»Wahrscheinlich alles zusammen«, erwiderte Schwejksam leise. »Außerdem könntet Ihr jederzeit in der Schiffsdatenbank nachsehen.«
»Hab ich bereits versucht. Er hat es mit einem persönlichen Sicherheitscode geschützt. Muß ja wirklich ziemlich peinlich sein.«
»Ignoriert ihn einfach, Frost. Wir erledigen unsere Aufgaben genau wie immer. Ich hoffe nur, daß wir diesmal mehr Glück haben. Grendel sieht ganz danach aus, als könnte der Planet uns eine verdammt unangenehme Überraschung bereiten. Eine Schande, daß es keine Überlebenden des ersten Kontaktteams gibt. Ich hätte zu gerne ein paar Eindrücke aus erster Hand, was uns dort unten erwartet.«
»Es gab einen Überlebenden«, erwiderte Frost. »Den Investigator. Sie hat in ihrer Aufgabe versagt, die Gefahren rechtzeitig zu erkennen.«
»Hätte ich wissen müssen, daß ein Investigator überlebt, wenn überhaupt jemand. Was geschah mit ihr?«
»Sie wurde auf eine Höllenweit verbannt.«
»Wo sie verdammt niemandem nützt. Wirklich typisch.
Trotzdem. Ich bin überrascht, daß man sie nicht exekutiert hat.«
»Die Höllenwelt wird das besorgen.«
Schwejksam entschied, das Thema nicht weiterzuverfolgen.
Frost war eindeutig empfindlich, was ihre Kollegin anging.
Sie waren angeblich alle vollkommen, verläßlich, unüberwindlich. Jedenfalls stand das in der Beschreibung ihres Berufsbildes. Genau wie ein Schiffskommandant immer wissen mußte, was das beste für Schiff und Mannschaft war…
Schwejksam grinste sarkastisch und lehnte sich in seinem Sitz zurück. Zeit, daß die Schau begann. Zuerst würde er aus sicherer Entfernung einen genauen Blick auf den Landeplatz werfen. Die Entscheidung, wo sie landen würden, war bereits gefallen, und ferngesteuerte Einheiten waren damit beschäftigt, sichere Landeplattformen zu errichten. Schwejksam brachte die entsprechende Ansicht auf seinen kleinen Schirm und betrachtete nachdenklich das Bild. Grendel besaß keine festen Landmassen mehr. Nur Asche. Schwejksam hatte diesen Platz ausgesucht, weil eines der wenigen Dinge, die seine Sensoren ihm übereinstimmend verraten hatten, ein darunter liegendes Gewölbe in einer Tiefe von etwas mehr als eineinhalb Kilometern war. Es schien ihm der einfachste Weg, um dorthin zu gelangen. Ferngesteuerte Ausgrabungsmaschinen waren bereits dabei, einen Tunnel durch die Asche nach unten zu graben.
Doch das Gewölbe war nicht das einzige, was die Sensoren dort unten gefunden hatten. Es war kilometerweit in alle Richtungen von einer riesigen Stadt umgeben, beziehungsweise von ihren Überresten. An der Oberfläche war keine Spur der verlassenen Städte mehr zu finden. Das Sengen hatte nichts als einen einzigen, endlosen Ozean aus Asche zurückgelassen, der sich von Pol zu Pol erstreckte. Aber unter der Asche, wie durch ein Wunder von all der Zerstörung vollkommen unberührt, lagen die Überreste einer fremden Zivilisation. Auch das erste Kontaktteam war durch eine unterirdische Stadt gekommen, um zu seinem Gewölbe zu gelangen. Die Erfahrung hätte sie fast alle in den Wahnsinn getrieben. Die Stadt hatte etwas an sich gehabt, das der menschliche Verstand kaum ertragen konnte.
Die Sensoren verrieten nicht viel über die Stadt unter der Erde, außer daß es sie gab und daß sie vollkommen verlassen war. Und genau in der Mitte der ausgedehnten Fläche lag der Eingang zum Gewölbe der Schläfer . Das Gewölbe: ein gewaltiges, stählernes Grab von der Größe eines Berges. Nur daß das, was in diesem Grab schlief, sehr leicht aufwachte.
Schwejksam hatte die Aufzeichnungen der ersten Kontaktgruppe über ihre Stadt sehr genau studiert, aber sie ergaben nicht viel Sinn. Erstens waren sie weit davon entfernt, auch nur ein annähernd vollständiges Bild zu liefern, und zweitens war das, was er zu sehen bekam, ganz bestimmt kein erbaulicher Anblick. Die Einzelheiten waren einfach zu fremdartig.
Zu unähnlich allem, was Menschen je hervorgebracht hatten.
Zu unähnlich auch allem, das Schwejksam früher gesehen hatte.
