Schwejksam runzelte sorgenvoll die Stirn. Offiziell waren die Wampyre Stelmachs Haustierchen. Sie unterstanden dem direkten Kommando des Sicherheitsoffiziers, und sonst niemandem. Es war ihre letzte Chance, ihre Nützlichkeit zu beweisen. Wenn sie sich bei dieser Mission nicht bewährten, würde man das Wampyr-Projekt einstellen. Das sollte sie bewegen, ihren Befehlen nachzukommen und nicht so viele Schwierigkeiten zu machen – doch Schwejksam glaubte nicht so recht daran. Wampyre gaben exzellente Einzelkämpfer ab, schnell, stark, furchtlos und beinahe unverwundbar, aber sie taugten überhaupt nichts, wenn es darauf ankam, mit anderen Truppen zusammenzuarbeiten. Ihr nie versiegender Blutdurst machte sie zu gefürchteten Kämpfern, aber auch anfällig für Ablenkungen. Schwejksam seufzte. Er hatte es vor sich her geschoben, so lange er konnte, doch er mußte mit ihnen reden.
Er schaltete eine Verbindung zu ihrem Quartier und wartete geduldig. Sie hatten ihr eigenes Territorium unten im Schiff, wo sie von den anderen Besatzungsmitgliedern getrennt leben konnten – zur Erleichterung aller Verantwortlichen.
Das Gesicht eines Toten erschien auf dem Schirm. Seine Haut war blaß und blutleer, und sein Ausdruck kalt und nichtssagend. Er schien geistesabwesend, beinahe als würde er ein Lied hören, das kein Ohr eines Sterblichen je wahrnehmen konnte. Das Quartier hinter dem Gesicht des Wampyrs war stockdunkel. Wampyre bevorzugten die Dunkelheit.
Schwejksam räusperte sich und bereute es im gleichen Augenblick. Es ließ eine Schwäche erkennen.
»Hier spricht der Kapitän. Wir werden innerhalb der nächsten Stunde landen. Sind Eure Leute in ihre Aufgaben eingeweiht und fertig?«
»Ja, Kapitän. Wir freuen uns darauf, anzufangen.« Die Wampyre hatten ihren eigenen Anführer, der das Bindeglied zu Stelmach darstellte. Es schien etwas mit Alpha-Dominanz zu tun zu haben. Noch so etwas, das die Menschen nicht verstanden an der Rasse, die sie selbst geschaffen hatten. Nach den Aufzeichnungen zu urteilen, hörte der Wampyr hier auf den Namen Ciannan Budd. Er war einst ein ganz gewöhnlicher, lebendiger Mensch gewesen, mit Hoffnungen und Träumen und menschlichen Emotionen. Dann hatte man ihn getötet und seine Adern mit synthetischem Blut gefüllt – und welche Gefühle er jetzt auch immer haben mochte, kein Mensch würde sie je als menschlich erkennen. Schwejksams Mund war beinahe schmerzhaft trocken, aber er zwang sich dazu, den Augenkontakt mit dem Wampyr aufrechtzuerhalten.
»Gab es Probleme mit dem Blutersatz, den wir bereitgestellt haben?«
»Er ernährt uns, aber er ist nicht besonders schmackhaft. Er ist nicht echt. Er befriedigt uns nicht.«
Ein eigenartiger Unterton in der tonlosen, leiernden Stimme jagte eine Gänsehaut über Schwejksams Arme, doch der Kapitän ließ sich nichts anmerken. »Haltet Euch bereit. Ich werde Euch rechtzeitig Bescheid geben, wenn es losgeht.«
Der Wampyr nickte und unterbrach die Verbindung, bevor Schwejksam dies von sich aus tun konnte. Der Kapitän der Unerschrocken seufzte resignierend und entspannte sich langsam in seinem Sitz. Es hätte auch schlimmer kommen können, sagte er sich. Es hätten Hadenmänner sein können.
»Wir können ihnen nicht vertrauen«, meldete sich Frost hinter ihm. »Sie sind nicht menschlich.«
»Genau das gleiche sagen andere bereits seit vielen Jahren über die Investigatoren«, erwiderte Schwejksam ruhig.
»Wampyre sind in bestimmten Situationen nützliche Werkzeuge, und sie tun aus den gleichen Gründen ihre Pflicht wie Ihr oder ich, Investigator Frost: nur hundertprozentiges Engagement wird uns lebendig wieder von Grendel wegbringen.
