ab sofort irgendwie allein durchbeißen. Und genau das tat ich, indem ich die Tageszeitung studierte. Am meisten interessierten mich die Kleinanzeigen. Bei den Arbeitsangeboten handelte es sich meistens um Vertretertätigkeiten beziehungsweise um Putzjobs. Das war nicht unbedingt das, was ich suchte. Ich blätterte gedankenversunken in der Zeitung, nippte an meinem Kaffee. Irgendetwas musste mir einfallen, und zwar schnell. Später war meine Tasse leer, ich stand auf und bezahlte das Getränk an der Kasse. Dann schlenderte ich zur Garderobe, nahm meine Strickjacke vom Haken und ging weiter in Richtung Ausgang. Da sah ich das Schild. Es hing im Schaufenster neben der Tür. Serviererin gesucht, stand da beidseitig in großen Lettern geschrieben. Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zur Kasse. Die ältere Dame, bei der ich vorhin den Kaffee bezahlt hatte, lächelte freundlich.
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