Selbst Frost gestand, daß der Anblick sie beunruhigte, und sie hatte mehr Erfahrungen mit fremden Rassen als alle anderen an Bord der Unerschrocken zusammengenommen – obwohl es schon einige ziemlich seltsame Vögel an Bord des Schiffs gab. Schwejksam verzog bei dem Gedanken kurz das Gesicht. Allmählich wurde es Zeit, daß er sich mit seinem Kontaktteam in Verbindung setzte. Die Landeoperarion stand kurz bevor. Er stellte auf seinem privaten Kanal eine Verbindung zu Marinesergeant Angelo Null her und nickte dem breiten, leicht mürrisch dreinblickenden Gesicht freundlich zu.
»Wie kommen Eure Leute voran, Sergeant? Gibt es Probleme?«
»Nichts, womit ich nicht klarkäme, Sir. Sie wurden genau über alles informiert, was der letzten Kontaktgruppe zustieß.
Sie sind nicht besonders glücklich über ihre Aufgabe, aber sie wissen zumindest, was auf sie zukommt. Der dreifache Einsatzlohn hat ihre Laune erheblich steigen lassen, und die neuen Kampfdrogen tun ein übriges. Das Zeug, das man uns gegeben hat, würde sogar eine Nonne zu einem Killer machen, Sir. Aber ich denke, wir sparen uns das für den Notfall.
Chemisch erzeugter Mut ist gut und schön, aber ich bevorzuge das Echte. Persönlich halte ich mehr von der Bewaffnung, mit der man uns ausgerüstet hat. Das Neueste vom Neuesten.
Sehr geschmackvoll, Sir. Die Nachladezeit beträgt zwar immer noch zwei Minuten, aber wenn man Durchschlagskraft und Zerstörungspotential betrachtet, dann habe ich noch nie etwas Besseres als diese neuen Waffen gesehen. Ich fühle mich schon warm, sicher und geborgen, wenn ich die Dinger nur ansehe.«
»Ich bin froh, das zu hören, Sergeant. Aber ich denke, ich sollte Euch daran erinnern, daß auch die erste Kontaktgruppe bis an die Zähne bewaffnet war, und es scheint ihnen nicht geholfen zu haben. Ich möchte, daß Ihr all Eure Männer zusätzlich zu den Disruptoren mit Schrapnellgranaten, Splitterbomben, Brandbomben und persönlichen Schutzschirmen ausrüstet. Macht Euch um die Kosten keine Gedanken, ich kümmere mich darum. Ihr setzt Eure Leute mit soviel Waffen und Munition unten ab, wie sie nur tragen können, ohne in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein. Ich autorisiere außerdem die Benutzung von zwei transportablen Disruptorkanonen und einem transportablen Schirmgenerator. Seht zu, daß Ihr Eure Leute einsatzbereit macht, Sergeant. Wir werden von jetzt an in genau einer Stunde mit der Landoperation beginnen.«
»Verstanden, Kapitän.« Der Sergeant zögerte einen Augenblick. »Sir? Wir haben schon früher mit Kampfespern zusammengearbeitet, aber… Wampyre? Kommen wirklich Wampyre mit runter, Sir?«
»Das ist richtig, Sergeant. Habt Ihr ein Problem mit Wampyren? Würde es Euch gefallen, wenn ich an Euch und Eure Leute eine Sonderration Knoblauch und ein paar Kruzifixe austeilen lasse?«
»Nein, Sir. Keine Probleme, Sir.«
»Das freut mich zu hören, Sergeant.«
Schwejksam unterbrach die Verbindung, und das besorgte Gesicht des Unteroffiziers verschwand vom Schirm. Obwohl der Marinesergeant nicht deutlich geworden war, hatte Schwejksam verstanden, was er meinte. Die Wampyre waren keine echten Kampftruppen wie die Marineinfanteristen oder die Esper. Sie waren eher wie eine Waffe: Man richtete sie auf ein Ziel, sprang in Deckung und ließ sie los. Auch die Kampfesper waren nicht ganz leicht zu kontrollieren; sie waren schon halbe Psychopathen, oder sie wären nicht imstande gewesen, an einer Kampfhandlung teilzunehmen. Man umgab sie mit ESPB lockern, bis man sie benötigte, dann ließ man sie los und hoffte auf das Beste. Esper konnten weitaus
zerstörerischer sein als eine ganze Batterie von Disruptorkanonen, doch man durfte nicht darauf vertrauen, daß sie haltmachten, wenn man es wünschte oder das Ziel erreicht war. Offiziell hatte man die Esper außer Dienst gestellt, aber die Tatsache, daß die Imperatorin persönlich darauf bestanden hatte, die letzten Exemplare für diese Mission einzusetzen, sagte eine Menge darüber aus, was sie aller Wahrscheinlichkeit nach hier erwarten würde. Schwejksam hatte sich bereits ganz zu Beginn der Operation dafür entschieden, die Esper bis unmittelbar vor der Ausschiffung in Stasisfelder einzuschließen. Es war sicherer für den Rest der Besatzung. Er wünschte nur, er hätte dasselbe mit den Wampyren machen können.
Читать дальше