»Sie müssen es wirklich verdammt ernst auf deinen aristokratischen Arsch abgesehen haben«, sagte Ruby Reise. »Hat dieser Schrotthaufen eine Bewaffnung?«
»Jedenfalls nichts, um einen Sternenkreuzer aufzuhalten«, antwortete Owen. »Oz, leite den Sprung ein. Jetzt!«
»Ich fürchte, das ist unmöglich, Owen. Ich arbeite noch immer an den exakten Raumkoordinaten. Wenn wir zu früh springen, ohne daß alle Berechnungen bis auf die letzte Stelle hinter dem Komma stimmen, könnten wir am Ende in einer Sonne rematerialisieren. Oder etwas ähnlich Unangenehmes.
Gerade sind die Backbordschilde zusammengebrochen. Alles festhalten!«
Das Schiff schüttelte sich heftig, und die Alarmsirenen heulten los. Immer und immer wieder bäumte die Sonnenschreiter sich unter den schweren Treffern der beiden Sternenkreuzer auf, und Rauch zog durch die Lounge. Flaschen fielen aus ihren Halterungen in der Bar und zerschellten am Boden.
Owen klammerte sich an einen Griff in der Wand und überlegte krampfhaft, was er als nächstes unternehmen sollte. In der Nähe – viel zu nah! – vernahm er das krachende Knistern eines ausbrechenden Feuers.
»Oz, Statusbericht!«
»Sieht schlecht aus, und es wird jeden Augenblick schlimmer. Die Hälfte unserer Schilde ist unten, die äußere Hülle ist an siebzehn Punkten durchbrochen, die innere an drei. Wir verlieren rasch Luft.«
»Können wir ihnen nicht davonfliegen?«
»Wenn du sie ärgern willst? Halte durch, Owen. Noch ein paar Minuten, und wir können springen.«
»Wir haben keine paar Minuten mehr! Spring jetzt! Sofort!«
»Ich kann wirklich nicht dazu raten, Owen. Wenn wir augenblicklich springen, kann ich nicht für eine sichere Ankunft garantieren.«
»Spring endlich! Auf der Stelle! Das ist ein verdammter Befehl! «
»Jawohl, Owen. Aber ich lehne jede Verantwortung ab. Also auf nach Shandrakor! Tod oder Sieg!«
Die Beleuchtung flackerte und erlosch. Rauch füllte die Lounge. Das Schiff machte einen Satz zur Seite, als der Bug in einer hallenden Explosion auseinanderflog… und dann war die Sonnenschreiter verschwunden. In den Hyperraum entkommen, auf der Flucht und auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft.
KAPITEL SECHS
UNTER DER ASCHE DIE STADT
Johan Schwejksam, durch Gnade und Vergnügen Ihrer Majestät, der Imperatorin Löwenstein XIV., aufs neue Kommandant eines Sternenkreuzers der Imperialen Flotte, saß steif in seinem Kommandositz auf der Brücke der Unerschrocken und versuchte vergeblich, eine bequeme Haltung einzunehmen.
Nicht, daß mit dem Sitz etwas nicht gestimmt hätte – er war einfach noch zu neu, wie alles andere an Bord auch. Er gab noch nicht an den richtigen Stellen nach, und er erlaubte Schwejksam nicht seine gewohnten Gesten, wie der Sitz an Bord der guten alten Sturmwind . Er war wie der Rest des Schiffs vergangen, verglüht beim Absturz in die Atmosphäre des Planeten Virimonde . Die Sturmwind war viele Jahre lang sein Schiff gewesen, und zwar ein verdammt gutes. Schwejksam seufzte leise. Hier saß er nun, mit einem neuen Schiff unter seinem Kommando und einer zweiten Chance, auf die er keinen Anspruch gehabt und die er nicht erwartet hatte, und er hatte nichts anderes im Sinn, als zu nörgeln. Nun , dachte Schwejksam, wie ich immer sage; jeder soll tun , was er am besten kann.
Aber trotz allem mußte er zugeben, daß die Unerschrocken ein ganz besonderes Schiff war. Selbst wenn sie frisch aus der Werft kam, überall funkelte und blitzte und noch vollkommen unerprobt war. Wenn sie auch nur die Hälfte von dem hielt, was die Ingenieure versprochen hatten, dann wäre sie mit Abstand das schnellste und am besten bewaffnete Schiff der gesamten Imperialen Flotte und ein wahres Wunder der Galaxis.
Die Unerschrocken war mit dem neuen Hyperraumantrieb ausgerüstet, trug mehr Disruptorkanonen als jedes andere Schiff und war mit Schutzschilden ausgestattet, die selbst das atomare Feuer von Sonnenprotuberanzen überstehen konnten.
