Überall flammte Disruptorfeuer auf, doch die Fremden schienen von allen Seiten zugleich zu kommen, gewaltige Kreaturen, drei Meter groß, in silbern schimmernde Panzer gehüllt, die irgendwie ein Teil ihres Körpers zu sein schienen.
Mäuler, die vor stählernen Zähnen blitzten, weit aufgerissen, scheinbar grinsend. Blut spritzte und tropfte von ihren Kiefern.
Die Marineinfanteristen wehrten sich verzweifelt. Disruptorstrahlen flammten auf. Schwerter wirbelten. Schreie, Rufe.
Die Fremden wüteten mitten unter ihnen, trotz ihrer enormen Größe beinahe zu schnell, um mit dem bloßen Augen gesehen zu werden.
Eine klauenbewehrte Hand fetzte einen menschlichen Kopf von seinem Rumpf, der noch einige Schritte weiterrannte, bevor er zusammenbrach. Ein anderes Ungeheuer riß einem Soldaten durch seinen Kampfpanzer hindurch die Eingeweide aus dem Bauch und steckte seinen Kopf in die so entstandene Höhle. Blut spritzte durch die Luft, zuckende Lichter von Disruptor-Entladungen, Schreie des Entsetzens und des Schmerzes.
Ein Gesicht füllte den Schirm, bettelnd, flehend, und wurde weggerissen. Eine der Kreaturen posierte für einen Augenblick vor der Kamera, eingewickelt in menschliche Eingeweide. Ein Soldat schob einem der Fremden seinen Disruptor in den Mund und feuerte. Der Kopf des Wesens explodierte.
Eine zweite Kreatur stieß ihre klauenbewehrte Hand von hinten in den Rücken des Soldaten, und sie kam aus seiner Brust wieder hervor. Der gepanzerte Fremde wedelte mit dem sterbenden Körper wie mit einer Trophäe. Die Kreaturen liefen an den Wänden entlang und über die Decke wie ein riesiger Schwarm unmöglich großer Insekten.
Die letzten Soldaten starben. Die Kreaturen stampften an den zerfetzten Leichnamen vorbei und verschwanden in Richtung der Planetenoberfläche. Der Schirm zeigte, wie das Licht langsam verlosch, und dann sah man nur noch Dunkelheit.
Die Aufzeichnung endete.
Schwejksam betrachtete den leeren Schirm für einen Augenblick, dann beugte er sich vor und schaltete ab. Die Aufzeichnungen verloren nichts von ihrer beklemmenden Atmosphäre, egal wie oft er sie betrachtete. Die Männer, die die Aufnahmen gemacht hatten, waren alle tot. Das Filmmaterial war von den Schiffslektronen gespeichert worden. Schwejksam konnte es noch immer kaum glauben, daß diese Fremden das Kontaktteam so mühelos abgeschlachtet hatten. Aber er hatte gesehen, wie Schwerter an den Panzern der Fremden zersplitterten, wie Disruptorstrahlen abprallten und scheinbar keinerlei Schäden anrichteten. Allmählich begann er sich zu fragen, ob irgend etwas die Fremden aufhalten könnte. Außer einem weiteren Sengen.
Und ausgerechnet diese Kreaturen wollte die Imperatorin zu ihren neuen Stoßtruppen machen, und er, Johan Schwejksam, sollte sie zu diesem Zweck einfangen.
»Ich denke nicht, daß wir den Truppen diese Aufnahmen zeigen sollten«, sagte Stelmach. »Es würde sie nur nervös machen.«
»Sie haben sie bereits gesehen«, erwiderte Schwejksam.
»Nach meiner Erfahrung halten informierte Soldaten länger durch.«
»Dann werde ich mit Eurer Erlaubnis alles für die Landeoperation vorbereiten, Kapitän«, sagte Stelmach. »Ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen.«
»Tut, was immer Ihr tun müßt«, erwiderte Schwejksam.
»Wir gehen pünktlich runter. Wenn Ihr bis dahin nicht fertig seid, müßt Ihr zu Fuß hinterherkommen.«
Stelmach nickte knapp und verließ die Brücke. Frost rümpfte die Nase. »Der Mann braucht mehr Ballaststoffe in seiner Ernährung. Gibt es wirklich keine weiteren Filmaufnahmen vom ersten Kontakt?«
»Das ist alles, was zu sehen ist. Außerdem schätze ich, daß ich nicht viel mehr ertragen könnte. Ich glaube nicht, daß ich schon jemals so bösartige und tödliche Kreaturen gesehen habe.«
»Da habt Ihr verdammt recht«, stimmte ihm Frost zu. Sie grinste breit. »Ich kann es kaum abwarten, ihnen gegenüberzutreten. Muß Jahre her sein, daß ich richtig herausgefordert worden bin.«
Das Schlimme daran ist , dachte Schwejksam trocken, daß sie das ernst meint.