Überlaßt mir die Sorge um die Wampyre. Ich möchte, daß Ihr Euch ganz auf die Schläfer konzentriert, Frost.«
Frost zuckte die Schultern. »Zeigt mir einen, und ich konzentriere mich auf ihn. Ihr sagt dauernd wir . Seid Ihr noch immer fest entschlossen, mit uns zu landen?«
»Ja. Wenn wir das Gewölbe aufbrechen, werden rasche Entscheidungen vonnöten sein, und ich plane nicht, sie Stelmach zu überlassen.«
»Ihr sprecht schon wieder von mir?« mischte sich Stelmach ein. Er war lautlos auf der anderen Seite des Kommandositzes, gegenüber Frost, aufgetaucht. Schwejksam riß sich zusammen. Er würde Stelmach nicht die Befriedigung geben, sich seinen Schreck anmerken zu lassen.
»Ich habe eben gesagt, daß wir vielleicht besser einen letzten Blick auf die Aufzeichnungen der ersten Kontaktgruppe werfen. Ein ekelerregender Anblick, aber notwendig. Auch die kleinste Kleinigkeit, die wir von ihnen erfahren, könnte am Ende über Leben und Tod entscheiden. Es besteht immer die Chance, daß uns etwas Neues auffällt. Etwas, das uns nützen könnte.«
Stelmach nickte ausdruckslos, und zu dritt blickten sie auf die Bilder, die auf dem kleinen Schirm vor Schwejksams Kommandantensitz erschienen, nachdem der Kapitän seinen Zugangscode eingegeben hatte. Die meisten Aufnahmen hatten sich bei der Auswertung als unbrauchbar erwiesen. Alles war scheinbar in Ordnung, bis die Gruppe in die unterirdische Stadt eingedrungen war. Allein die Nähe der fremden Technologien schien die Kameras empfindlich in ihrer Funktion gestört zu haben. Sie hatten begonnen, sich scheinbar willkürlich ein- und auszuschalten, so daß später nur noch eine sich ständig ändernde Montage von Menschen, Szenen und Ereignissen auf dem Film zu erkennen gewesen war. Und selbst davon war noch das meiste verschwommen oder unscharf gewesen – als wäre alles so schnell gegangen, daß die Kameras keine Zeit mehr gehabt hätten zu fokussieren. Die rechnergestützte Nachbearbeitung mit Hilfe der Lektronen hatte daran nicht viel ändern können. Der größte Teil dessen, was die Filme zeigten, war so fremdartig, so unbegreiflich, so anders , daß die Lektronen keinerlei Daten in ihren Speichern gefunden hatten, anhand derer sie Vergleiche hätten anstellen können. Schwejksam konnte sich nicht entschließen, deswegen traurig zu sein. Er hatte das unbestimmte Gefühl, daß das gesamte Filmmaterial, intakt und ausreichend scharf rekonstruiert, ausgereicht hätte, ihm graue Haare wachsen zu lassen.
Die Aufzeichnungen bestanden größtenteils aus kurzen Eindrücken und Momentaufnahmen. Es begann mit schnellen Einstellungen, die die fremdartige Umgebung zeigten, dunkel und beunruhigend. Die großen Strukturen waren nicht beleuchtet, und fremdartige Schatten bewegten sich über ihre glatten Oberflächen wie treibende Gedanken, während die Kontaktgruppe sich vorantastete. Die Strukturen schienen nicht einfach nur Gebäude zu sein. Alle möglichen Arten fremdartiger Maschinerie umhüllten sie wie schlafende Schlangen, ragten aus fensterähnlichen Öffnungen oder aus den Wänden wie Tumorgeschwüre. Wahre Alpträume aus verdrehten, schimmernden Materialien, die beinahe aussahen, als wären sie lebendig. Es gab Maschinen, die zu atmen schienen, und spiralförmige Röhren, die vor Schweiß glitzerten. Merkwürdige, reglose Figuren mit blicklosen Augen und Dinge, die sich zu bewegen schienen, bis man näher kam. Die Kontaktgruppe bewegte sich zwischen den massiven Bauwerken hindurch wie eine Horde Ratten, die man in einem Labyrinth ausgesetzt hatte, aus dem es kein Entrinnen gab, und ihre Unterhaltungen klangen immer abgehackter und hysterischer aus den Lautsprechern.
Die Scheinwerfer der Landetruppe glitten über die sich stetig ändernde Szenerie wie die Blitze eines schweren Gewitters, bis sie schließlich zu den gewaltigen stählernen Toren des Gewölbes der Schläfer kamen. Nach den Rekonstruktionen der Lektronen waren die Tore beinahe acht Meter hoch und vier breit; große, glatte Platten aus einem schimmernden Material ohne irgendeine Spur eines Schließmechanismus.
Die Kontaktgruppe versuchte eine Weile erfolglos, die schweren Portale zu öffnen, bevor der Anführer am Ende die Geduld verlor und sie einfach mit einer schweren, tragbaren Disruptorkanone in die Luft jagen ließ. Die Tore flogen zurück, Licht flammte im Innern des Gewölbes auf, und die Schläfer strömten hinaus.
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