Die Unerschrocken wog für sich allein genommen soviel wie eine ganze verdammte Flotte, und Schwejksam war nicht blind gegenüber dem Vertrauen, das Ihre Majestät Löwenstein XIV. in ihn gesetzt hatte, als sie ihm das Kommando übergab.
Jeder andere Kommandant wäre vielleicht in Versuchung geraten, das Schiff zu nehmen und über den innergalaktischen Rand zu verschwinden, um auf der anderen Seite sein eigenes kleines Imperium zu gründen. Er wäre sicher gewesen in dem Wissen, daß Jahre vergehen würden, bevor ähnliche Schiffe die Verfolgung hätten antreten können. Aber Löwenstein hatte gewußt, daß er, Johan Schwejksam, das nicht tun würde.
Sie hatte ihm das Leben und ein neues Kommando geschenkt, obwohl sie das nicht nötig gehabt hatte. Weil sie ihm vertraute. Und jetzt war er ihr Mann. Mit Leib und Seele. Bis beide tot und zu Staub zerfallen wären.
Aber bis zu diesem Zeitpunkt war er, Johan Schwejksam, der neue Kapitän eines brandneuen Schiffs, auf dem er nichts vertrauen durfte, bis es nicht sorgfältig erprobt und getestet und für zuverlässig befunden worden war. Hochtrabende Behauptungen waren gut und schön, aber Schwejksam behielt sich sein eigenes Urteil vor. Ingenieure hatten die Neigung zu überschwenglichem Enthusiasmus, ganz besonders dann, wenn es nicht ihr eigener Hintern war, der hinterher im Feuer stand. Außerdem wußte Schwejksam auch, woher der neue Antrieb stammte. Die Ingenieure hatten ihn nach dem Muster kopiert, das aus dem fremden Schiff geborgen worden war, welches er auf Unseeli vor knapp einem Jahr entdeckt hatte.
Schwejksam vermutete, es sei durchaus möglich, daß die Werften inzwischen das Prinzip der fremden Maschine voll verstanden hatten, aber trotzdem machte er es sich zur Gewohnheit, zu jedem gegebenen Zeitpunkt über die Position der nächstgelegenen Rettungskapsel Bescheid zu wissen. Das war die Kehrseite seiner Ernennung zum Kommandanten eines nagelneuen Schiffs. Wenn an Bord der Unerschrocken etwas schiefging, dann war er für die Imperatorin vollkommen entbehrlich.
Schwejksam verdrängte den unerfreulichen Gedanken und konzentrierte sich auf den großen Schirm an der Frontseite der Brücke. Die Unerschrocken war zwei Stunden zuvor aus dem Hyperraum gefallen und in einen Orbit um den Planeten Grendel eingeschwenkt, und die brandneuen Sensoren lieferten noch immer keine aussagekräftigen Daten. Die Informationen, die die Sensoren ausspuckten, waren bestenfalls fragwürdig, wenn nicht sogar unverständlich. Und sie nutzten ihm verdammt noch mal überhaupt nichts. Praktisch jede Frage, die Schwejksam seinen Lektronen gestellt hatte, waren mit
›ungenügende Datenbasis‹ beantwortet worden, und jetzt schmollte die KI der Unerschrocken , weil er die Nerven verloren und sie angebrüllt hatte. Aber er konnte die Landung auf dem Planeten nicht guten Gewissens noch länger
hinauszögern. Die Befehle der Imperatorin in dieser Hinsicht waren ziemlich unmißverständlich gewesen. Seine Aufgabe war die Lokalisierung der verbliebenen Gewölbe der Schläfer . Er hatte sie zu öffnen und alle Kreaturen zu unterwerfen oder zu vernichten, die er darin fand. Soweit nichts Neues; es war die Standardverhaltensweise des Imperiums gegenüber fremden Rassen. Aber die Wesen auf Grendel – besser gesagt, tief unter Grendels Oberfläche – waren etwas anderes. Bösartige, unnatürliche Tötungsmaschinen. Sie hatten das Imperiale Forschungsteam förmlich geschlachtet, das sie entdeckt hatte.
Irgend so ein Dummkopf hatte eines der Gewölbe geöffnet, und schon war es geschehen. Schwejksam hoffte, die Dinge würden diesmal anders laufen. Erstens wußte er, was ihn erwartete. Und zweitens hatte er eine volle Kompanie von fünfzig Marineinfanteristen, zehn Kampfesper und zwanzig Wampyre als Rückendeckung bei sich.
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