Die Oberfläche Grendels sah in Wirklichkeit noch viel deprimierender aus als auf den Schirmen aus dem Orbit herab. Ein einziges riesiges Aschenmeer erstreckte sich in alle Richtungen bis zum Horizont, geschwungen, eben, tot. In der Luft trieb Asche und trübte das Licht der purpurnen Sonne. Es schien, als würde der Himmel selbst bluten. Die fünf Pinassen der Unerschrocken landeten eine nach der anderen auf den eigens dazu errichteten stählernen Plattformen, die über der Asche schwebten. Sie blieben gerade lange genug, um die Mannschaft der Kontaktgruppe und ihre Ausrüstung zu entladen, bevor sie wieder abhoben und verschwanden. Kapitän Johan Schwejksam warf einen Blick in die Umgebung und versuchte zugleich, ein Gespür für die veränderte Gravitation zu entwickeln. Er fühlte sich ein wenig schwerer als gewöhnlich, aber es war auszuhalten. Der Atemregenerator in seinem Uniformkragen umgab seinen Kopf mit einer Blase aus frischer Luft. Selbst wenn das übelkeitserregende Gemisch von Grendels Atmosphäre atembar gewesen wäre, hätte die darin schwebende Asche ihn innerhalb von Sekunden geblendet und seine Lungen verätzt. Er blickte den startenden Pinassen mit gemischten Gefühlen durch den blutigen Himmel hinterher.
Jetzt war er wirklich ganz auf sich allein gestellt.
Schwejksam drehte sich um und musterte seine Leute. Sie hatten sich bereits jetzt in drei Abteilungen aufgespalten: Esper, Marineinfanteristen und Wampyre. Alle hatten ihre Augen auf den Kapitän gerichtet und erwarteten seine Befehle. Als wüßte er besser als sie, was als nächstes zu tun sei.
Wenn du Zweifel hast , dann gib dir wenigstens einen zuversichtlichen Anschein.
»Also gut, alles herhören! Die Minenroboter haben einen Aufzug konstruiert, der uns in die verschüttete Stadt unter den Landeplattformen bringt. Die schlechte Nachricht ist, daß nicht mehr als fünfzehn Leute gleichzeitig hineinpassen. Deshalb werden die Marineinfanteristen als erste hinuntergehen und die Situation begutachten. Sobald wir hier oben die Nachricht erhalten, daß alles in Ordnung ist, werden Investigator Frost und ich mit den Espern hinterherfahren. Anschließend folgen Sicherheitsoffizier Stelmach und seine Wampyre. Die Waffen sind schußbereit, meine Damen und Herren! Wenn sich etwas bewegt, das nicht zu uns gehört, wird sofort geschossen. Ihr müßt nicht auf meine Erlaubnis warten. Und haltet Euch unter Kontrolle, sobald wir unten sind. Die Technologie der Fremden hat einen eigenartig beunruhigenden Einfluß auf das menschliche Bewußtsein. Konzentriert Euch allein auf Eure Aufgabe, und alles sollte glattgehen. Fragen?«
»Wollt Ihr zuerst die schlechten Nachrichten oder die wirklich schlechten Nachrichten hören?« fragte Frost.
»Redet nicht um den heißen Brei«, erwiderte Schwejksam schwer. »Was ist jetzt schon wieder schiefgelaufen?«
»Erstens haben wir jeglichen Kontakt mit der Unerschrocken verloren. Irgend etwas unten in der Stadt stört unsere Kommunikationssysteme. Das ist eine neue Entwicklung, seit unser erstes Team auf diesem Planeten war. Und es bedeutet, daß wir hier feststecken, wenn irgendwas passiert. Wir können keinerlei Verstärkungen anfordern, und wir können uns nicht evakuieren lassen. Wir sitzen fest, bis die Pinassen zur vorher vereinbarten Zeit wiederkommen. Und das ist erst in vier Stunden. Vielleicht interessiert Euch in diesem Zusammenhang, daß die erste Mannschaft insgesamt zwei Stunden und siebzehn Minuten überlebt hat.«
»Und die wirklich schlechte Nachricht?« fragte Schwejksam nach einer kurzen Pause.
»Die Minenausrüstung hat aufgehört zu funktionieren. Der Aufzug arbeitet noch, aber der Schacht führt nur bis zum Rand der unterirdischen Stadt. Wir werden mindestens eine Stunde marschieren müssen, bis wir das Gewölbe erreicht haben.«
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